Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Die Heiligen von Nebenan

von Kuno Schmid

Das Fest Allerheiligen erinnert an alle bekannten und unbekannten Heiligen. Doch welches sind diese unbekannten? Sind das diejenigen, für die es keinen Heiligsprechungsprozess gab? Oder sind es alle Getauften, die der Apostel Paulus als Heilige anspricht? In seinem Lehrschreiben «Gaudete et exsultate» stellt Papst Franziskus die Heiligen von nebenan, die Heiligen des Alltags und der Mittelschicht ins Zentrum. 

Heiligsprechung aufgrund von Wundern
Für die offizielle Heiligsprechung durch die römische Kirche ist ein tugendhaftes Leben Voraussetzung. Doch dann braucht es die Bestätigung von «oben», indem zwei Wunderheilungen auf die Fürsprache der oder des zukünftigen Heiligen nachgewiesen werden. Das wird zunehmend kritisiert. Beispielsweise ist das Verfahren für die Heiligsprechung des Bernhard von Baden ausgesetzt worden, weil die Wunderheilungen nachträglich medizinisch erklärt werden konnten. In der Mainzer Bistumszeitung kritisiert Johannes Becker das Verfahren ganz grundsätzlich als Zauberei. In seinem Buch «Schöpfungsglauben lernen und lehren» diskutiert auch der Langendörfer Theologe Franz Eckert diese Frage. Er erläutert, dass die Erwartung eines Gottesurteils aus dem antiken Denken stammt und nicht mehr der heutigen christlichen Theologie entspricht. Er zeigt am Beispiel von Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II, was ihn als christlichen Heiligen auszeichnet. Eine jüdische Frau erzählt, wie sie als Mädchen bei Kriegsende aus dem Konzentrationslager befreit worden ist, aber keine Kräfte mehr hatte, um sich am Strassenrand fortzubewegen. Der junge Seminarist Karol Wojtyla brachte ihr zuerst warmen Tee und trug sie dann auf seinen Schultern nach Krakau. Das hat ihr das Leben gerettet. Diese praktizierte Nächstenliebe macht Karol Wojtyla zu einem Heiligen gemäss der Botschaft Jesu, unabhängig von irgendwelchen späteren Wundern. 

Papst Franziskus und die Heiligen
Ohne in dieser Diskussion Stellung zu beziehen, scheint Papst Franziskus dieses Unbehagen gegenüber dem Wunderglauben zu kennen. Den beliebten und verehrten Konzilspapst Johannes XXIII. hat er heiliggesprochen und sein Leben gewürdigt, ohne auf irgendwelche Wunderheilungen einzugehen. Den portugiesischen Dominikaner Bartolomeu Fernandes (1514 – 1590) hat er im Februar 2019 im «abgekürzten Verfahren» heiligsprechen lassen – ohne Wundernachweis. Franziskus setzt die Akzente anders. Bei einem Empfang für Coiffeure erklärte er, dass sich die Heiligkeit daran messe, wie Menschen im Alltag das Evangelium leben. Auch für Coiffeusen und Coiffeure bieten sich dazu zahlreiche Möglichkeiten. Sie seien in einem Berufsfeld tätig, in dem sie täglich mit unterschiedlichen Menschen zu tun haben, ihnen zuhören und mit ihnen kommunizieren können. 

Das Lehrschreiben Gaudete et exsultate
In seinem Lehrschreiben «Freut euch und jubelt» (Gaudete et exultate) erläutert der Papst sein Anliegen etwas differenzierter. Für ihn sind Heilige nicht nur spirituelle Ausnahmeerscheinungen. Heilig sein ist vielmehr ein christlicher Lebensstil. Er zeigt auf, wie im Tun der Nächstenliebe die Gottesliebe erfahrbar wird, wie Gebet und Nächstenliebe zu einer Einheit werden. Mit den Seligpreisungen habe Jesus in verständlicher Weise erklärt, was es heisst, heilig zu sein. Dabei interpretiert er die Seligpreisungen mit dem Fokus auf soziale und gesellschaftliche Fragen und rückt Arme, Obdachlose und Migranten ins Zentrum. Mit dem Massstab der Seligpreisungen lassen sich die Heiligen von nebenan, die Heiligen des Alltags erkennen. Sie handeln gemäss dem Evangelium, ohne zu einer kirchlichen Elite zu gehören, sie sind quasi Heilige des Mittelstandes. Er grenzt die Heiligkeit auch klar ab gegen Strömungen, die glauben, die Heiligkeit zeige sich in der Befolgung der abstrakten kirchlichen Lehre oder in der Heilsgewissheit aufgrund einer Frömmigkeit. Heilig sein bedeute nicht, «in einer vermeintlichen Ekstase die Augen zu verdrehen», so Franziskus. Massstab müsse vielmehr das Jesus-Wort «Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan» sein. 

Du
Das Lehrschreiben ist in der Du-Form geschrieben. Das ist aussergewöhnlich, denn päpstliche Lehrschreiben richten sich in der Regel an die Gesamtheit der Kirche. Es geht dem Papst aber nicht um die Heiligen der Kirche im Allgemeinen. Es geht ihm um die christlichen Lebensmöglichkeiten eines jeden Einzelnen. Jede und jeder ist in seiner Familie, in seinem Beruf, in seinem Alltag eingeladen, ein Stück Heiligkeit zu leben. Damit wird die Würde und Bedeutung jedes Einzelnen in seinen noch so unauffälligen Lebensumständen hervorgehoben. Heiligkeit ist nicht von der Kirche als Institution oder Lehre abhängig, sondern allein vom Tun des Evangeliums. Damit wird die Heiligkeit breit demokratisiert, und Allerheiligen bekommt einen neuen, tiefen Sinn. Allerheiligen wird zum Fest und zum Gedenken an alle, die sich bemühen oder bemüht haben, ein Stück der Botschaft Jesu in ihrem Alltag zu leben. Zudem verdeutlicht das gemeinsame Feiern, dass Christinnen und Christen ein solches Engagement nicht nur allein gestalten, sondern sich gegenseitig in Begegnung und Austausch wertschätzen, unterstützen und tragen sollen.  

Zum Beispiel Madeleine Delbrêl 
Wenn die Caritas-Zeitschrift «Nachbarn» ­eine junge Frau vorstellt, die als alleinerziehende Mutter mit finanziellen Problemen alles gibt, um sich im Leben zu behaupten und ihrem Sohn eine gute Zukunft zu ermöglichen, lässt sich darin vielleicht ein Stück Heiligkeit erkennen. Das leuchtet auch im Bericht auf, der vom Engagement zahlreicher Freiwilliger für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) erzählt. Mit offenen Augen lassen sich zahlreiche weitere Beispiele «von nebenan» entdecken. Die Verbindung von Glauben und sozialem Engagement hat auch die Freiburgerin ­Marguerite Bays (1815 – 1879) vorbildlich gelebt, die am 13. Oktober 2019 in Rom heiliggesprochen worden ist. Weiter macht der Vatikan auf die französische Sozialarbeiterin Madeleine Delbrêl (1904 – 1964) aufmerksam, deren Seligsprechung mit der Anerkennung des heroischen Tugendgrades abgeschlossen wurde. Madeleine ­Delbrêl gilt als Vordenkerin eines Christentums in säkularisierter Umgebung. In den Menschen auf den Grossstadtstrassen versucht sie, Gott zu erkennen und lebt ihre Spiritualität ohne Trennung eines Sakralbereichs von der profanen Welt. Ihre Gebetsräume sind die Fabrikhallen, die Strassen und die scheinbar banalen Situationen des Alltags. Mit Gleichgesinnten, die ebenfalls die Suche nach Sinn und Gott inmitten der modernen Welt umtrieb, bildet sie eine Wohngemeinschaft als offenes Haus der Begegnung. Aufgewachsen in einem atheistischen Umfeld, kennt sie keine Berührungsängste gegenüber Andersdenkenden und arbeitet insbesondere mit der kommunistischen Stadtregierung zusammen, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Sie hat zahlreiche spirituelle Schriften geschrieben und verkörpert auf besondere Weise, was Papst Franziskus die Kennzeichen eines heiligmässigen Lebens nennt: Durchhaltevermögen, Freude, Sinn für Humor, Wagemut, Gemeinschaftssinn und Gebet.  

 

Heiligsein nach den Seligpreisungen


• Im Herzen arm sein, das ist Heiligkeit.

• Mit demütiger Sanftheit reagieren, das ist Heiligkeit.

• Mit den anderen zu trauern wissen, das ist Heiligkeit.

• Mit Hunger und Durst die Gerechtigkeit suchen, das ist Heiligkeit.

• Mit Barmherzigkeit sehen und handeln, das ist Heiligkeit.

• Das Herz rein halten von allem, was die Liebe befleckt, das ist Heiligkeit.

• Um uns herum Frieden säen, das ist Heiligkeit.

• Jeden Tag den Weg des Evangeliums annehmen, auch wenn er Schwierigkeiten mit sich bringt, das ist Heiligkeit.

 

Aus Papst Franziskus: Freut euch und jubelt. 
Gaudete et exsultate, Nr. 70 – 94.