Aktuelle Nummer 17 | 2019
18. August 2019 bis 31. August 2019

Editorial

Zum 1. August

Vor 20 Jahren hat das Schweizervolk die neue Bundesverfassung an der Urne angenommen. Und vor 70 Jahren ist in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verabschiedet worden. Während das Verfassungsjubiläum in Deutschland gross gefeiert wird, spricht hier kaum jemand davon. Die Schweizerische Bundesverfassung kann ja jederzeit an der Urne geändert, angepasst oder erweitert werden. Sie eignet sich deshalb weniger für ein Jubiläum. Beide Verfassungen betonen den Schutz und die Achtung der Würde eines jeden Menschen, und dass dadurch alle Menschen vor dem Gesetz gleichgestellt sind. Ebenfalls beiden Verfassungen gemeinsam ist ein Bezug auf Gott in ihren Präambeln. Damit soll deutlich werden, dass der Staat und das politische Handeln auf einem Fundament stehen, das über die menschliche Verfügungsgewalt hinausreicht. Es ist eine Selbstermahnung, dass menschliche Vernunft begrenzt ist und alle Entscheidungen und Lösungen immer vorläufig bleiben. Das deutsche Grundgesetz legt Wert darauf, dass auch die Verfassung selbst ein Menschenwerk ist. Deshalb verzichten sie auf die Formel «Im Namen Gottes, des Allmächtigen», wie sie in der Schweizer Bundesverfassung steht. Sie wählten die Form «im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen …». Doch auch die Schweizer Bundesverfassung ruft alle in diese Verantwortung mit den Grundsätzen, die am Anfang über allem stehen: 

Das Schweizervolk und die Kantone geben sich die Verfassung 
• in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, 
• im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, 
• im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
• im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, 
• in der Gewissheit, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen. 

Ich wünsche Ihnen erholsame Sommertage vor und nach dem Nationalfeiertag.

 

Kuno Schmid