Aktuelle Nummer 04 | 20 | 2020
16. Februar 2020 bis 29. Februar 2020

Editorial

Kultur des Gehorsams

Die Gedenkfeiern zur Befreiung der Konzentrations­lager von Auschwitz vor 75 Jahren schaffen grosse Betroffenheit. Die millionenfache Ermordung von Juden und Andersdenkenden führt immer wieder zur Frage: Wie konnte das geschehen? Wie konnten so viele Menschen das mordende Naziregime mittragen? Wie konnte ihr Gedankengut überall im christlichen Europa Sympathisanten finden, bis weit in kirchliche Kreise hinein?  

Das Christentum traf bestimmt eine Mitschuld, weil der Antijudaismus tief in seiner Geschichte verwurzelt war. Darüber hinaus hatte das Christentum auch mit einer oft einseitigen «Kultur von Autorität und Gehorsam» Anteil an der unseligen Entwicklung. Autorität und Gehorsam prägten die Machtstruktur der Kirche nach innen, und die Pfarrer bemühten sich nach aussen, durch treue Untertanen die Ordnung in Staat und Kirche zu erhalten. Ein guter Mensch hatte gläubig und gehorsam zu sein. Dies trug zu einer Mentalität bei, gemäss der am Ende niemand für die Schreckenstaten verantwortlich sein konnte und wollte, weil alle nur gehorsam gegenüber den Vorgesetzten und der gegebenen Ordnung waren. Heute ist vieles besser. Aber in der Kirche werden immer noch rasch Gehorsam und göttliche Ordnung bemüht, wenn eigentlich dringend kritisches Nachdenken, offene Worte oder Reformen gefordert wären. 

Die Fasnacht ist da ein ermutigendes Kontrastprogramm. Wenigstens für einige Tage wird die weltliche und geistliche Ordnung relativiert, werden Chaos und Ungehorsam ausprobiert und einem fröhlichen Leben Raum gegeben. Mit Humor werden Wahrheit und Moral anders ausgeleuchtet. Masken und Rollen kehren gesellschaftliche Positionen um. Manche ordnen sich neu in farbig uniformierte Sujets oder Gruppen ein. Fasnacht steht für Lebensfreude, sie ist jedoch noch keine Garantie für ein menschlicheres Zusammenleben. Die Fasnacht ist aber eine Erinnerung daran, dass alle Ordnung vorläufig ist und dass jede Struktur so zu verhandeln ist, dass sie dem gerechten und frohen Zusammenleben der Menschen dient. 

Ich wünsche Ihnen fröhliche Fasnachtstage und gegebenenfalls den Mut zu humorvoller Kritik an der Kultur des Gehorsams.

  

Kuno Schmid