Aktuelle Nummer 04 | 20 | 2020
16. Februar 2020 bis 29. Februar 2020

Schwerpunkt

Sinnlich und behutsamunterwegs

von Karin Schmitz-Güttinger

Die Schweizerische Bundesverfassung verlangt, dass niemand wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung diskriminiert werden darf (Art. 8). Über dieses Diskriminierungsverbot hinaus setzen sich die Kirchen aufgrund des Evangeliums für die Schwachen und Benachteiligten ein. Ein konkretes Feld ist die Ermöglichung des Religionsunterrichts für alle Kinder, unterstützt von der ökumenischen Fachstelle für Heilpädagogischen Religionsunterricht (HRU).

Sorge für die Schwächsten
Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen und ihre Angehörigen möchten als Persönlichkeiten ebenso angenommen, beachtet, geliebt, geschützt und getragen werden wie ihre Mitmenschen. Die Grundbedürfnisse aller Menschen sind dieselben und die Würde und das Recht auf Leben gelten uneingeschränkt. Die ökumenische Fachstelle HRU will die Ansprüche und Bedürfnisse von Schülerinnen und Schülern mit Beeinträchtigungen und ihrer Angehörigen der Kirche gegenüber wahrnehmen und –wo sinnvoll und möglich – eine Inklusion als Selbstverständlichkeit anstreben. Sie will deutlich machen, dass alle Menschen gottgewollt sind und ein Recht haben auf eine adäquate religiöse Bildung. Die Bewusstseinsbildung an den Lernorten Schule, Pfarrei, Kirchgemeinde soll anregen, sodass die Verschiedenheit zur Normalität wird. 

Alle in einer Klasse
Kinder mit Behinderungen, mit Lernschwächen oder mit Verhaltensauffälligkeiten sind heute in die Schulklassen ihrer Altersstufe integriert (Inklusion) und werden nicht mehr in speziellen Kleinklassen unterrichtet (Separation). Die Lehrpersonen müssen durch ein differenziertes Unterrichtsprogramm die Kinder mit unterschiedlichen Begabungen und Bedürfnissen fördern und sie als Klassengemeinschaft führen. Dabei werden sie in der Schule durch heilpädagogische Fachlehrpersonen unterstützt. Auch der Religionsunterricht findet heute in inklusiven Klassen statt, in der Kinder aller Lernniveaus integriert sind. Die breite Streuung zwischen begabten und lernschwachen Kindern zeigt sich im schulischen Religionsunterricht ebenso wie bei den ausserschulischen Bildungsangeboten der Kirchen wie der Kirchlichen Unterweisung (KUW), der «2. Säule» oder der Sakramentenvorbereitung. Alle diese Angebote für eine heterogene Schülerschaft stellen grosse Anforderungen an die Katechetinnen und Katecheten, denn zusätzlich zur schulischen Heterogenität kommen noch die unterschiedlichen Voraussetzungen, Einstellungen und Motivationen bezüglich Glauben und Kirche ins Spiel. Der Umgang mit Heterogenität muss stets reflektiert werden. Es gilt, die Einheiten sorgfältig und professionell zu planen und durchzuführen, damit sich alle Kinder angemessen beteiligen können. Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen müssen erkannt und durch methodisch-didaktische Vielfalt und Differenzierung gefördert werden, damit ein teilhabender, chancengerechter Unterricht möglich wird.

Kinder und Jugendliche mit speziellen Bedürfnissen
Die Integration in die Regelklasse ist jedoch nicht für alle Kinder möglich. Einzelne werden in sonderpädagogischen Kompetenzzentren (Sonderschulen, Heime) gefördert und erhalten dort auch Religionsunterricht. Im Kanton Solothurn erteilen 15 Katechetinnen und Katecheten in insgesamt zwölf heilpädagogischen Schulen und Zentren heilpädagogischen Religionsunterricht (HRU). Sie sind auf der Unter-, Mittel- und Oberstufe mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters zwischen 6 und 17 Jahren tätig. Je nach Schwere und Art der Beeinträchtigung bilden zwei bis acht Kinder und Jugendliche eine Klasse. Bei Bedarf und nach Absprache mit der Institution werden sie durch eine Assistenzperson unterstützt. 
Der bisherige ökumenische Lehrplan für den Heilpädagogischen Unterricht wurde im August 2019 durch den neuen ökumenischen Lehrplan für den Religionsunterricht der Kirchen am Lernort Schule der Kantone Basel-Landschaft und Solothurn abgelöst. Dieser lehnt sich an den katholischen Lehrplan für konfessionellen Religionsunterricht und Katechese (LeRuKa) an und gilt sowohl für den HRU als auch für den Religionsunterricht an Regelklassen. 

Qualifikation für HRU-Lehrpersonen
Erarbeitet von Kathrin Reinhard
Die Grundlagen für den Umgang mit heterogenen Klassen erlernen die Katechetinnen und Katecheten in ihrer Ausbildung, bzw. die Religionspädagoginnen und Religionspädagogen in ihrem Studium. Sie können sich jedoch für die heilpädagogische Arbeit weiterbilden und speziell qualifizieren. Die Ausbildung zur heilpädagogischen Religionslehrperson erfolgt im Rahmen eines Zusatzmoduls der «Oekmodula»-Ausbildung (www.oekmodula.ch). Für diese Weiterbildung gilt folgendes Profil:

• Christlich unterwegs: Die HRU-Lehrperson hat vertiefte Kenntnisse in Theologie und Glauben sowie in Fragen der religionspädagogischen Vermittlung. Sie kann Zugänge zu Gott mit allen Sinnen erschliessen, die Teilhabe an Gottesdiensten und Sakramenten für alle ermöglichen und die Gemeinschaft aller als Christen erfahrbar machen.

• Respektvoll unterwegs: Die Aufgabe der HRU-Katechese ist es, die Würde aller zu erkennen, hervorzuheben, zu stärken und aufzubauen. Jeder Mensch ist wertvoll und kann etwas. Er ist ein gottgewolltes Geschöpf und gehört zur Vielfalt der Schöpfung. Fehler und Schwächen werden als Chancen erkannt. 

• Achtsam unterwegs: Die Planung des Unterrichts geht von den einzelnen Schülerinnen und Schülern aus und stellt sie ins Zentrum. Achtsames Beobachten und Analysieren sind Grundlagen für die Planung und Reflexion. Achtsamkeit meint aber auch, Chancen und Grenzen bei den Kindern und bei sich selbst zu erkennen und entsprechend zu handeln.

• Kompetent unterwegs: HRU-Unterrich­tende brauchen eine hohe Selbst-, Fach- und Methodenkompetenz, Kenntnisse von heilpädagogischen Grundprinzipien sowie die Fähigkeit, in Teams zusammenzuarbeiten. Kommunikative und empathische Fähigkeiten ermöglichen ihnen den Zugang zu Kindern und Eltern. 

• Dialogisch unterwegs: Religionsunterricht ist Beziehungsarbeit! Die Haltung gegenüber Menschen mit besonderen Bedürfnissen ist das A und O. Eine Begegnung ohne Gefälle entspricht dem dialogischen Prinzip. Deshalb ist eine gute Vernetzung für alle Beteiligten wichtig. 

• Reflektiert unterwegs: Kritisches Hinterfragen ist die Grundlage für Fortschritt und Entwicklung. Authentizität ermöglicht Beziehungsaufbau. Seriöse Planung ist Voraussetzung für eine gewinnbringende Reflexion und für situative Anpassungen.

• Integrativ unterwegs: Das Arrangieren von Gemeinschaftlichem steht im Vordergrund. Eine Separation kommt nur da infrage, wo sie den Schülerinnen und Schülern zugute kommt. Störungen allein sind kein Grund für eine Separation. HRU-Unterrich­tende setzen sich für die Integration in allen Lebensbereichen ein.

Fachliche Unterstützung und Dienstleistungen 
Die ökumenische Fachstelle HRU Kanton Solothurn ist zuständig für alle drei Landeskirchen des Kantons, wenn es um heilpädagogische Anliegen im Religionsunterricht geht. Sie begleitet und berät die Religionslehrpersonen, die an inklusiven Schulklassen unterrichten, ebenso wie diejenigen, die in sonderpädagogischen Kompetenzzentren tätig sind. Sie koordiniert den HRU-Unterricht im Kanton, pflegt die entsprechenden Kontakte zu Schulleitungen und Behörden und vernetzt die religionspädagogisch Tätigen untereinander durch HRU-Treffen und Intervisionsgruppen. Sie bietet Weiterbildungen an und informiert über Entwicklungen im Bereich HRU. Sie informiert Interessentinnen und Interessen, die sich für eine Ausbildung zur HRU-Religionslehrperson interessieren. Sie ist Kontaktstelle für kirchliche Behörden und Verantwortliche aus Pfarreien, Kirchgemeinden, Pastoralräumen. Für Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen ist sie die fachliche Ansprechperson.  

 

karin HRU2

Karin Schmitz-Güttinger leitet seit 1. September 2018 die ökumenische Fachstelle HRU im Kanton Solothurn.
www.sofareli.ch/fachstelle-hru