Aktuelle Nummer 25 | 2019
08. Dezember 2019 bis 21. Dezember 2019

Editorial

Bäume

Der Amazonassynode ist es gelungen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den bedrohten Regenwald zu richten. Genauso wie der Film von Bruno Manser macht sie das rücksichtslose Abholzen der Bäume sichtbar, wie mit dem Wald auch das Leben der einheimischen Menschen, Tiere und Pflanzen zerstört wird. Grosse Teile des Regenwaldes sind bereits vernichtet. Jeder krachend stürzende Baum drückt den Schmerz der weltweiten Zerstörung der Schöpfung aus, als Folge von Profitgier und unbedachtem Konsumverhalten. Der Baum wird zum Symbol für die «Würde der Kreatur» und für die Verantwortung der Menschen zum «Schutz des gemeinsamen Hauses Erde». Als «Lebensbaum» steht er seit jeher in verschiedenen kulturellen und religiösen Traditionen sinnbildlich für das Weltverständnis und das Zusammenleben. Mit seinen Wurzeln greift er tief in die Erde und streckt seine Zweige hoch in den Himmel. Er bildet die «Weltachse», die Verbindung von Erde und Himmel. Der Lebensbaum ist bei uns meistens eine Tanne. Sie wird als Maibaum auf dem Dorfplatz aufgestellt, bei einem Neubau aufgerichtet oder als Weihnachtsbaum in die Mitte der Feier gestellt. In dieser Lebensbaumtradition steht auch das Kreuz, das für Christinnen und Christen die Verbindung zum Himmel bildet und gleichzeitig zur Gemeinschaft untereinander und mit der ganzen Schöpfung einlädt.  

Die Theologin Margrit Eckholt und Bischof Franz Josef H. Bode, beide aus Osnabrück, haben gemeinsam die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Luzern für ihr Engagement für Reformen und die Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche erhalten. Sie haben in ihrem Referat das Bild vom Baum auf die Kirche bezogen. Der Baum lebt nicht allein aus den Wurzeln, sondern ebenso von den aktuellen Lichtverhältnissen und dem Stoffaustausch mit seiner Umgebung. Genauso könne auch die Kirche nicht allein aus der Tradition leben. Sie müsse sich mit den Anforderungen der Gegenwart auseinandersetzen, müsse die Zeichen der Zeit erkennen und sich erneuern, um lebendig zu bleiben. 

Ich wünsche Ihnen anregende Gedanken beim Betrachten von Bäumen im Wechsel der Jahreszeiten.

 

Kuno Schmid