Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Nimm mich mir

Von Reto Stampfli

2017 werden in grossem Rahmen das 600. Geburtsjahr sowie das 70-Jahre-Jubiläum der Heiligsprechung von Niklaus von Flüe begangen. Das Interesse ist breit gefächert und um die Deutungshoheit wird gerungen. Für viele steht Bruder Klaus jedoch vor allem für eine Haltung, die sich mit Werten der Tiefe, der echten Begegnungen und der Bescheidenheit auseinandersetzt.

Zum ersten Mal bin ich Bruder Klaus in der Pfarrkirche St. Anna in Aeschi begegnet. Da steht er heute noch; kantig, unerschütterlich, in Holz geschnitzt, nach dem Vorbild der Stander Lindenholzstatue aus dem Jahr 1504. Etwas später traf ich ihn dann im Alten Zeughaus in Solothurn; auch hier in statischer Haltung, leicht gebückt, in eine graue Kutte gehüllt, dicht gefolgt von Pfarrer Heini Amgrund, in einer um Authentizität bemühten Museumsinszenierung zum sogenannten «Stanser Verkommnis» – errichtet im Jahr 1845 und bis heute zu bestaunen als eine der letzten Inszenierungen dieser Art.

Ich kannte den Namen dieses rätselhaften Eremiten schon recht früh, doch irgendwie blieb er für mich über lange Zeit eine unnahbare Gestalt – ein vermeintlicher Vorzeigekatholik – ein irritierender Einzelgänger aus einer fernen Zeit. Geboren im 15. Jahrhundert, in einer Phase epochaler Umbrüche, eine Ära, in der sich der moderne Mensch immer mehr selbst in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellte. Niklaus von Flüe, verheiratet mit der 15 Jahre jüngeren Dorothee Wyss, ein blühender Familienvater, der als Bauer, Richter und Ratsherr erfolgreich war, jedoch eine Kandidatur als Landammann – die höchste Würde des Standes Obwalden – ablehnte. Eine im eidgenössischen Umfeld bekannte Erscheinung, ein Vermittler in der Not, der 1465 alle seine politischen Ämter niederlegte, erschüttert von einer tiefen Sinnkrise, um drei Jahre später Familie, Haus und Hof zu verlassen und im schäbigen Büssergewand ziellos nach Norden zu ziehen.   

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles von mir,
was mich hindert zu dir.

Die Biografie des Bruder Klaus vermochte mich anfänglich nur ansatzweise zu packen; erst ein herbstlicher Besuch im Ranft und das eingängige Bruder-Klausen-Gebet als treuer Begleiter zogen mich auf die Seite des einsamen, jedoch nie vereinsamten Gottessuchers aus den Voralpen. «Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei», heisst es in der biblischen Paradieserzählung im Buch Genesis. Doch Niklaus von Flüe drängte es nach Einsamkeit. Ein abgrundtiefes Bedürfnis, das wir alle kennen, wenn wir von Zeit zu Zeit in uns hineinhorchen, es jedoch nicht selten ignorieren, um nicht aus dem alltäglichen Tritt zu geraten. Ein Weggang, der keine überstürzte Flucht darstellte, sondern eine für Niklaus nur allzu logische Folge, bei der jedoch jegliche weltliche Logik mit Füssen getreten wurde. Ein Rückzug, der kein frustriertes Abwenden von der Gesellschaft bedeutete, sondern eine Konzentration auf das ihm Wesentliche oder wie es der evangelische Theologe Diet­rich Bonhoeffer in seinem berühmten Doppelsatz treffend formulierte: «Wer nicht allein sein kann, der hüte sich vor Gemeinschaft», aber auch: «Wer nicht in der Gemeinschaft steht, der hüte sich vor dem Alleinsein.»   

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führt zu dir.  

Das Bruder-Klausen-Gebet ist ein erfrischend einfacher Text, der durch seine unaufdringliche Zielgerichtetheit überzeugt. Doch welche Bedeutung hat dieses Gebet eigentlich im Leben von Bruder Klaus? Man ist sich in der Forschung heute einig, dass die aktuelle Form des Gebets nicht mehr dem Original entspricht. Die zentrale Bitte: «O mein Gott und mein Herr, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir», stand in den frühen Versionen ganz am Anfang. Wie beim biblischen Vorbild der schützenden Arche ist Gott der Ort der unerschüt­terlichen Geborgenheit, der kraftspendende Ort der Ruhe (Psalm 132). Worte, die geprägt sind von einem schonungslosen Versenken in das Leiden Christi und einem Loslassen jeglicher hinderlicher Egozentrik. Die älteste Fassung dieses weltweit bekannten Gebets entstand um 1500; wurde jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem Schweizer Sprachwissenschaftler in Berlin wiederentdeckt. Passend zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr darf an dieser Stelle bemerkt werden, dass Martin Luther das Gebet von Bruder Klaus kannte und schätzte, ja, es sogar in einer seiner Schriften erwähnte. Es ist laut der Urheberrechtsgenossenschaft Suisa (2014) das am häufigsten gesungene Kirchenlied in katholischen und reformierten Kirchen der Schweiz. 

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir und gib

mich ganz zu eigen dir.  

Der von seiner gescheiterten Pilgerreise zurückgekehrte Niklaus musste lernen loszulassen, denn jede Lösung beginnt mit einem sich lösen. Das bedeutete für ihn auch die Trennung von seiner Frau und Familie. Ein Verzicht auf Wärme und Geborgenheit. Die Journalistin und Autorin des Buches «Ganz nah und weit weg – Fragen an Dorothee von Flüe», Klara Obermüller, spricht von einem Skandal: «Da kommt einer, ein tüchtiger und angesehener Mann, Familienvater, Grundbesitzer, Ratsherr und hat plötzlich genug von allem.» Nach 20 Jahren Ehe verlässt «Chlois» seine treue Lebensgefährtin und Mutter von zehn Kindern. Diese «Unverschämtheit» wird dem an Christi Himmelfahrt 1947 – nach jahrzehntelangen Bestrebungen der Schweizer Bischöfe – heiliggesprochenen Eremiten aus dem Ranft nicht selten als ein Akt rein egoistischer Selbstverwirklichung angekreidet. Vom Schicksal Dorothees und ihrer Kinder ist kaum etwas überliefert, denn über die Jahrhunderte interessierte sich niemand für sie. Lediglich ein Bericht von einem gewissen Hans von Waldheim aus Halle, der 1474 in den Ranft pilgerte, erwähnt eine «hübsche junge Frau unter 40 Jahren mit einem hübschen Gesicht und einer faltenlosen Haut». Dorothee war also keine gebrochene Frau, deren Welt völlig aus den Fugen geraten war. Heute geht man davon aus, dass Niklaus mit der Einwilligung seiner Frau in die Klause zog, denn es ist unvorstellbar, dass er, so nahe von seiner Familie, sonst hätte seinen Frieden finden können. Klara Obermüller bemerkt dazu: «Er hatte seinen Ruf, dem er folgte. Er hatte aber auch Dorothees Ja, das ihn begleitete. Es brauchte beides, damit aus dem Bauern Niklaus von Flüe der heilige Bruder Klaus werden konnte.»     

Nimm mich mir

«Mir, mir, mir!» Dieses rückbezügliche Pronomen steht für einen ungebremsten Egoismus. Es steht aber auch für die lähmende Furcht, zu kurz zu kommen. Es wiederspiegelt das Ich, das sein Eingebettetsein im Ganzen vergessen hat. Ein Ich, das die ganze Kraft dafür verwendet, sich in seinem Wirken und Denken um sich selbst zu drehen. In diesem Kontext klingt das «Nimm mich mir» wie ein Weckruf. Das Flehen eines suchenden Menschen, aus der Selbstverkrampfung herausgerissen zu werden, um in der Nachfolge Christi, eingebettet in die Gemeinschaft und in der Liebe zum Leben, einen heilenden Weg zu finden. Oder mit den Worten des Epheserbriefes: «Wache auf, der du schläfst, stehe auf von den
Toten, und Christus wird dich erleuchten» (Eph 5,14).  

Quellen:
Gröbli, Roland: Die Sehnsucht nach dem «einig Wesen». Leben und Lehre des Bruder Klaus von Flüe. Luzern 2006.
Schleicher, Johannes; Hoeg, Tanja: Niklaus von Flüe. Engel des Friedens auf Erden. Münsterschwarzach 2016.
Mystiker, Mittler, Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe. Herausgegeben für den Trägerverein 600 Jahre Niklaus von Flüe und die Bruder-Klausen-Stiftung, Sachseln. Zürich 2016.