Aktuelle Nummer 20 | 21 | 2019
29. September 2019 bis 26. Oktober 2019

Editorial

Zeitgeist

Der Zeitgeist wandelt sich ständig. Das lässt sich am Wandel des Missionsverständnisses in diesem Kirchenblatt erkennen. Früher hat es als ehrenhaft gegolten, wenn europäische Patres den christlichen Glauben in alle Kontinente gebracht haben. Später sind die weissen Missionare kritisiert worden, weil sie den Völkern den christlichen Glauben mit europäischer Sprache und Kultur aufgedrückt haben. Heute sind es mancherorts afrikanische oder indische Priester, die in der Schweiz den Glauben verkünden. Aber viele Menschen hier verstehen die traditionelle Glaubenssprache nicht mehr. Manches Engagement der Seelsorgenden bleibt erfolglos. Es scheint der kirchlichen Verkündigung kaum mehr zu gelingen, das Evangelium so zu kommunizieren, dass es für moderne Menschen relevant wird. 

Missionsgebiet sind die Schweiz und Europa jedoch nur gemessen an der religiösen Praxis. Die vom Evangelium inspirierten Menschenrechte werden nirgends so konsequent beachtet wie im vom Christentum geprägten Europa. Der Schutz von Leib und Leben, individuelle Freiheit, unabhängige Gerichte und ein ausgebautes Sozialwesen gibt es fast nur in christlich geprägten Demokratien. In diesen pluralen Gesellschaften gelingt das Zusammenleben trotz kultureller Vielfalt und ungelösten Problemen erstaunlich gut. Jedoch, obwohl viele dieser Errungenschaften ohne Christentum und Aufklärung undenkbar wären, lässt sich die persönliche und gesellschaftliche Lebenspraxis mit dem christlichen Glauben kaum mehr in Verbindung bringen. 

Hier könnte Mission ansetzen und helfen, diese Bezüge, diese Lebensgrundlagen neu zu erschliessen. Dazu genügt es nicht, «die traditionellen Glaubensformen etwas abzustauben», wie es ein deutscher Bischof kritisch karikierte. Es braucht neue Formen, welche die Menschen in ihrem freiheitlich-demokratischen Selbstverständnis ernst nehmen. Damit ist nicht eine Anpassung an einen alten oder neuen Zeitgeist gemeint. Vielmehr braucht es die Entwicklung eines neuen Zeitgeistes. Gesucht sind nachdenkliche Menschen, die ihre digitale Vernetzung und ihre existenziellen Fragen, ihr kulturelles, soziales oder ökologisches Engagement als Ausdruck ihres Christseins entdecken. Bischof Felix hat solche Wege mit Jugendlichen am Bistumstreffen ausprobiert.    

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Missionsmonat mit Ideen für einen neuen Zeitgeist.

 

Kuno Schmid