Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Schwerpunkt

Die Neue Einheitsübersetzung

von Stephan Kaisser

Eine gute Übersetzung ist Kunst, denn sie ist mehr als nur eine Wort-für-Wort-Übertragung in eine andere Sprache. Sie ist ein Beziehungsgeschehen und somit ein kreativer künstlerischer Vorgang, denn sie vermittelt zwischen Kulturen. Darum ist die Neue Einheitsübersetzung etwas Wertvolles, sie hilft die Beziehung zu unseren Glaubensvorfahren aufrechtzuerhalten und zu vertiefen. Sie vermittelt uns den Glauben von damals und macht ihn fruchtbar für heute.

So ist die Neue Einheitsübersetzung, die in diesen Wochen in den Buchhandel kommt, die Grundlage für Liturgie und Katechese innerhalb der römisch-katholischen Kirche, und deshalb werden ab 2018 schrittweise die Lektionare, also die in den Gottesdiensten verwendeten Bücher für die Lesungen aus der Bibel, mit dem Text der Neuen Einheitsübersetzung herauskommen.
Die Einheitsübersetzung will aber nicht nur die Beziehung zu unseren Glaubensvorfahren stärken, sondern auch die Beziehung unter den heutigen Bibelleserinnen und -lesern. Einheit bezieht sich darauf, dass sie die innerhalb der gesamten deutschsprachigen katholischen Kirche verwendete einheitliche Fassung ist. 
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) zielte auf eine Erneuerung und Verlebendigung von Seelsorge und Liturgie und machte den Weg frei für eine Liturgie in den Landessprachen. Deshalb haben die Bischöfe des deutschen Sprachgebiets (Deutschland, Österreich, Schweiz, Strassburg, Luxemburg, Bozen-Brixen und Lüttich) beschlossen, sich am Vorhaben einer dem Urtext getreuen und praxistauglichen Übersetzung ins Deutsche zu beteiligen. Angezielt wurde ein gehobenes, anspruchsvolles Gegenwartsdeutsch, das interessierte Menschen ausserhalb und innerhalb der Kirche anspricht und so Beziehung schafft. Germanisten, Liturgiewissenschaftler, Musiker, Theologen (katholische und evangelische!) arbeiteten mit, um keine wortwörtliche, sondern eine leserbezogene, verständliche und dem Urtext gerechte Bibelübersetzung zu schaffen.
1979 ist schliesslich die Einheitsübersetzung in verbindlicher Fassung als offizielle Bibelausgabe der römisch-katholischen Kirche im deutschen Sprachgebiet erschienen. Weil die Übersetzung des Neuen Testaments und der Psalmen ökumenisch verantwortet war, gab die Evangelische Kirche diese für ökumenische Gottesdienste und Bibelkreise frei. So kam es zur Ansicht, die Bezeichnung «Einheit» sei auch ökumenisch gemeint. Eine durchaus sinnvolle Bedeutungserweiterung. 

Denkgewohnheiten verändern sich im Laufe der Zeit, dies hat Einfluss auf die Sprache und die Kultur, die Bibelwissenschaften gelangen zu neuen Erkenntnissen. Und wenn die Bibel in der Landessprache Vermittlerin zwischen Kulturen sein will, so muss auch sie sich verändern. Nach beinahe 40 Jahren war es Zeit für eine Revision. Der langjährige Projektleiter em. Bischof Joachim Wanke sagte an der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe, bei der neuen Einheitsübersetzung handle es sich um eine «moderate Revision», die an vielen Stellen Fortschritte an Genauigkeit, Texttreue und Verständlichkeit bringe. Eine Übersetzung sei immer auch Interpretation. Die Neuausgabe nähere sich den Urtexten wieder an und «zeigt Mut zu biblischen Redeweisen. (PS: Dem Leitungsgremium der im Frühjahr 2006 begonnenen Überarbeitung der Einheitsübersetzung gehörte neben Wanke u.a. auch em. Weihbischof Martin Gächter an.)

Wenn Bibelübersetzung Beziehungsgeschehen ist, dann ist es natürlich sehr betrüblich, dass die anfängliche ökumenische Zusammenarbeit 2005 endete. Es waren vor allem Verfahrensfragen und wohl auch das erkaltete ökumenische Klima seit der Erklärung Dominus Jesus der Glaubenskongregation vom 6. August 2000 (evangelische Christen sahen es als Herabsetzung, dass darin behauptet wurde, sie seien nicht Kirche im eigentlichen Sinne), die dazu führten. 
Zum Reformationsjubiläum Ende Oktober hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine Neufassung der Lutherbibel vorgestellt. Laut Michael Theobald, Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen und einer der Revisoren der Übersetzung des Neuen Testaments, ist dies kein ökumenischer Rückschritt: «Mit ihrem unterschiedlichen Klang – hier ein moderner Sprachduktus, dort lebendige Luthertradition – haben beide ihren unverwechselbaren Ort und werden die Ökumene gewiss bereichern.»

Hier nun einige Beispiele, wie sich die Einheitsübersetzung verändert hat:

Eine wichtige Änderung durch die Berücksichtigung neuerer exegetischer Erkenntnisse ist, dass die Apostolin Junia nun wieder eine Frau sein darf. Heute ist klar, dass der Apostel Paulus nicht zwei Männer mit Namen Andronikus und Junias als Apostel bezeichnete und Grüsse ausrichten liess, sondern das Ehepaar Andronikus und Junia. 
Grüsst Andronikus und Junia, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie ragen heraus unter den Aposteln und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt. Römer 16,7

Heute wird viel mehr auf eine gender­gerechte Sprache geachtet, dem trägt Rechnung, dass bei der Anrede von Adressaten neutestamentlicher Briefe «Brüder und Schwestern» verwendet wird. In der damaligen griechischen Sprache kann das Wort «Brüder» eine Gruppe aus Männern und Frauen bezeichnen. 
Was soll also geschehen, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es. Alles geschehe so, dass es aufbaut. 1 Korinther 14,26

Auch sonst wird die Sprache moderner und direkter. Elisabeth und Maria empfangen kein Kind, sondern werden schwanger. Lk 1,24.31

Ein wichtiges Anliegen der jüdischen Theologie wurde aufgenommen. Den hebräischen Gottesnamen JHWH sprechen Juden aus Gründen des Respekts nicht aus, denn Gott ist der Unverfügbare und lässt sich nicht in den (Be-)Griff bekommen. Er wird jetzt durchgängig mit HERR wiedergegeben.
Dieses Anliegen der jüdischen Theologie gilt auch für die Szene mit Mose am brennenden Dornbusch. Gott nennt Mose seinen geheimnisvollen Namen. Die alte Einheitsübersetzung formulierte: Ich bin der ‹Ich-bin-da›. Die Neue Einheitsübersetzung ist näher beim hebräischen Original mit: Ich bin, der ich bin. Die neue Übersetzung ist hier weniger auf eine Begleitung Gottes hin interpretierend und bringt mehr zum Ausdruck, dass Gott ein Geheimnis ist.
Da werden sie mich fragen: Wie heisst er? Was soll ich ihnen sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin, der ich bin. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der Ich-bin hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich anrufen von Geschlecht zu Geschlecht. Exodus 3,13–15 

Solche Textstellen zeigen, dass Bibelübersetzung, die immer auch Interpretation und Beziehungsgeschehen bedeutet, nie endgültig abgeschlossen ist. In einer späteren Revision wird vielleicht einer Forderung der feministischen Theologie nachgegeben, ein einseitig männliches Gottesbild zu überwinden und statt HERR wird eine weniger eingrenzende Formulierung verwendet.
Bis dahin wird uns die Neue Einheitsübersetzung eine der Tradition gerechte und zugleich zeitgemässe, inspirierende Partnerin und Begleiterin auf unserem Glaubensweg sein.