Aktuelle Nummer 25 | 2019
08. Dezember 2019 bis 21. Dezember 2019

Schwerpunkt

Jenseits

von Stephan Kaisser mit Kantonsschülerinnen und -schülern

Gibt es ein Leben nach dem Tod und wenn ja, wie sieht es aus? Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Solothurn diskutierten diese Fragen und hielten ihre persönlichen Antworten schriftlich fest. Diese werden ergänzt durch die Sicht eines Theologen und durch eine offizielle römisch- katholische Position.

Am Ende der Frühlingsferien war Ostern. Was lag näher, als in der ersten Lektion nach den Ferien mit der Frage in den Religionsunterricht einzusteigen: «Was bedeutet Ostern für uns?» Bald landeten wir bei der Frage «Was kommt nach meinem Tod?» Hier einige «ungefilterte» Antworten von etwa 14-/15-jährigen Sek-P-Schülerinnen und Schülern.

Ich glaube, dass meine Seele weiterlebt. Das ist das Wesentliche von mir. Mein Körper stirbt, den brauche ich dann auch nicht mehr.

Ich glaube, dass ich in den Himmel komme, dort ist es schön und alle sind Freunde. Eine Hölle gibt es nicht. Vielleicht ein Fegefeuer, in dem man für die Sünden bestraft wird und danach in den Himmel kommt.

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich nach meinem Tod wieder als neuer Mensch auf die Erde komme. Das ist aber nicht so wichtig, weil ich mich ja dann an das Leben vorher gar nicht erinnern kann. Also höre ich ja doch auf zu leben. 

Irgendwie wird es schon weitergehen. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen wie.

Tot ist tot und bleibt tot.

In der Maturaklasse (Alter etwa 18 – 20 Jahre), in der es Schüler und Schülerinnen verschiedener Religionen hat, behandelten wir das Thema «Jenseitsvorstellungen in den Weltreligionen». Dabei war eine Aufgabe, auf einer Seite die eigene Vorstellung zu verschriftlichen. Hier einige Auszüge:

Irgendwann werde ich sterben und in den Himmel, das Paradies kommen. Doch was erwartet mich da, was wird meine Ewigkeit ausmachen? Diese Frage beschäftigt mich schon von Kindheit an, seit mir meine Oma vom Tod ihres Sohnes, meinem Onkel erzählte, der ertrunken war. Ich hatte ihn nie persönlich kennengelernt, aber schon als Kind dachte ich, dass ich das einmal werde nachholen können, im Himmel. Bis dahin schaut er von dort auf mich und hilft mir in schwierigen Situationen. Diese Vorstellung hat sich nicht gross verändert. Ich glaube nach dem Tod kommt der Himmel, wo ich mit allen, die mir am Herzen lagen, vereint bin und wo so Ruhe und Freude herrscht. Und ich werde auf meine Familie und Freunde «herabsehen» und sie begleiten.

Ich glaube daran, dass es ein Paradies und eine Hölle gibt. Je nachdem, ob man ein guter und gläubiger oder schlechter Mensch war, kommt man nach dem Tod ins Paradies oder in die Hölle. Die Hölle ist der Ort der Verdammten, sie besteht aus Feuer, alles ist feurig und heiss, auch Kleidung, Nahrung, Trinken. Doch nach einer gewissen Zeit kommen die Muslime auch ins Paradies, die Hölle ist also für sie zeitlich begrenzt. Durch gute Werke und den Glauben an Allah kann man ins Paradies kommen. Es ähnelt einem Garten mit Bäumen und Flüssen, alle Wünsche gehen in Erfüllung, man trägt kostbaren Schmuck und schöne Kleider und trifft sich wieder mit allen Lieben.

Ich glaube, dass unser Leben vorbestimmt ist. Ich glaube, dass es ein Schicksal gibt und Gott einen Plan für uns hat. Unsere Entscheidungen haben Konsequenzen, wir enden jedoch dort, wo wir enden sollen. Jedoch sind es genau diese Entscheidungen, die unser Leben nach dem Tod beeinflussen. Wir müssen uns für unser Handeln auf der Erde verantworten, jedoch denke ich, dass Gott Barmherzigkeit walten lassen wird. Wir alle machen Fehler, es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Gott ist gerecht und er entscheidet gerecht, wer es verdient in den Himmel zu kommen. In der Hölle bekommt man das Leid, das man verbreitet hat, selber zu spüren. Im Himmel werden unsere tiefsten Wünsche nach Glück und Liebe erfüllt, dort gibt es keinen Neid und keine Gewalt, die Zeit spielt keine Rolle mehr.

Ich bin mit der christlichen Vorstellung von Himmel und Hölle aufgewachsen. Doch heute erscheint mir die Vorstellung von einem Paradies, in dem es weder Qual noch Leid gibt, als zu idyllisch und romantisch. Die buddhistische und hinduistische Vorstellung von Wiedergeburt oder Erlösung durch Erleuchtung erscheinen mir auch surreal. Die Vorstellung vom Karma, dass sich meine Taten und mein Handeln auswirken, hingegen, kann ich logisch nachvollziehen. Allerdings kann es diese Auswirkungen nur im Diesseits und nicht in einem späteren Leben geben. Ich sehe das Leben und den Sterbeprozess ganz rational. Ich sterbe und mein Körper zerfällt. Meine Organe würde ich gerne spenden, dann soll mein Körper kremiert und meine Asche verstreut werden.

Die Schüler und Schülerinnen wollten wissen, wie ich das Jenseits sehe, und wie die offizielle katholische Sicht sei:

Ewigkeit meint für mich, dass die menschlichen Kategorien von Raum und Zeit nicht mehr gelten. Es meint erfüllte Zeit und Unmittelbarkeit. Da wir immer in Raum und Zeit denken, können wir uns diese Ewigkeit logischerweise nicht vorstellen. Wir können aber eine Ahnung davon haben, weil wir schon manchmal in dieser Welt unsere (Tabor-)Erlebnisse von erfüllter Gegenwart haben, sei es bei einem wunderschönen Naturerlebnis, einer tiefen Begegnung, in erfüllender Tätigkeit, in der Meditation, in der Liebe. Von diesen Erfahrungen des Himmels auf Erden kann ich auf den endgültigen Himmel schliessen, in dem Begegnung und Verbindung mit Liebgewordenem in erfüllter Weise geschieht.

Dies deckt sich durchaus mit der Position, wie sie im katholischen Erwachsenenkatechismus beschrieben ist:
Gott will, ruft und liebt den ganzen Menschen, der in Leib und Seele einer ist. … Versteht man unter Leib im Sinne der Heiligen Schrift den für die menschliche Person wesentlichen und ihr eigenen Bezug zur Mitwelt und Umwelt, dann meint die leibliche Auferstehung, dass der Bezug zu den andern und zur Welt in einer neuen und vollen Weise wiederhergestellt wird.  

Deutsche Bischofskonferenz, Katholischer Erwachsenenkatechismus, S. 412 – 413