Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Editorial

«Barmherzigkeit», die Humanität Gottes

Für Papst Franziskus ist Barmherzigkeit so etwas wie eine Lebenshaltung, eine Lebenspraxis, die ihren Ursprung in der Menschenliebe, in der Humanität Gottes hat.
Letzte Woche sind mir drei ganz unterschiedliche Personen aufgefallen, die je Aspekte dieser Barmherzigkeit aufschlüsseln. 

Der Altnationalrat und Genfer Katholik, Jean Ziegler, äussert sich in einem Interview mit Radio Vatikan. Er interpretiert Barmherzigkeit als den Grundsatz, «dass jeder für jeden verantwortlich ist». Es gehe immer darum, dass Benachteiligte nicht ausgeschlossen werden von der Gesellschaft und vom Zugang zu Nahrung. Denn alle sind Ebenbilder und Kinder Gottes. 

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide aus Münster schreibt in der Wochenzeitung «Die Zeit». Für ihn ist Barmherzigkeit «die bedingungslose Zuwendung eines jeden Menschen seinem Nächsten gegenüber». An diese zentrale Grundhaltung des Islam sollen die Muslime erinnert werden. Es brauche deshalb auch im Islam ein Jahr der Barmherzigkeit. Noch besser wäre eine gemeinsame Initiative mit den Christen für eine barmherzigere Welt. 

Der St. Galler Bischof, Markus Büchel, betont in seinem Hirtenschreiben, dass Barmherzigkeit keine abstrakte Theorie sei, sondern eine konkrete Praxis. Sie zeige sich dort, wo Menschen füreinander Zeit haben, füreinander beten, Geld und Gaben teilen und für Gerechtigkeit einstehen. Solche konkreten Engagements lassen sich auch in dieser Nummer des Kirchenblattes finden: der Malteser Hospitaldienst, die Caritas Solothurn, die Aktivitäten in den Pfarreien und Pastoralräumen, in der Ökumene, im interreligiösen Dialog oder in der Jugendarbeit. Es sind Initiativen, die nicht «ich zuerst» oder «wir zuerst» in den Mittelpunkt stellen. Vielmehr haben sie Interesse an Begegnungen, am Miteinander, an sozialer Gerechtigkeit, am Gemeinwohl; sie haben ein Herz für die anderen und insbesondere ein Herz für die Armen. Allen gemeinsam ist ein Verständnis von Barmherzigkeit als dem Wahrnehmen und Einstehen für die Würde eines jeden Menschen, selbst dann, wenn man dafür als «Gutmensch» verhöhnt wird. 

Ich wünsche Ihnen einen aufmerksamen Blick für all die «Barmherzigkeit», die um uns herum geschieht, geleistet oder erwartet wird. 

 

Kuno Schmid