Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Editorial

Maria 2.0

Die Frauenstreikbewegung in Deutschland hat Maria in den Mittelpunkt ihrer Gebete und Aktionen im Monat Mai gestellt. Der Zusatz 2.0 verweist auf die digitalisierte Gegenwart. Die Bezeichnung erinnert an die Unterscheidung von Web 1.0 und Web 2.0 in der Welt des Internets. Web 1.0 steht dabei für die erste Generation von Websites. Gemeint sind damit die vielen Homepages von Firmen, Institutionen und Personen, die ihre Angebote und Informationen mit Bild und Text ins Netz stellen. Interessierte Nutzerinnen und Nutzer können diese Websites anklicken, Informationen herunterladen oder Produkte bestellen. An diesem Web 1.0 wird kritisiert, dass die Kommunikation nur in eine Richtung läuft, vom Anbieter zum Nutzer oder vom Sender zum Empfänger. Mit Web 2.0 hat sich das Word Wide Web geöffnet, sodass auch die Nutzenden sich beteiligen können. Mit einfacher Software können von jedem Computer aus Bilder und Informationen selbstständig hochgeladen werden. Es sind kooperative Projekte wie die Enzyklopädie Wikipedia entstanden, welche die Benutzerinnen und Benutzer selbst laufend weiterschreiben, oder auch die kommerzialisierten Social-Media-Firmen wie Facebook und Twitter. Web 1.0 ist deshalb nicht verschwunden. Vielmehr haben sich viele Homepages erweitert und ihrerseits partizipative Elemente integriert. 

Die Charakterisierungen lassen sich im übertragenen Sinn auf Maria anwenden. Maria 1.0 steht für Maria mit einem hörenden Herz, die glaubt und ihr Leben in den göttlichen Dienst stellt. Maria 2.0 lenkt den Fokus auf Maria, die sich selbst aktiv an der Verkündigung der Frohen Botschaft beteiligt, etwa mit ihrem berühmten Magnifikat. Es ist auch die Maria, die an Pfingsten die Jüngerinnen und Jünger zum Gebet um sich versammelt und zur Führungs- und Integrationsfigur der jungen Kirche wird. Beides ist Maria und macht sie zum Leitbild einer Kirche, in der Männer und Frauen gleichberechtigt ihre Berufung suchen und leben sowie Macht und Verantwortung teilen. 

Ich wünsche Ihnen, gerade an Pfingsten, eine erweiterte Sicht auf Maria, die Fürsprecherin der ganzen Kirche. 

 

Kuno Schmid