Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

Licht

Die kühlen und kürzer werdenden Tage des Novembers bewirken oft eine graue und triste Stimmung. Manche Tiere verkriechen sich nun zum Winterschlaf, die Natur zieht ihre Energien zurück und bald werden die letzten bunten Blätter vom Herbstwind verweht. Die einen sind fasziniert von dieser Zeit, anderen macht sie Mühe. Die düsteren Tage erleben sie bedrückend. Am liebsten hätten sie eine Art Lichttherapie, die dafür sorgen soll, dass ihr Gemüt nicht in einer November-Depression versinkt.   

Oft genügt es, in den dunklen Tagen einfach eine Kerze anzuzünden. Gerade im Licht einer Kerze wird Hoffnung und Wärme spürbar. Diese Grunderfahrung wird in vielen kulturellen und religiösen Traditionen sichtbar. Beispielsweise im Divali-Fest, das die Mitmenschen hinduistischen Glaubens Ende Oktober gefeiert haben. Dabei sind zahlreiche Lichter nach vielfältigen Bräuchen angezündet worden. Sie leuchten dafür, dass das Licht über die Finsternis siegen wird, das Leben über den Tod, das Gute über das Böse. Solche Gedanken verbergen sich auch hinter dem Brauchtum, wenn sich die Kinder in unseren Regionen zum Räbeliechtli-Umzug aufmachen, wenn die Chürbisnacht gefeiert oder die Martinslichter angezündet werden. Mit dem Licht ziehen sie gegen die dämonische Dunkelheit, gegen Ängste und Bedrohungen.  

Auch auf den Gräbern der Verstorbenen zünden manche ein Licht an, um an sie zu denken und darauf zu vertrauen, dass ihnen das ewige Licht leuchten wird − das Licht, das über den Tod hinaus auf ein neues Leben verweist. Diese christliche Lichtsymbolik wird sich noch steigern im Advent und bis Weihnachten. Sie wird durch kommerzielle Lichtfluten unterstützt und überblendet sein, und manche werden gar über Lichtverschmutzung und Energieverschwendung klagen. Die Botschaft aber bleibt dieselbe wie beim Anblick einer einzigen kleinen Kerze: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsere Nacht nicht traurig sein. 

Ich wünsche Ihnen viele kleine Lichter, die Sie durch den Spätherbst begleiten.

Kuno Schmid