Aktuelle Nummer 25 | 2019
08. Dezember 2019 bis 21. Dezember 2019

Schwerpunkt

GleichBerechtigung. Punkt. Amen.

Interview: Kuno Schmid

Am 14. Juni 2019 gehen die Frauen zum nationalen Frauenstreik auf die Strasse. Weil die Gleichstellung auch in den Kirchen zu wünschen übrig lässt, engagieren sich auch Kirchenfrauen an dieser Aktion, und darüber hinaus bis zum Wochenende. Die Frauen fordern Gleichberechtigung und sind überzeugt, dass Veränderung möglich ist. Für das «Kirchenblatt» haben Elisabeth Loser, Kantonalpräsidentin des Solothurner Katholischen Frauenbundes, und Luisa Heislbetz, Pastoralraumleiterin Mittlerer Leberberg, erläutert, warum sie den Frauen*KirchenStreik unterstützen und wichtig finden. 

Warum beteiligen sich kirchliche Organisationen wie der Solothurner Katholische Frauenbund am nationalen Frauenstreik?
Zum Mitmachen am Frauenstreik 2019 haben sich der evangelische und katholische Frauenbund sowie kirchlich-feministische Bewegungen gemeinsam in ökumenischer Zusammenarbeit entschieden. Der Frauenstreik ist eine Protestaktion, die darauf aufmerksam machen will, dass in unserem Land die Forderung nach Gleichberechtigung und besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch immer nicht eingelöst wird. In vielen gesellschaftlichen Bereichen sind Frauen benachteiligt, untervertreten oder müssen zu niedrigeren Löhnen arbeiten. Innerhalb dieser nationalen Bewegung wollen die Kirchenfrauen jedoch mit dem Frauen*KirchenStreik einen besonderen Akzent setzen.  

Wo muss in den Kirchen Gleichberechtigung eingefordert werden?
In den Kirchen sind es mehrheitlich Frauen, die viel Freiwilligenarbeit leisten, insbesondere in karitativen Bereichen. Auch die Katechese und manche pastoralen Tätigkeiten werden von Frauen getragen. Aber in den Leitungs- und Entscheidungsgremien dominieren die Männer. Da wird in den Kirchen vielerorts ein überholtes Rollenbild transportiert, das den Frauen nur eine schweigende, dienende und untergeordnete Stellung zuordnet. Die Frauenverbände fordern jedoch gemeinsames Tun, gemeinsames Entscheiden, gemeinsames Gestalten von Frauen und Männern auf allen kirchlichen Ebenen. Punkt. Amen. 

Punkt. Amen. Das tönt wie der Schluss eines Gebetes. Geht es dabei um religiöse Quellen, auf die sich das Engagement der Frauen stützt? 
Ja, denn «Amen» heisst: So sei es, Gott will es so! Gemäss den biblischen Schöpfungsaussagen hat Gott den Menschen als Mann und Frau gleichermassen nach seinem Bild geschaffen. In der patriarchal geprägten Geschichte wurde diese theologische Grundlage darauf reduziert, dass eigentlich nur der Mann als Abbild Gottes gelten könne. Die Menschwerdung Gottes in Jesus wurde denn auch von vielen auf eine Mannwerdung verkürzt. Dieser Jesus hat sich jedoch über die Massstäbe seiner Zeit hinaus für Benachteiligte und gerade für Frauen eingesetzt. Er hat Maria Magdalena als erste Apostolin zu den Jüngern gesandt, um ihnen die Osterbotschaft zu verkünden. Deshalb konnte auch Paulus im Galaterbrief schreiben: «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.»Gal 3,28

Erwarten Sie denn in der katholischen Kirche eine Zulassung von Frauen zu den Leitungs- und Weiheämtern? 
Der Basler Bischof, Felix Gmür, hat diesbezüglich schon verschiedene Schritte unternommen. So können in unserem Bistum Frauen nicht nur als Katechetinnen, Religionspädagoginnen und Seelsorgerinnen tätig sein, sondern auch die Leitung einer Gemeinde oder eines Pastoralraums wahrnehmen. Selbst in die Bistumsleitung wurden zahlreiche Frauen in Funktionen berufen, die keine Weihe erfordern. Für die weiteren Schritte braucht es eine theologische Neufassung des Weihe- und Amtsverständnisses in der Kirche. Denn der Berufungsmangel ist nicht nur eine Folge der engen Zulassungsbedingungen, sondern auch Ausdruck eines zu Ende gehenden patriarchalen Amtsverständnisses.  

Das tönt nach einem langen Prozess. Markiert aber der Frauen*KirchenStreik nicht gerade das Ende der Geduld?
Die theologischen und kirchenrechtlichen Grundlagen sind längst aufgearbeitet. Deshalb haben es die Frauen satt, seit Jahrzehnten immer vertröstet zu werden. Viele fragen sich, warum sie da überhaupt noch mitmachen sollen. Einige verlassen die Kirche mit lautem Protest, die meisten jedoch still und enttäuscht. Wir stehen jedoch ein für die Parole «Auftreten statt austreten!». Wir wollen bleiben und uns Glauben und Kirche nicht nehmen lassen. Wir hoffen, dass viele Frauen mit einem Lila-Punkt diese Haltung zum Ausdruck bringen. 

Mit welchen Streikaktionen müssen die Gläubigen an den Tagen vom 14. bis 16. Juni rechnen?
Der Frauen*KirchenStreik richtet sich nicht gegen die Gläubigen. Deshalb werden auch nicht Gottesdienste ausfallen oder Krankenbesuche eingestellt. Den Forderungen nach Gleichberechtigung. Punkt. Amen. sollen mit verschiedenen Aktionen und Zeichen Nachdruck verleihen werden. So sind die Pfarreien aufgerufen, am 14. Juni um 15.30 Uhr die Kirchenglocken zum Frauenstreik läuten zu lassen. Andere planen einen ökumenischen Streik-Treffpunkt vor der Kirche mit Musik, Kaffee und Kuchen oder einen Sitzstreik zu Beginn des Gottesdienstes. Es gibt auch Ideen, Transparente zu platzieren, eine Widerstandserklärung zu verlesen oder den Gottesdienst mit Pink-Mitra oder mit dem Pink-Punkt zu besuchen. Es werden auch spezielle Frauengottesdienste geplant, zu denen natürlich auch die vielen wohlgesinnten Männer eingeladen sind. 

Gibt es solche kirchlichen Frauenproteste auch in anderen Ländern?
Die kirchlichen Frauenverbände sind über die Landesgrenzen hinweg miteinander verbunden und stehen gemeinsam für die Gleichberechtigung der Frauen in den Kirchen ein, denn die Gleichberechtigung ist ein globales Menschenrecht. Die Aktion «Maria 2.0», gestartet von einer Frauengruppe in der Stadt Münster, ist in den vergangenen Wochen zu einer deutschlandweiten Bewegung geworden. Gefordert werden der Zugang der Frauen zu allen Ämtern und Reformen in den kirchlichen Strukturen. Weil sich die hierarchische Kirche seit Jahrzehnten als reformunfähig erweist, braucht es diese neuen Formen des Protests. Nur auf diese Weise lässt sich ein Klerikalismus aufbrechen, der immer wieder als Grund für Machtmissbrauch benannt wird.  

 

Nachtkerze – Wortfeier zum Frauenstreik
Freitag, 14. Juni 2019, 19.00 Uhr
Terrasse des Stadthauses Olten
Gleichberechtigung. Punkt. Amen. – Wortgottesdienst
Samstag, 15. Juni 2019, 17.45 Uhr
Katholische Kirche Langendorf

 

Informationen zum Frauen*KirchenStreik unter www.frauenbund-so.ch oder www.frauenbund.ch 

* Der Stern bringt zum Ausdruck, dass auch die Anliegen anderer Minderheiten und Benachteiligter mitgemeint sind.