Aktuelle Nummer 02 | 20 | 2020
19. Januar 2020 bis 01. Februar 2020

Schwerpunkt

Die Hoffnung wird geboren

«Hoffnung ist nicht Optimismus. 
Hoffnung ist nicht die Überzeugung, 
dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, 
dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.» 

Vaclav Havel

 

von Markus Heil 

Hoffnung wird geboren, heute. Das feiern wir an Weihnachten. Sie wird geboren in eine Welt, die nicht nur rosig aussieht – zumindest, wenn man genau hinschaut. Es braucht daher einen zweiten Blick auf diese Hoffnung, um sie zu verstehen. Damit wir nicht die Geburt der Hoffnung leugnen, müssen wir unsere falsche Vorstellung vom Wesen der Hoffnung korrigieren. Dazu will ich Sie heute einladen. 

In unserer heutigen Welt scheinen viele nur zwei Alternativen zu kennen und zwischen Depression oder blindem Optimismus wählen zu müssen. Wer nicht optimistisch, jubelnd, strahlend durch die Welt läuft, wird als Miesepeter beschimpft, als einen, der den anderen ihre Freude verderben will. Aber wie sähe eine Lebenshaltung aus, die wach hinschaut und die Realität so ansieht, wie sie ist, ohne sie besser oder schlechter machen zu müssen? 

Missionarischer Optimismus
Auch in unserer Kirche reden viele von Optimismus und davon, sich mit einer aufgestellten Haltung missionarisch für das Wachstum der Kirche einzusetzen. Wenn man Mission als Werbung versteht, würde dies heissen, man solle den Glauben möglichst fröhlich und bunt darstellen. Damit hätte man in unserer oberflächlichen Welt doch sicher gute Chancen. Aber ist solche Mission mit Methoden der Werbung nicht gerade jenes «Opium für das Volk», das uns die Religionskritik vorgeworfen hat? Kann man sich in der Kirche nur engagieren, wenn man Optimismus verbreiten kann?

Ein sinkendes Schiff
Ist unsere Kirche derzeit nicht viel eher wie eine sinkende Titanic? Zwar spielt die Bordkapelle noch, zwar diskutiert man auf der Kommandobrücke noch, wer jetzt recht hat, zwar hängt die Küchenmannschaft noch die Speisekarte von morgen auf …Manche sitzen noch in ihrem Liegestuhl und sagen: «Gestern war so schönes Wetter! Warum sollte das morgen nicht wieder so sein? … und ausserdem haben die Ingenieure gesagt, dieses Schiff sei unsinkbar.» Auch in der Kirche berufen sich einige auf die Aussage Jesu im Evangelium «die Mächte der Unterwelt werden sie nicht besiegen» und sehen keinen Grund, sich Sorgen zu machen. 

Grosse Veränderung in der Kirche 
Doch gibt es eindeutige Anzeichen für eine grosse Veränderung in der Kirche, die mit dem Bild eines sinkenden Schiffs gefasst werden kann. Oder gibt es Gründe für Optimismus, wenn alle Generationen der unter 60-jährigen fast vollständig in der sonntäglichen Gemeinschaft fehlen? Können wir sorglos bleiben, wenn wir immer weniger kirchliches Personal in allen Funktionen haben und wenn das vorhandene Personal immer häufiger krank wird? Missbrauchsskandale und Vertuschungen haben der weltweiten Kirche aufgezeigt, dass ihre moralische Autorität äusserst vergänglich ist. Ist da Optimismus nicht vielmehr das berüchtigte «Pfeifen im dunklen Wald»? Was also wäre hier Hoffnung? 

Ein anderer Begriff von Hoffnung 
Vaclav Havel spricht von Hoffnung als Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. Das ist etwas anderes als Optimismus. Hoffnung, die sich am Sinn ausrichtet, finden wir auch im Evangelium vom Weihnachtstag, wenn es da heisst: Im Anfang war das Wort, der Sinn, der Logos, Joh 1,1. Wer genau hinschaut auf das Leid der Welt, findet keinen Optimismus, aber viel Sinn und vor allem Sinn für den eigenen Einsatz. Diese Orientierung am Sinn ist Aufforderung für uns alle und gilt auch für die Kirche. Auch in ihrem derzeitigen desolaten Zustand kann man sagen, «selbst wenn alle Kathedralen abgebrannt sind, wenn es keinen liturgischen Prunk mehr gibt und es einem angesichts der Massaker der Welt die Stimme verschlägt, dann ist nicht alles weg». Die Menschen sind noch da! Die Suche nach Sinn ist weiterhin lebendig! Gott ist da! Jetzt müssen wir nur noch die Sprache finden, die wirklich Sinn macht und die uns zum passenden Engagement motiviert. 

Keine falschen Sicherheiten
So wie sich die Matrosen auf einer sinkenden Titanic nicht um die Speisekarte von morgen kümmern und auch keine Hoffnung haben müssen, dass die Titanic nicht sinkt, so haben sie doch einen äusserst ­sinnvollen Einsatz: Die Menschen zu retten und sie in der schwierigen Situation auf das, was kommt, vorzubereiten. Sie müssen die Passagiere bereit machen, damit sie sich nicht in falschen Sicherheiten wiegen oder sich einfach auf andere verlassen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Menschen ohne jede Panik wach bleiben und sich vorbereiten, sich in Rettungsbootgemeinschaften zusammenschliessen, um gemeinsam den Stürmen der Zeit zu trotzen. Dazu muss man sich erst der falschen Sicherheiten ­entledigen. 

Rettungsbootgemeinschaften
Auch in der Kirche müssen wir zuerst erkennen, welche Fragen wir uns überhaupt stellen müssen und lernen, durch das Fragen stellen weiterzukommen. Manche vermeintliche Sicherheit entpuppt sich dadurch als Illusion. So teilen manche die Illusion, dass die Welt noch in Ordnung ist, solange noch ein Pfarrer im Pfarrhaus wohnt. Das stimmt ebenso wenig wie das Gegenteil, wenn andere behaupten, sobald niemand mehr im Pfarrhaus wohne, sei alles verloren. Viele nostalgische Illusionen produzieren Abhängigkeiten, die unserem selbstbestimmten Leben nicht mehr entsprechen. Abhängigkeiten von den Diensten der Hauptamtlichen sind zu reduzieren, und das Aufeinander-Hören aller Gläubigen muss gefördert werden. Dann lassen sich sogenannte Rettungsbootgemeinschaften bilden, um zu lernen, zu hören, still zu sein und ganz vorsichtig einen Schritt nach dem anderen zu setzen. Zuletzt brauchen die Rettungsbootgemeinschaften noch Orientierungshilfen, mit denen sie die Dunkelheiten und Stürme mit ihrer Eigensteuerung bestehen können. 

Weihnachten gibt Orientierung und Hoffnung
Weihnachten steht für diese Hoffnung als Sinn und hilft uns, Licht und Orientierung zu finden. «Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in Dir: Du bleibst doch ewiglich verloren», sagt Angelus Silesius. Nicht Weihnachten von damals allein macht unser Leben hell. Wenn wir nicht dieses Licht von Christus in uns entdecken, bleibt vieles dunkel. Um dieses Licht in uns zu finden, müssen wir zuerst die Dunkelheit der Nacht zulassen, damit in der Dunkelheit unsere Augen immer grösser werden, bis wir das Licht sehen. Dann können unsere eigenen Augen selbst mit wenig innerem Licht den Weg sicher finden. 
Dazu dürfen wir gerade keinen Optimismus verbreiten, sondern müssen einen vertieften Blick auf die Gegenwart wagen. Denn genau in diese Welt wird Christus hineingeboren. Schliesslich war der Stall in Bethlehem für die damalige Messias-Erwartung ein katastrophaler Ausgangspunkt, und das Kreuz am Ende gibt auch keinen Grund für Optimismus. Es ist aber Grund für die Hoffnung, dass ein aus Liebe gelebtes Leben in jedem Fall Sinn macht und dass wache Menschen auch den Untergang von vermeintlichen Sicherheiten und von verschwindenden Institutionen überlebt haben und überleben werden.  

 

Markus Heil ist seit 2013 Diakon in Mümliswil und Ramiswil, Pastoralraum St. Wolfgang im Thal. Er gehört dem Vorstand des Vereins Kirchenblatt an und hat in der Trägerschaft die Region Buchsgau vertreten. Der promovierte Theologe ist als langjähriger Präsident der «Pfarrei-Initiative» auch schweizweit eine gewichtige Stimme in der Diskussion um die Zukunft von Glauben und Kirche. Ende Januar 2020 wird er den Kanton Solothurn verlassen und eine neue Aufgabe als Gemeindeleiter in Wettingen und Würenlos antreten. Das Kirchenblatt dankt ihm herzlich für sein langjähriges Engagement.