Aktuelle Nummer 14 | 15 | 2018
24. Juni 2018 bis 21. Juli 2018

Vergib uns unsere Unschuld!

Gedanken zum Sonntag: 10. Juni 2018 (Genesis 3,9-15)  

Wer meint, biblische Texte seien veraltet, könnte schon bei einer tiefenpsychologisch motivierten Lektüre der Geschichte vom Sündenfall der Stammeltern zu einer ganz anderen Ansicht gelangen (Genesis 3,9-15). Denn dieser Text überliefert nicht eine Begebenheit aus längst vergangenen Vorzeiten, sondern handelt von uns selber.

Als Gott Adam zur Rechenschaft zieht, weil er von den Früchten des verbotenen Baumes gegessen hat, verweist dieser auf seine Gefährtin: «Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben» (Genesis 3,12). Man muss schon genau hinhören, um diese Antwort in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen. Es handelt sich nicht um eine Ausflucht, sondern um eine Anklage; Adam beschuldigt nicht einfach seine Gefährtin, sondern letztlich Gott selber: «Die Frau, die du mir beigesellt hast …!» Gott überhört den Vorwurf und wendet sich der Frau zu, die sich ihrerseits rechtfertigt. «Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen» (Genesis 3,13). Nur – wer hat die Schlange erschaffen, die «schlauer war als alle Tiere des Feldes»? Richtig, Gott selber!

Um ihn zu entlasten haben die biblischen Schriftsteller in der Gestalt des Teufels einen Pappkameraden aufgebaut, der immer dann als Alibifigur herhalten muss, wenn einem angesichts menschlicher Untaten das blanke Entsetzen befällt. Statt sich zu fragen, wie Menschen dahin kommen, die horrendesten Gräueltaten zu vollbringen, verweisen sie auf die Macht des Teufels, offenbar weil sie sich nicht abfinden können mit dem Gedanken, dass das Böse im dunkelsten Winkel ihres eigenen Herzens selber hockt. So gesehen ist der ›Teufel‹ tatsächlich, wie C. G. Jung bemerkt, «eine Variante des Schatten-Archetypus, das heisst des gefährlichen Aspekts der nicht anerkannten dunklen Hälfte des Menschen». Wohlgemerkt, die persönliche Existenz des Bösen steht hier nicht zur Debatte, wohl aber die Art, wie man sich seiner oft bedient, um angesichts der eigenen Untaten halbwegs vor sich selber bestehen zu können.

Tatsache ist, dass wir stets versucht sind, unsere Schuldgeschichte zurechtzubiegen zu einer Entschuldigungsgeschichte. Wir verweisen darauf, dass andere viel Schlimmeres getan haben; wir betonen, dass unsere Freiheit schon aufgrund unserer Erbanlagen stark eingeschränkt ist; wir wälzen die Verantwortung auf andere ab, auf Höhergestellte und Vorgesetzte, auf Erziehung und Propaganda, auf die herrschenden Verhältnisse und auf die gesellschaftlichen Umstände. Wir ‹erklären› unsere Fehltritte, und am Ende sind wir nicht mehr Schuldige, sondern Opfer. Wirklich nur Opfer?

Josef Imbach ist Verfasser zahlreicher Bücher. Er unterrichtet an der Seniorenuniversität Luzern und ist in der Erwachsenenbildung und in der Seelsorge tätig.