Aktuelle Nummer 02 | 2021
17. Januar 2021 bis 30. Januar 2021

Besuche in Altersheimen sind wichtig

Das Leid von Menschen in den Altersheimen kommt in der Pandemie-Diskussion viel zu kurz, kritisiert die Autorin Daniela Kuhn. Sie findet: «Die totale Isolierung ist unethisch. Die Kantone müssen handeln.»

«Im Frühling waren in der Schweiz rund 130’000 Menschen in Langzeitinstitutionen eingesperrt, zweieinhalb Monate oder länger. Um das Coronavirus fernzuhalten, erlaubten Heime auch keine Besuche. Grundlage für die Massnahmen waren «Empfehlungen» der kantonalen Behörden, gestützt auf das Epidemiegesetz.

Demenzkranke verstehen die Corona-Massnahmen nicht

Niemand wehrte sich gegen die unmenschlichen Szenen, die sich hinter verschlossenen Türen abspielten. Die Betroffenen waren alleingelassen. Besonders gelitten haben Heimbewohner, die bis zum Ausbruch der Pandemie ein relativ autonomes Leben geführt hatten, oder Menschen, die kognitiv nicht in der Lage sind, Massnahmen zu verstehen, meist Demenzkranke. (…)

Massnahmen waren unverhältnismässig

Heute lässt sich sagen: Die einschneidenden Massnahmen der Langzeitinstitutionen waren nicht nur unethisch, sondern auch unverhältnismässig. Sie wurden nicht rechtzeitig überprüft und weit über die Zeit des ersten Schocks hinaus angewendet. Ausser grossem Leid haben sie auch nicht viel gebracht: Die Hälfte der Todesfälle während der ersten Welle wurde in Alters- und Pflegeheimen verzeichnet: Die Hauptgefahr für Heimbewohner ist und bleibt das Personal. (…)

Verzweifelte Hilferufe von Angehörigen

In den meisten Kantonen variiert die Situation, je nach Gusto der Heimleitung: Abteilungen, die unter Quarantäne stehen, dürfen unter bestimmten Bedingungen aufgesucht werden – oder auch nicht. Manche Heime rüsten Angehörige mit Schutzmaterial aus.

Auf Voranmeldung dürfen sie ihre Liebsten während einer halben Stunde in deren Zimmer besuchen. Es erreichen mich in den letzten Wochen aber auch wieder verzweifelte Hilferufe von Angehörigen, die völlig abgeschnitten sind von jenen, die ihnen eigentlich am nächsten sein sollten.

Besuchsrecht für eine Person

Die einen Heimleitungen scheinen also etwas gelernt zu haben, andere nicht. Es liegt nun an den kantonalen Aufsichtsbehörden, Grundsätze verbindlich festzulegen und die Grundrechte der Bewohner aller Heime zu schützen. Etwa das Recht auf und die Organisation von einem persönlichen Kontakt pro Person, auch während eines Ausbruchs von Covid-19 im Heim.»

Daniela Kuhn ist Journalistin und Autorin eines Buches über das Verbot von Besuch und Ausgang in Heimen. In einem Gastbeitrag für den «Tagesanzeiger» kritisiert sie die Zustände für Menschen in Altersheimen.