Aktuelle Nummer 19 | 2020
13. September 2020 bis 26. September 2020

Schwerpunkt

Sakral und profan

von Kuno Schmid

Nebst der Einweihung von Kirchen oder Kapellen gibt es zunehmend auch Entweihungen oder Profanierungen von Sakralgebäuden. Ein geweihter Ort wird nicht mehr für religiöse Zwecke gebraucht und durch ein Ritual für eine weltliche Nutzung freigegeben oder zurückgebaut. Was lässt sich tun, damit die Kirche auch mit weniger Gläubigen im Dorf bleibt?

Wie viele Kirchen sind notwendig?
Wenn die Pfarreien ihre Zusammenarbeit in einem Pastoralraum diskutieren, kommen solche Frage auf: «Bleibt die Kirche in unserem Dorf erhalten? Wie viele Kirchengebäude brauchen wir in unserem Pastoralraum? Muss es in allen Kirchen dieselben Angebote geben? Mit welchem Raumangebot kann das Glaubensleben der Menschen heute unterstützt werden?» Auch die Kirchgemeinden beschäftigen sich damit, denn der Unterhalt der Immobilien ist aufwendig und verschlingt bei kleiner werdenden Steuererträgen finanzielle Mittel, die dann für das kirchliche Leben fehlen. Noch sind diese Fragen hierzulande nicht dringlich und die Schliessung von Kirchengebäuden bildet die Ausnahme. Anders sieht es in Nachbarländern aus. In Italien und Frankreich dämmern viele verlassene Kirchen vor sich hin, vor sich hin, und in Deutschland plant man eine geordnete Reduktion der Anzahl Gottes­häuser. Im Bistum Essen beispielsweise werden aufgrund der rückläufigen Katholikenzahlen ein Drittel aller Kirchen geschlossen und profaniert werden. 

Profane Kirchen
Die Profanierung ist das Gegenstück zur Kirchweihe. Wenn eine Kirche profaniert wird, muss dies der Bischof in einem Dekret anordnen. Im Rahmen eines letzten Gottesdienstes werden dann die Hostien aus dem Tabernakel genommen. Sie werden zusammen mit dem Kreuz, mit Reliquien und anderen sakralen Bildern und Gegenständen aus der Kirche getragen. Mit dieser Prozession ist die sakrale Funktion des Gebäudes beendet. Das Gebäude kann für andere Zwecke genutzt werden. Eine Fotoausstellung in Basel hat vor einigen Jahren gezeigt, was weltweit aus profanierten Kirchen geworden ist: Hotels, Restaurants, Museen, Einkaufszentren, Konzertsäle. Ein Beispiel ist die profanierte Stephanskirche am Friedhofplatz in Solothurn, in der sich heute ein Reformhaus befindet. Die Leitung des Bistums Basel empfiehlt, bei einer Umnutzung die bleibende symbolische Bedeutung des Gebäudes zu beachten. Prioritär soll eine ehemalige Kirche anderssprachigen Gemeinden, anderen christlichen Konfessionen oder für kulturelle oder soziale Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Auch solche Beispiele kennen wir in der Region. Die alte Kirche Härkingen wird als Kulturzentrum für Ausstellungen und Konzerte genutzt. Ebenso dient die ehemalige Klosterkirche St. Joseph in Solothurn als «Haus der Kunst» für künstlerische und kulinarische Veranstaltungen.  

In der Tradition der Basilika 
Kirchweihe und Profanierung gibt es als kirchlich-rituelle Handlungen erst seit dem Mittelalter. Die ersten Christen versammelten sich in einfachen Hauskirchen. Als die Gemeinschaften grösser wurden, haben die Christen die Basilika, die Versammlungs- und Markthalle der römischen Städte, als Gebäudeform für ihre Gottesdienste übernommen. Dadurch wollten sie sich abgrenzen von den «heidnischen» Tempeln, die als heilige Zonen ausgegrenzt waren und nur von Priestern betreten werden durften. Die Christen knüpften stärker an die Tradition der jüdischen Synagogen an, die gleichzeitig Gebetshaus, Versammlungsort und Schule waren. Immer mehr übernahm dann jedoch die mittelalterliche Kirche die kultischen Vorstellungen des nichtchristlichen Umfelds und integrierte sie in ihre Glaubenswelt. Kirchen wurden zu geweihten Gebäuden und Priester zu geweihten Personen. Trotzdem blieben die Kirchen und Kathedralen über viele Jahrhunderte «Mehrzweckgebäude», die nebst der Liturgie auch für Versammlungen und Manifestationen, als Treffpunkte und Märkte, als Obdach für Pilgernde und Arme sowie zur Versorgung von Kranken genutzt wurden. Erst der neuzeitliche Einbau von Kirchenbänken beschränkte die Kirchenräume auf Predigt und Liturgie und setze eine striktere Trennung von innensakral und aussen-profan durch. 

Kirchliches Mehrzweckzentrum
Mit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil brachte die Kirchenarchitektur jedoch den kirchlichen Mehrzweckbau wieder zurück. Moderne Kirchen werden seit den 1970er-Jahren als Kirchenzentren gebaut, die nebst dem Gottesdienstraum weitere Begegnungs- und Gruppenräume umfassen. Die Grenzen zwischen sakral und profan begannen wieder fliessend zu werden. Am deutlichsten wird dieses neue Konzept durch das Kirchliche Zentrum Rüttenen verkörpert. Es ist von der Kirchgemeinde St. Niklaus gemeinsam mit der Einwohner- und Bürgergemeinde Rüttenen gebaut worden und dient als Kirchen- und Dorfzentrum. Die Anlage umfasst Alterswohnungen der Bürgergemeinde, die Zivilschutz- und Aufbahrungsanlage der Einwohnergemeinde und die kirchlichen Räume der Kirchgemeinde. Der Saalbau kann als Kirche in unterschiedlicher Grösse genutzt werden und steht auch anderen Konfessionen zur Verfügung. Durch die Abtrennung des Altarraums entsteht ein Saal für Schul- und Vereinsfeste, Theater und Versammlungen verschiedenster Art. Die Kunst an und in den Gebäuden hat das Motive einer Kirche, die mit den Menschen durch alle Lebensphasen auf dem Weg ist, auf vielfältige Art zum Ausdruck gebracht. 

Kirche im Dorf 
Das Beispiel Rüttenen zeigt, dass eine Kirche über die Feier der Liturgie hinaus wichtige Beiträge für das Zusammenleben in einem Dorf leisten kann. Gerade wenn nicht mehr so viele kirchliche Anlässe stattfinden, kann die Kirche für erweiterte Funktionen zugunsten des Gemeinwesens geöffnet werden. Oft ist das Kirchengebäude ein Identifikationsort für Gläubige ebenso wie für Anders- oder Nichtgläubige und bildet für alle ein verbindendes Stück Heimat. Nicht überall kann der Raum so vielfältig genutzt werden. Aber die Zusammenarbeit im Pastoralraum bietet neue Chancen, weil an einem Ort für das eine und am anderen Ort für anderes eine gute Infrastruktur vorhanden ist. Auf solche Weise haben sich zwei evangelische und eine katholische Kirchgemeinde in Bern unter dem Motto «machen statt jammern» zusammengetan. Geplant ist, dass die katholische Marienkirche zum ökumenischen Kirchenzentrum für alle drei Gemeinden wird, aus der reformierten Markuskirche wird ein Quartierzentrum, für die Johanneskirche ist eine Art Stadtkloster angedacht. Alle Kirchengebäude können mit unterschiedlichem Akzent erhalten werden und machen weiterhin christliche Werte vor Ort sichtbar. 

Kirche ein Ort der Besinnung
Als das Kirchenzentrum in Rüttenen vor gut 40 Jahren eröffnet wurde, war der Wechsel zwischen sakraler und profaner Funktion innerhalb des Gebäudes nicht für alle einfach. Wo eben noch ein Lottomatch oder die Probe für das Schultheater stattgefunden hatte, war nun gottesdienstliche Stille gefordert. Der Switch zwischen profan und sakral verlief nicht ohne Konflikte und musste neu gelernt werden. Denn Kirchenräume haben auch als Orte der Stille ihre Berechtigung und bilden in unserer hektischen Welt wertvolle Oasen. Manche Gotteshäuser haben als Raum eine Ausstrahlung und Wirkung, die «Kulturchristen» oder auch Touristen berührt. Zurückhaltend gestaltete Räume können so etwas wie eine säkulare persönliche Andacht ermöglichen. Der Symbolgehalt einer Kirche ist jedoch vielen Besuchern nicht mehr unvermittelt zugänglich. Neben den Kunstführern der Denkmalpflege und den Gebetsbüchern braucht es für Besucherinnen und Besucher eine einfache Hilfe, die ihnen die Symbolik eines Kirchenraums und seiner Ausstattung erschliesst. Wenn sich die Kirchen darum bemühen, offen und gastfreundlich für eine breite Öffentlichkeit zu bleiben, werden sie als bedeutsam wahrgenommen und hoffentlich auch von der öffentlichen Hand unterstützt. Als sakrale und profane Bezugsorte können sie so auch für die nächste Generation offen und erhalten bleiben.  

 

 

haerkingen

Die alte Kirche Härkingen dient als Kulturzentrum.
www.alte-kirche.ch