Aktuelle Nummer 07 | 2020
29. März 2020 bis 11. April 2020

Schwerpunkt

Saatgut gehört den Bäuerinnen und Bauern, nicht den Konzernen

Freihandelsabkommen mit Malaysia 
Aktuell verhandelt die Schweiz ein ­Freihandelsabkommen mit Malaysia. Wie schon im Abkommen mit Indonesien verlangt die Schweiz von den Partner­ländern strenge Sortenschutzgesetze. ­Gemäss den Hilfswerken schränken solche Gesetze die einheimischen Bäuerinnen und Bauern bei der Verwendung und Weiterzucht ihres Saatguts ein. Dies untergräbt die Entwicklungsanstrengungen der Hilfswerke und verstösst gegen die UN-Deklaration für die Rechte der ­Bäuerinnen und Bauern. Die drei Hilfswerke rufen darum die Schweizer ­Bevölkerung auf, mit einem «Solidaritätsbrief» an das Staatssekretariat für Wirtschaft in Bern (Seco) zu gelangen und zu fordern, dass nicht ein Sortenschutz­gesetz, sondern das Recht der Bäuerinnen und Bauern für ihre eigenen Saatgutsysteme verbrieft wird. 

von Georges Scherrer, kath.ch / Kuno Schmid

Die Fastenkampagne 2020 macht die Problematik des Saatgutes zum Thema. Saatgutkonzerne ­bedrängen zusehends die lokale Landwirtschaft und zerstören auf diese Weise die Biovielfalt. Die ­Klimadebatte gibt der Kampagne eine zusätzliche Brisanz.

Die Ökumenische Fastenkampagne 2020 führt auf eine Reise durch die halbe Welt – und zwar in jene Hälfte, die den Segen des Geldes nicht geniesst. Die Zahlen der «­globalen Vermögenspyramide», welche die Schweizer Bank Credit Suisse veröffentlicht, sind deutlich: In den Industrieländern verdienen etwa zwanzig Prozent der Erwachsenen weniger als 10 000 Dollar im Jahr. In Indien und Afrika hingegen fallen mehr als 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in dieses Segment. Für viele Einwohner von Niedriglohnländern sei es eher die Norm als eine Ausnahme, ein Leben lang diesem Armutssegment anzugehören, hält die CS zur Armutspyramide fest.

Fokus auf das Saatgut
Die Gründe für das Armutsgefälle mögen vielfältig sein. Die diesjährige Fastenkampagne pickt eine der Ursachen heraus: das Saatgut. Der christkatholische Pfarrer aus Neuenburg, Nassouh Toutuongi, bringt die Kampagne und ihre zentrale Aussage auf den Punkt: «Die Kontrolle über Saatgut ist seit jeher eine Machtfrage.» Nassouh ­Toutuongi, Sohn eines Libanesen und einer Schweizerin, weist in der Fastenkampagne darauf hin, dass manche Aspekte des Saatgut-­Handels problematisch sind. Die Argumente werden zum Teil auch in der Konzernverantwortungsinitiative aufgeführt, die aktuell in den eidgenössischen Räten verhandelt wird. Unternehmen sei es heute möglich, gentechnisch manipuliertes Saatgut patentieren zu lassen und dieses als «exklusives und kommerzielles Produkt» zu verkaufen, betont Toutuongi im Kampag­nenmagazin der Fastenkampagne. «Gewisse Unternehmen» wollten gleichzeitig Bauernfamilien verbieten, das eigene, traditionelle Saatgut mit anderen Landwirten zu «tauschen». So werde eine Art niederschwelliger Handel unterbunden.

Glaubwürdige Antwort auf ­Klimawandel
Die Ökumenische Kampagne 2020 thematisiert die Bewahrung der Vielfalt des Saatgutes auch auf dem Hintergrund des Klimawandels. Die Agrarindustrie orientiert sich an der grossflächigen Landwirtschaft und setzt auf einige wenige Sorten, die in Monokulturen angepflanzt werden. Sie werden oft zusammen mit dazugehörigem Dünger und notwendigen Pestiziden verkauft. 70 Prozent der Nahrungsmittel werden jedoch weltweit nach wie vor von kleinbäuerlichen Betrieben angebaut und nicht von der Agrar­industrie. Die Kleinbauernbetriebe verwenden dazu lokales Saatgut, das besser an die regionalen klimatischen Bedingungen angepasst ist als die Industrieprodukte. Es ist resistenter gegen Schädlinge und kommt besser mit trockenen Böden zurecht. Das katholische Fastenopfer, das reformierte «Brot für alle» und das christkatholische Hilfswerk «Christ sein» fordern, dass die Bauern und Bäuerinnen weiterhin selbst über ihr Saatgut verfügen und die Kontrolle über ihre Ressourcen bewahren können. Sie sollen nicht von Saatgutlieferanten abhängig werden. Eine gefestigte, kleinbäuerliche Landwirtschaft könne eine «wichtige Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels sein».

Stimmen aus aller Welt
Die Gewinnung von Saatgut habe in Kenia immer bei den Bäuerinnen gelegen. Diese hätten ihr Wissen an ihre Töchter weitergegeben, meint Ruth Nganga und ergänzt: «Dass dies nun plötzlich verboten sein soll, ist absurd.» Heute würden drei internationale Saatgutkonzerne den weltweiten Markt dominieren. Diese versuchen in verschiedenen Ländern durch Gesetze oder Handelsverträge ihre Produkte zu schützen und auf dem Markt durchzusetzen. Dadurch werde ein «Jahrtausende altes Landwirtschaftssystem» zerstört, schreiben die drei Hilfswerke. Die landwirtschaftlichen Erträge müssen der Ernährung der Bevölkerung dienen, nicht den Gewinnen der Konzerne. Deshalb soll auch Mais nicht mehr zur Produktion von Pharmazeutika, Kunststoffen oder Biokraftstoffen verwendet werden, verlangt die Guatemaltekin Inés Pérez. Und Mercia Andres aus Südafrika fügt bei: «Wir sind die Hüterinnen des Landes, des Lebens und des Saatguts». Seit 2018 erhält der Widerstand der Kleinbauern Unterstützung durch die Vereinten Nationen, welche die Deklaration für die Rechte von Bauern und Bäuerinnen angenommen und darin auch das Recht auf Saatgut verankert hat. Dies ist ein Meilenstein auf dem Weg zur Bekämpfung von Hunger und Armut und wurde möglich durch die weltweite Lobby­arbeit und Unterstützung der Hilfswerke. Auch die Schweiz hat der Deklaration zugestimmt. 

Eintauchen in die Liebe Gottes
Die Hilfswerke haben verschiedene Materialien bereitgestellt, die in den Pfarreien, Schulen oder für die Sensibilisierung der Schweizer Bevölkerung genutzt werden können. Dazu gehört der Fastenkalender mit dem Titel «Ich ernte, was ich säe – Was nährt mich? Was nährt die Welt?». Mit Geschichten aus dem Süden, sowie mit Anregungen und Meditationen will der Fastenkalender durch die Zeit bis Ostern führen. Der Kalender wird von den Pfarreien verteilt und liegt in vielen Kirchen auf. Mit dem integrierten Einzahlungsschein rufen die Hilfswerke zu Spenden für die Menschen auf, die tagtäglich ums Überleben kämpfen und durch verschiedene Projekte nachhaltig unterstützt werden sollen. Für die Kinder greift die Zeitschrift «jumi» die Fastenopferthematik am Beispiel der Bienen auf. Vielerorts wird es auch wieder Aktionstage zu «Fairtrade Rosen» und «Brot zum Teilen» sowie Suppentage, Marktstände und Fastengruppen geben. Das Meditationsbüchlein «Schöpfungshaus» lädt zum Nachdenken und Beten vor dem Hungertuch ein. Das Hungertuch wird in den Kirchen zur Fastenzeit aufgehängt. Es wurde vom Künstler Uwe Appold aus Flensburg gestaltet. Die Texte dazu hat der Schweizer Erfolgsautor Pierre Stutz verfasst. Seit jeher sei es ihm darum gegangen, aufzuzeigen, «dass unser Eintauchen in die Liebe Gottes uns bestärkt, auftauchen zu können für Frieden in Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung», begründete Stutz seinen Einsatz für die Fastenkampagne.