Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Innehalten

Liturgie der Aussenseiter

Du hast uns heute Nacht

in dieses Café «Le Clair de Lune» geführt.

Du wolltest dort du selbst sein,

für ein paar Stunden der Nacht.

Durch unsere armselige Erscheinung,

durch unsere kurzsichtigen Augen,

durch unsere liebeleeren Herzen

wolltest du all diesen Leuten begegnen,

die gekommen sind, die Zeit totzuschlagen.

 

Und weil deine Augen in den unsren erwachen,

weil dein Herz sich öffnet in unserm Herzen,

fühlen wir,

wie unsere schwächliche Liebe aufblüht,

sich weitet wie eine Rose,

zärtlich und ohne Grenzen

für all diese Menschen, die hier um uns sind.

 

Das Café ist nun kein profaner Ort mehr,

dieses Stückchen Erde,

das dir den Rücken zu kehren schien.

Wir wissen, dass wir durch dich

ein Scharnier aus Fleisch geworden sind,

ein Scharnier der Gnade,

die diesen Fleck der Erde dazu bringt, 

sich mitten in der Nacht, 

fast wider Willen, 

dem Vater allen Lebens zuzuwenden.

 

In uns vollzieht sich das Sakrament deiner Liebe.

Wir binden uns an dich,

wir binden uns an sie

mit der Kraft eines Herzens,

das für dich schlägt.

Wir binden uns an dich,

wir binden uns an sie,

damit ein einziges mit uns allen geschehe.

 

Madeleine Delbrêl

 

 

Erster Teil des Gedichts «Liturgie der Aussenseiter» von Madeleine Delbrêl (1904 –1964).
Quelle: Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Strasse, hrsg. von Annette Schleinzer, Verlag Neue Stadt, 2014.