Aktuelle Nummer 19 | 2019
15. September 2019 bis 28. September 2019

Schwerpunkt

Die Päpste und der Frieden

von Urban Fink-Wagner

Julius II. (Papst 1503 – 1513), der 1506 die Schweizergarde gründete, darf nicht in den Himmel. So jedenfalls sah es der berühmte, in Basel verstorbene Humanist Erasmus von Rotterdam in einer bissigen Satire nach dem Tod des Kriegsfürsten, der auch «Il Terribile/der Schreckliche» genannt wurde. Mit dem Niedergang des mittelitalienischen Kirchenstaates 1870 wurden die Päpste glücklicherweise von der Last befreit, auch Kriegsherr spielen zu müssen. So sind bei den Päpsten des 20. Jahrhunderts Vorwürfe, wie sie Erasmus von Rotterdam im 16. Jahrhundert erhoben hatte, glücklicherweise nicht mehr stichhaltig. Die Päpste sind nun Werkzeuge des Friedens.

Zwar sorgte noch Pius X. (Papst 1903 – 1914), der erste Papst im 20. Jahrhundert, innerkirchlich mit dem Modernismusstreit für grossen Unfrieden. Ihm fehlte das Verständnis für die grossen politischen und geistigen Entwicklungen und Umbrüche, massgebend war allein die auf die Spitze getriebene Hierarchie, Ordnung und Gehorsam.

Benedikt XV. – erfolglos und vergessen
Sein Nachfolger, Benedikt XV. (1914 – 1922), «der Papst zwischen den Fronten» (Jörg Ernesti) war von anderer Art. Er beendete den innerkirchlichen Modernismusstreit und wagte es, politisch strikt neutral zu sein, den Heiligen Stuhl während des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) als humanitären Akteur ins Spiel zu bringen und einen Verhandlungsfrieden anzuregen. Angesichts der allgemeinen Kriegsbegeisterung – selbst unter Katholiken, die sich besonders patriotisch verhalten wollten – blieben diese päpstlichen Bemühungen aber erfolglos. Schon in seiner Antrittsenzyklika erinnerte Benedikt XV. 1914 daran, dass die Menschen, die sich bekämpfen, alle den gleichen Vater haben und somit Brüder sind. Er wollte sich dabei nicht nur für die Katholiken einsetzen, sondern für das Heil aller Menschen, was ein neuer Denkansatz war. Und er verurteilte «die schrecklichen Waffen», die «gigantische Massaker» möglich machten. Das war angesichts der allgemeinen Überzeugung, dass der Krieg ein legitimes Mittel der Politik sei, durchaus ungewöhnlich. Dass die Liebe Gottes in den Herzen der Menschen wieder zur Herrschaft komme, sah er als Hauptaufgabe seines Pontifikates an. Er sprach sich auch deutlich für einen Frieden ohne Rache aus und damit gegen einen Siegfrieden, wie im Vertrag von Versailles 1919 aufgezwungen. Seitdem ist der Einsatz für den Frieden eine Grundkonstante päpstlichen Handelns.

Pius XI. und Pius XII. – kompromittiert und missverstanden
Die zwei Nachfolger von Benedikt XV., Pius XI. (1922 – 1939) und der hochgeachtete Pius XII. (1939 – 1958), verhielten sich ebenfalls unparteiisch und suchten den Frieden. Pius XI. fand den Frieden 1929 mit dem Italien Mussolinis, was den Abschluss der Lateranverträge und damit die Schaffung des heutigen Vatikanstaates ermöglichte. Der Preis dafür aber war hoch. Zur Wahrung von kirchlichen Interessen kam Pius XI. um gewisse Kompromisse nicht herum, was zu durchaus gefährlichen Abhängigkeiten führte. Die Lateranverträge machten Mussolini bei Katholiken populär, obwohl Pius XI. ihm gegenüber immer reservierter wurde und er den «Duce» deutlich vor Adolf Hitler warnte. Dass auch sein Nachfolger Pius XII. Hitler und die Naziideologie ablehnte, steht ausser Frage. Der Abschluss des Reichskonkordats von 1933 mit Nazi-Deutschland brachten nicht den erhofften Schutz und die gewünschte Rechtssicherheit. 1937 machte Pius XI. mit der Enzyklika «Mit brennender Sorge» deutlich, dass die Politik und Ideologie von Nazi-Deutschland gefährlich sind. Das scheinbare Schweigen des Vatikans zum millionenfachen Morden der Nazis ist und bleibt eine der grossen Kontroversen unserer Zeit. Aber es war nicht ein völliges Schweigen, und Pius XII. handelte – im Gegensatz zu den Alliierten, welche die Transportwege zu den Konzentrationslagern nicht bombardierten. Bis 1963 wurde Pius XII. hoch verehrt und gewürdigt. Erst das Erscheinen des fiktionalen, nicht historischen Theaterstücks «Der Stellvertreter» führte in den Umbrüchen der 1960er-Jahre in der breiten Öffentlichkeit zu einer Verdammung des früher Hochgeachteten. Neuere Veröffentlichungen (Mark Riebling, Michael Hesemann usw.) zeigen auf, dass Pius XII. die Attentatspläne des deutschen Widerstands aktiv unterstützte und unter grossen Risiken den Juden alle erdenkliche Hilfe zukommen liess. Neue Quellen und neue Forschungen relativieren so die frühere Verherrlichung und die spätere Verdammung von Pius XII. und ermöglichen eine ausgeglichenere Würdigung. Die beiden Weltkriege zeigten auch der Kirche deutlich auf, dass eine demokratische Ordnung die beste Sicherung gegen Totalitarismen und für den Frieden ist, womit das Ideal der katholischen Monarchie beerdigt wurde.

Johannes XXIII. – unerwartet und mutig
Johannes XXIII. (1958 – 1963), der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine unumkehrbare Erneuerung der katholischen Kirche anstiess, setzte 1963 mit der Enzyklika «Pacem in terris/Über den Frieden auf Erden» gleich in mehrfacher Hinsicht deutliche Zeichen. Er sprach – nicht als Erster, wie behauptet, sondern nach Benedikt XV. als zweiter Papst – «alle Menschen guten Willens» an und forderte friedliche Konfliktlösungen durch Verhandlungen und Verträge und den Verzicht auf das atomare Wettrüsten. Als erster Papst akzeptierte er die Menschenrechte als notwendige Konsequenz des christlichen Menschenverständnisses, was revolutionär war und bei Weitem nicht von allen kirchlichen Würdenträgern so gesehen wurde. Damit nahm er die Konzilskonstitution «Gaudium et spes» aus dem Jahre 1965 vorweg. Die Kirche nahm damit Abstand von der früher postulierten Allzuständigkeit/Oberherrschaft auch in irdischen Dingen und fand ein positives Verhältnis zur Welt. Die Anerkennung der Menschenrechte und damit die Religionsfreiheit war auch Voraussetzung für die Ökumene zwischen christlichen Konfessionen und Religionen, was eine religiöse Friedenstat ersten Ranges ist: Die Bedeutung der Anerkennung der Gewissens- und Religionsfreiheit ist bis heute innerkirchlich, ökumenisch und politisch in ihrer ganzen Tragweite noch nicht richtig erkannt und umgesetzt.

Paul VI. und Johannes Paul II. – politisch prophetisch und innerkirchlich umstritten
Paul VI. (1963 – 1978) machte mit der Enzyklika «Populorum progressio» 1967 klar, dass Frieden nur durch Entwicklung möglich gemacht wird. Die Ordnung ist dann gottgewollt, wenn sie menschenwürdig und gemeinwohlorientiert ist. Johannes Paul II. (1978 – 2005) sah die Zivilisation des Friedens als Zivilisation der Liebe. Mit seinem Einsatz für die Menschenrechte, gegen den Krieg und für den Frieden, besonders eindrücklich gegen den Irak-Krieg, ermöglichte er nicht zuletzt den Umbruch in Polen und den Fall der Eisernen Mauer. Er betonte 1986 mit dem Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi, dass die Religionen zusammenarbeiten und ein Werkzeug des Friedens sein müssen. Die erste Europäische Ökumenische Versammlung 1989 in Basel verdeutlichte unter Anlehnung an Pius XII., dass Friede eine Frucht der Gerechtigkeit ist, wozu aber auch die Bewahrung der Schöpfung gehört.

Franziskus – «randständig» und herausfordernd
All die genannten Punkte bündelt der amtierende Papst in eindrücklicher Weise in neuen Worten und mit neuen Gesten. Schon in seiner ersten Osteransprache 2013 betete er für den «Frieden für die ganze Welt, die immer noch von der Gier nach schnellem Profit geteilt ist, die verwundet ist vom Egoismus, der das menschliche Leben und die Familie bedroht». Er kritisierte die ungerechte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und erinnerte an die Opfer von Naturkatastrophen. Mit der Enzyklika «Laudato sì» 2015 «über die Sorge für das gemeinsame Haus», d. h. die Ökumene, das Zusammenleben aller Menschen, weist er auf die Notwendigkeit von Umwelt- und Klimaschutz hin und setzt deutliche Zeichen gegen bestehende soziale Ungerechtigkeiten und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Er drängt die Kirche voran und an die Ränder der Welt und der Gesellschaft und setzt so um, was Benedikt XV. vor hundert Jahren angestossen hat.

Nach der Frage nach dem Handeln der Päpste stellt sich zum Schluss eine zweite Frage: Was tun wir?!  

 

Urban Fink-Wagner ist Historiker und Theologe und Geschäftsführer des kath. Hilfswerks Inländische Mission.