Aktuelle Nummer 04 | 20 | 2020
16. Februar 2020 bis 29. Februar 2020

Editorial

Gutmenschen und Kulturchristen

Marleen (22) hilft älteren Menschen beim Umgang mit dem Handy, Armin (53) begleitet einen jugendlichen Flüchtling als Pate durch die Berufslehre, Annegret (71) leistet Unterstützung bei einer Familie mit einem schwerbehinderten Kind, Andreas (17) engagiert sich bei einem Umweltprojekt mit Kindern. Sie betätigen sich als Freiwillige und sollten eigentlich Anerkennung dafür erhalten. Doch alle haben schon die Erfahrung gemacht, dass sie wegen ihres Engagements lächerlich gemacht und als naiv und weltfremd hingestellt wurden. Man hat sie als «Gutmenschen» verspottet. Marleen will aber ein guter Mensch sein, eine, die Gutes tut. So versteht sie christliches Leben. Sie wehrt sich dagegen, dass Populisten und Selbstgerechte aus dem guten Handeln ein Schimpfwort machen. Weil ohne das freiwillige Engagement guter Menschen das gesellschaftliche Miteinander zerbrechen würde, macht Caritas Deutschland daraus eine Kampagne: «Gutmensch – was denn sonst!»

Anderen wird das Etikett «Kulturchrist» angehängt. Es sind Menschen, die den Zugang zu existenziellen Fragen und Religion über Ausstellungen, Literatur oder Filme suchen und finden. Sie lassen sich ein auf die Kunst und Architektur von Sakralräumen oder geniessen die grossen Werke der Kirchenmusik. Hier finden sie Kraft und Motivation für ihre Lebensgestaltung und ihr Engagement. 

Gutmenschen und Kulturchristen weisen darauf hin, dass das Christentum mehr umfasst als das kirchliche Leben im engeren Sinn. Gutmenschen und Kulturchristen zeigen Wege auf, wie ein gutes Leben und ein solidarisches Miteinander mit wechselnder Nähe und Distanz zu Christentum und Kirche gestaltet werden können. Sie profitieren dabei von kirchlichen Einrichtungen und der christlichen Inspiration durch das Pfarreileben, bewahren dieses gleichzeitig vor Verengungen. Deshalb tut es Kirchen gut, auch offen zu sein für das soziale und kulturelle Leben der ganzen Gemeinde.    

Ich wünsche Ihnen viele Anregungen durch spirituelle, soziale und kulturelle Veranstaltungen in Ihrer Kirche und Gemeinde.

Kuno Schmid