Aktuelle Nummer 18 | 2018
19. August 2018 bis 01. September 2018

Er berührte ihn

Gedanken zum Sonntag, 11.Februar 2018 – Sechster Sonntag im Jahreskreis (Markus 1,40-45)                                                           

Gerade darin lag das Aussergewöhnliche, dass er ihn berührte.

Der gesunde Jesus begegnet einem unheilbar Kranken, der nicht berührt werden darf, denn die Krankheit ist ansteckend. Es handelt sich um Aussatz. Die Kranken hatten sich im Abseits aufzuhalten. Eine Kommunikation mit Gesunden durfte nur in Rufweite geschehen. Hier in der Geschichte bei Markus (1, 40-45) jedoch ist alles anders. Der Aussätzige durchbricht die Vorschriften, nähert sich Jesus und fällt vor ihm auf die Knie: „Wenn du willst, kannst du mich heilen.“

Will Jesus? Der Aussätzige scheint überzeugt zu sein, dass dieser Wanderprediger und Heiler alle Kraft hat für eine Heilung. Wahrscheinlich hatte er schon von Jesus gehört, und irgendetwas in seinem Innern treibt ihn an, alles auf eine Karte zu setzen: Jetzt oder nie, dies ist meine Stunde. Jesus kannte das Schicksal der Aussätzigen, der Ausgesetzten, der Ausgegrenzten, die in ihrer Krankheit keinen Anspruch hatten auf pflegerische Zuwendung, auf ein Dabeisein, wo gesellschaftliches Leben stattfindet. Er ist tief berührt, denn es heisst: Er hatte Mitleid.

Hatte zuerst der Aussätzige die Schranke zwischen sich und dem gesunden Jesus durchbrochen, so tut dieser nun dasselbe. Das bedeutet: Er spricht nicht nur ein heilendes Wort, sondern Jesus berührt sogar den Kranken. Hautkontakt! Ohne Angst vor Ansteckung. In diesem Augenblick geschieht das Wunder: Der Mann ist geheilt.

Wir können die Geschichte auch anders lesen, indem wir uns die Frage nach den Unberührbaren im eigenen Umfeld stellen. Wen wollen wir uns möglichst auf Distanz halten? Oder wer lebt um uns herum mit dem Gefühl, sich aufgrund des eigenen Schicksals ausklinken zu müssen da, wo gesellschaftliches Leben stattfindet?  Meist erscheint das alles nicht so krass wie hier zwischen Jesus und dem Aussätzigen. Aber auch ich kenne so etwas wie einen Abstand in Rufweite. Sich die eigenen Berührungsängste einzugestehen, schafft Mut für einen Augenkontakt, einen Händedruck… vielleicht bei einem Familienmitglied, für das man sich schämt.        

Wer heilend wirken möchte, findet rundherum reichlich Gelegenheit, Ausgegrenzte und Ausgesetzte zu berühren. Erkennungsmerkmal: Hautfarbe, Sprache mit ausländischem Akzent, und was noch?

Ingrid Grave ist Dominikanerin in Zürich, wo sie in der Seelsorge engagiert ist