Aktuelle Nummer 13 | 14 | 2020
21. Juni 2020 bis 18. Juli 2020

«Behandlungsplanung» als Chance für die Kirche

Der Ethiker Markus Zimmermann von der Universität Freiburg sieht mehrere Varianten, wie sich die katholische Kirche in die Diskussion um die Weiterentwicklung der Patientenverfügung einbringen könnte.

Wenn Sterbende darauf vertrauen können, dass sie bis zum Schluss ernst genommen werden und über sich selbst bestimmen dürfen, ziehen vielleicht einen assistierten Suizid nicht in Betracht. Aus einer solchen Perspektive könnte die katholische Kirche die sogenannte Vorausschauende Behandlungsplanung, Englisch «Advance Care Planning» (ACP), klar befürworten.

Diese und andere Ideen zu ACP – und der Haltung der katholischen Kirche dazu – hat der Moraltheologe und Ethiker Markus Zimmermann von der Universität Freiburg kürzlich im Rahmen einer Online-Fachtagung präsentiert. Veranstaltet wurde diese vom Fachgremiums Palliative Care der Schweizer Bischofskonferenz SBK. Daran teilgenommen hatten Personalverantwortliche der Bistümer, leitende Spitalseelsorgende und Leute aus dem universitären Bereich. Auch der St. Galler Bischof Markus Büchel war dabei.

Patientenverfügung greift in der Praxis oftmals nicht

Bei ACP handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Idee der Patientenverfügung. Diese sollten sicherstellen, dass Patienten gemäss ihren persönlichen Wünschen behandelt werden, selbst wenn sie nicht mehr ansprechbar sind.

Selbst- statt Fremdbestimmung bis ans Lebensende. Warum das trotz vorhandenener Patientenverfügung doch nicht immer so gut funktioniert, hat laut Zimmermann der klinische Alltag gezeigt. So scheitert die Umsetzung einer Patientenverfügung unter anderem immer wieder daran, dass die Verfügung widersprüchliche Aussagen enthält, oder auch daran, dass zwar klare Angaben vorhanden sind, sich aber nicht auf den konkreten Fall anwenden lassen.

Gute Beratung nötig

Aus der Erkenntnis, dass eine Patientenverfügung nur so gut sein kann wie die Beratung, welche die abfassende Person dabei erhielt, sowie der Einsicht, dass das System der Gesundheitsversorgung auf die Berücksichtigung des Patientenwillens eingerichtet sein muss, entstand das Konzept der vorausschauenden Behandlungsplanung. Wie Ethiker Zimmermann im Rahmen der Fachtagung ausführte, entstand ACP in den 1990er-Jahren in den USA. Inzwischen gibt es in der Schweiz ein von Bundesamt für Gesundheit BAG und der Fachgesellschaft palliative.ch ausgearbeitetes Rahmenkonzept zu ACP.

Dieses sieht vor, dass das Gesundheitspersonal aktiv auf Patienten zugeht, und mit ihnen vorausschauende Gespräche führt. Die Resultate daraus werden professionell dokumentiert, Archivierung und Zugriff werden sichergestellt und bei Bedarf wird das Dokument aktualisiert. Zudem werden Ärztinnen und Pflegefachkräfte darin ausgebildet, die Gespräche zu führen und deren Resultate im entscheidenden Moment auch zu berücksichtigen.

Existenzielle Fragen zu Leiden, Sterben und Tod

Im Rahmen seiner weiteren Ideen zur kirchlichen Mitarbeit beim ACP wies Zimmermann darauf hin, dass mit der Etablierung von solchen ACP-Gesprächen und -Bertungen «eine Reihe existenzieller Fragen zu Leiden, Sterben und Tod angesprochen werden, welche traditionellerweise durch die kirchliche Seelsorge identifiziert und durch diese angeregt wurden.»

Auf diese Säkularisierungserscheinung könnten die Kirchen unterschiedlich reagieren. «Ich tendiere dazu, das aktive Mitmachen der Kirchen in diesen Prozessen beziehungsweise die positive Zustimmung zur Palliative Care gut zu finden, wenngleich es auch gute Gründe geben mag, sich als Kirche stärker abzugrenzen und das eigene Profil zu betonen», so Zimmermann.

Weiter erwog er, dass Seelsorgerinnen und Seelsorger sich künftig als so genannte Faciliators, also Gesprächsbegleiter nach ACP-Konzept, zum Einsatz kommen könnten. Allerdings liege diese Tätigkeit ausserhalb der eigentlichen Seelsorge-Aufgaben, was die Seelsorge letztlich schwächen könne.

Fachstellenleiterin sieht Chancen und Herausforderungen

Auch Jeanine Kosch, Fachverantwortliche «Palliative Care» bei der Schweizerischen Bischofskonferenz, sieht Chancen und Herausforderungen für die Seelsorgenden: «In der ganzen Personalplanung in der Pastoral muss damit gerechnet werden, dass neue Aufgaben auf unser Personal zukommen. Dies wiederum erfordert eine Ausbildung der Leute, welche sich für ACP engagieren.»

Die Seelsorgenden müssten deshalb ausgebildet sein, damit sie echte Partner für die gut ausgebildeten Leute im Gesundheitswesen sein könnten. «Wenn wir gar nichts unternehmen, verliert die Kirche an Einfluss in einem wichtigen Thema: der Wertediskussion bei Krankheit und Sterben», so Kosch weiter.