Aktuelle Nummer 21 | 22 | 2018
30. September 2018 bis 27. Oktober 2018

Sind wir alle bloss Lückenbüsser?

 

Gedanken zum Sonntag, 13. Mai 2018: Apostelgeschichte 1,15-26

Kaum dass Judas tot ist, so berichtet die Apostelgeschichte im 15. Kapitel, versammeln sich die restlichen elf Jesusjünger, um einen Nachfolger zu wählen. Damit ist die Zwölferschar wieder komplett – und der Übergang zur Tagesordnung gewährleistet.

Das zeigt, niemand ist unentbehrlich. Eindrücklich bringt das die Heroldsformel zum Ausdruck, mit der früher in Frankreich der Tod des Königs bekannt gegeben und gleichzeitig der neue Herrscher ausgerufen wurde: «Le roi est mort, vive le roi – der König ist tot, es lebe der König!» Damit wurde die Kontinuität der französischen Erbmonarchie betont und gleichzeitig daran erinnert, dass beim Ableben des Regenten die Krone unmittelbar in den Besitz des Nachfolgers übergeht. Auf die Monarchie folgte die Republik und, wie vormals die Könige, lösen heute die Staatsoberhäupter einander ab. Nach dem Tod des Schlachtensiegers Alexander des Grossen ist die Welt nicht untergegangen. Den Hinschied des Friedenskaisers Augustus hat das Menschengeschlecht ebenfalls verkraftet. Beide Male haben sich Nachfolger gefunden, die der Menschheit dienen wollten, natürlich nach ihren eigenen Vorstellungen.

 

Dass sich längst nicht alles um uns dreht, erleben wir auch im Alltag. Kommt der Verwaltungsratspräsident einer Bank wegen Betrugs hinter Gitter, übernimmt jemand anders dessen Aufgabe. Wenn die Dentistin die Praxis aufgibt, lassen wir die Zähne eben anderswo richten. Die Leere, die wir hinterlassen, ist schnell ausgefüllt – und sei es durch irgendeinen Lückenbüsser.

 

Allerdings trifft das nur zu, wenn wir Menschen auf ihre Funktion reduzieren. Wie verfehlt diese Sichtweise ist, erfahren wir hautnah an den Gräbern unserer Liebsten. Wenn ein mit uns befreundeter Mensch verstirbt, hinterlässt er eine Lücke, die selbst Gott nicht schliessen kann. Weil es hier nämlich um einen konkreten Menschen geht, und nicht um dessen gesellschaftliche Position.

 

Dass wir bezüglich unserer Funktion austauschbar sind, versteht sich von selbst. Ganz anders verhält es sich mit den Lücken, die uns Nahestehende in unserem Leben hinterlassen und die auch wir vielleicht einmal hinterlassen werden. Die zeigen uns schmerzlich, dass jeder Mensch einzigartig und deshalb unersetzbar ist. Jeder und jede von uns hat eine eigene Art sich zu freuen und zu trauern, zu lieben und zu verzweifeln, zu hoffen und zu leben. Und für jeden einzelnen Menschen gilt der vom Propheten überlieferte Zuspruch Gottes: «Ich habe dich beim Namen gerufen; du gehörst mir« (Jesaja 43,1).

 

Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der Seelsorge tätig.