Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Jugend

«Man muss nicht jedem Trend und jeder Verlockung folgen»

von Daniele Supino

Die 18-jährige Jessica Morel wohnt in Obergerlafingen. Sie besucht die 4. Klasse des Gymnasiums. In ihrer Freizeit tanzt sie in Kriegstetten oder turnt in Utzenstorf, wo sie auch die kleinen Turnerinnen betreut. Für ihre Maturaarbeit hat sie ein besonderes Thema gewählt: Der Vergleich von bildnerischen und textlichen Interpretationen der Szene aus Genesis 3,1 – 24, in der Adam und Eva die Frucht der Erkenntnis pflücken und deswegen aus dem Paradies vertrieben werden.

Jessica, wie bist auf dieses Thema gekommen?
Ich suchte nach einem besonderen Thema, das ich persönlich noch nie als ­Maturaarbeit gesehen habe. Und weil ich finde, dassdie Religion in unserer Menschheitsgeschichte eine wichtige Rolle spielt, habe ich mich dafür entschieden.

Welche Beziehung zur Religion hast du?
Ich fühle mich zu keiner Konfession zugehörig, das heisst aber nicht, dass ich atheistisch denke. Ich glaube an eine höhere Macht, aber für mich ist sie nicht richtend, sondern vielmehr schöpferisch.

Du beschäftigst dich mit der «Vertreibung aus dem Paradies». Welche Darstellungen gefallen dir am besten?
Von den in meiner Arbeit vorkommenden Darstellungen gefallen mir diejenigen von Michelangelo und Chagall am besten. Diejenige von Michelangelo überzeugt durch die malerische Ausführung, diejenige von Chagall gefällt mir durch die Darstellung des Paradieses, die Farben- und Formen­vielfalt.

Was bedeutet für dich das Paradies? 
Für mich ist das Paradies im Jenseits nicht fassbar. Gibt es das Jenseits überhaupt? Ich will das nicht abstreiten, aber ich finde es seltsam, dass Menschen ihr Leben danach ausrichten, es nach dem Tod schön zu haben. Ich will lieber meine Energie darauf verwenden, um auf der Erde mein eigenes Paradies zu schaffen.

Was heisst das konkret?
Dass ich anderen eine Freude bereite, indem ich z. B. den Kindern des Turnvereins ein Training vorbereite, das Spass macht. Auch wenn das heisst, dass ich weniger Zeit für mein eigenes Lernen habe. Die Freude der anderen ist für mich ein Geschenk, das mich selbst glücklich macht. Und dann ist es wichtig, die richtigen Menschen zu finden, die uns wohlgesinnt sind. Denn das Leben kann man nicht alleine meistern.

Und was bedeutet für dich die verführerische Schlange?
Ich finde, dass wir moderne Menschen die Tugend der Bescheidenheit wiederentdecken sollen. Man muss nicht jedem Trend und jeder Verlockung folgen. Nicht immer sind die neuen Errungenschaften einfach gut, sondern haben auch ihre Schattenseiten, die man bedenken muss. Deswegen kann ich sagen, dass Drogen, Berühmtsein oder Karriere mich nicht anziehen. Für mich sind Familie und Freunde wichtigere Werte.