Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Mode

Eigentlich ging die Kirche schon immer mit der Mode. Die blumigen Messgewänder waren in der Barockzeit topmodern. Später wurden solche Blumenkleider nur noch der Pop- und Hippie-Kultur zugestanden oder allenfalls der Bademode an spanischen Stränden. Nach der lebens- und farbenfrohen Barockzeit folgten enge und verklemmte Zeiten in Kirche und Gesellschaft. 

Die ersten Christen haben sich mit einer Tunika nach griechisch-römischer Mode gekleidet. Die weiten Gewänder werden heute noch von Seelsorgerinnen und Seelsorgern oder Ministranten im Gottesdienst getragen. Diese Kleidung hat sich weit über die Zeit hinaus gehalten. Weil sie aber nur noch im Gottesdienst getragen wird, ist aus der modischen Alltagskleidung ein liturgisches Gewand geworden. Erst in neuerer Zeit wird der Typ Tunika wieder auf Modeseiten angeboten. 

Im Verlaufe der Jahrhunderte wandelten sich die Formen, Stoffe und Motive der liturgischen Gewänder immer wieder. Auf Wolle folgten Damast und Brokat oder Seide. Dabei orientierte man sich an der Mode der vornehmen Gesellschaft. Doch an den prächtigen Gewändern in Balsthal zeigte mir Reto Hafner, der Verantwortliche für den Kirchenschatz, interessante Details. Die Messgewänder stammten quasi aus dem Secondhand-Shop. Die Stoffe dienten zuerst den reichen Damen und Herren als Repräsentationskleidung. Wenn sie nicht mehr gebraucht wurden, schenkte man sie der Kirche. Die Kleider wurden aufgetrennt und die Stücke neu zu einer liturgischen Ausstattung zusammengenäht. So konnte die Kirche kostengünstig an der jeweiligen Mode teilhaben. 

Im Caritas-Secondhand-Shop Olten und auch in anderen ähnlichen Geschäften wird dieses Prinzip auch heute noch angewendet. Leute mit kleinem Budget oder solche, die ein besonderes Stück suchen, können in einem Secondhand-Shop günstig etwas Modisches und Attraktives finden und so mit der Zeit gehen. Das Wiederverwerten von noch brauchbaren Sachen, die Beteiligung von Benachteiligten am kulturellen und sozialen Geschehen und das Gehen mit der Mode sind eben Werte, die viel mit kirchlicher Tradition zu tun haben.   

Ich wünsche Ihnen viel Freude an schönen Stoffen und Gewändern. 

 

Kuno Schmid