Aktuelle Nummer 08 | 2021
11. April 2021 bis 24. April 2021

Bischofsweihe von Joseph Bonnemain

Der neue Churer Bischof Joseph Bonnemain bezeichnet sein Bistum als krank. Es brauche «eine Therapie», sagte der studierte Arzt und Mediziner am Tag seiner Bischofsweihe zum Abschluss des Gottesdienstes in Chur.

Er liess es sich nicht nehmen, sich im mehrsprachigen Bistum in verschiedenen Sprachen an die Gläubigen zu wenden. Sein Schlusswort würzte er mit rätoromanischen und italienischen Passagen. Er wolle keine Kirche, die sich mit Strukturdebatten beschäftigt, sondern wolle nahe bei den Menschen sein, sagte der neue Bischof. «Unsere Kirche muss bescheidener, demütiger, ehrlicher, transparenter werden», sagte Bonnemain. «Mit Rüffeln erreicht man nichts – ebenso nicht mit Verboten oder Vorschriften.» Ihm gehe es darum «zu motivieren, zu integrieren, zu begleiten». Niemand brauche vor ihm «Angst zu haben».

«Wir verlieren viel Zeit»

Der neue Bischof wörtlich: «Unser Bistum ist krank und braucht eine Therapie. Wir beschäftigen uns mit uns selbst, mit unseren Strukturen, mit unseren Spannungen und Konflikten. Wir verlieren viel Zeit – und verpassen die Chance, für die Menschen da zu sein und ihnen zu sagen, wie sehr Gott sie liebt.» Es reiche nicht, «vom Balkon aus die Lehre der Kirche und den Katechismus vorzutragen, sondern wir müssen die Sorgen der Menschen verstehen und mittragen». Die Menschen «brauchen uns viel mehr auf der Strasse». Es gelte herauszufinden: «Wie können wir diesen Menschen helfen? Wie können wir Zuversicht vermitteln?»

Riesigen Respekt vor Aufgabe

Bonnemain räumte ein, er habe «riesigen Respekt» vor der neuen Aufgabe, die «viel grösser ist, als es meine Kräfte zulassen». Er brauche dafür «die Hilfe aller», so der 72-Jährige; er selbst habe das Bischofsamt nicht gesucht. Bei seiner Bischofsweihe am Freitagabend sollen auf seine Einladung auch drei Prostituierte aus Zürich teilnehmen. «Die beste Kapelle ist die Strasse», sagt Bonnemain. Er wolle sie bald empfangen und im Gespräch kennenlernen.

Opus Dei mischte sich nie ein

Zu seiner geistlichen Heimat, der konservativ-katholischen Personalprälatur Opus Dei, sagte Bonnemain, sie sei seine «Familie» gewesen; aber «jetzt ist das Bistum meine neue Familie». Seit 40 Jahren arbeite er für das Ordinariat in Chur. Das Opus Dei habe sich «hier nie eingemischt». Auf ein eigenes Wappen verzichtet der neue Oberhirte. Das Kreuz als Zeichen für sein Bischofsamt reiche ihm.

«Ich bin geblieben»

Auf die Frage, ob er als langjähriges Mitglied der Bistumsleitung nicht für Machtmissbrauch und spirituellen Missbrauch unter den Bischöfen Wolfgang Haas und Vitus Huonder mitverantwortlich sei, sagte Bonnemain: «Ich stand oft vor der Frage, ob ich gehen oder bleiben solle. Ich bin geblieben, weil ich überzeugt war, dadurch doch auch etwas Gutes bewirken zu können.» Erste Personalentscheidungen im Bistum kündigte er für frühestens in vier Wochen an. Nach dem Rücktritt von Weihbischof, Generalvikar und Mediensprecher gebe derzeit zu wenige Schultern, um Arbeitslast und Neuanfang zu stemmen. Doch vorher wolle er viele Gespräche führen und ein Team bilden, das seine Visionen mittrage.

Missbrauchsskandal national aufarbeiten

Zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der Kirche sprach sich Bonnemain für eine gross angelegte Studie aus, wenn möglich in einem landesweiten Kontext. Wie am Donnerstag in Köln gelte es auch, die Namen von Verantwortlichen zu nennen. «Ich bin bereit dazu, schon am Montag alle Archive zu öffnen», so der neue Bischof.  (kna/gs)

 

Schlusswort des Bischofs: Dezentralität und Synodalität wagen

Der frisch geweihte Bischof Joseph Bonnemain wünscht sich dreierlei von den Gläubigen im Bistum: dass sie vermehrt auf Gott hören, einen empathischen Umgang pflegen und mit ihm zusammen hinausgehen zu den Menschen.

Bischof Joseph Bonnemain: «Unser Bistum ist krank und braucht eine Therapie»

Der neue Bischof von Chur will keine Kirche, die sich mit Strukturdebatten beschäftigt – sondern will nahe bei den Menschen sein. Er kann sich die Zürcher St. Josefskirche als Konkathedrale vorstellen. Zur Aufarbeitung des Missbrauchs würden am Montag die Archive geöffnet. Personalentscheide gebe es in vier Wochen.

Joseph Bonnemain: Ein Bischof nimmt den Wanderstab

Eine Bischofweihe ist ein symbolischer Akt. Dazu passt ein besonderer Bischofsstab. Joseph Bonnemain hat kein glitzerndes Prunkstück gewählt, sondern einen unscheinbaren Stab aus dem Archiv: das Churer Elfenbein-Pedum.

Bonnemain privat: Kino, Kirche, Katalonien

Über die Kindheit des neuen Bischofs von Chur ist wenig bekannt. Erstmals spricht Joseph Bonnemain (72) über seine Familie. Als Jurassier sympathisierte Bonnemains Vater mit den Separatisten Kataloniens. Bonnemain ging drei Mal pro Woche ins Kino.

Segenswünsche der Mitarbeitenden des Bistums

An der Weihe von Bischof Joseph Bonnemain übermittelt Tanja Disteli die Segenswünsche der Mitarbeitenden des Bistums Chur.

Kardinal Koch: Josef wurde als Urtyp des christlichen Bischofs wahrgenommen

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Cardinal Koch weiht Joseph Bonnemain zum Bischof von Chur. Ein Bischof mit dem Namen Josef sei auf besondere Art zum Bischof berufen, sagt er in seiner Predigt mit dem Titel «Der Bischof: Pontifex als Zeuge der Auferstehung». Hier im Wortlaut.

Kathedrale statt Rotlicht: Schwester Ariane begleitet drei Prostituierte zur Bischofsweihe

«Die beste Kapelle ist die Strasse», sagt Joseph Maria Bonnemain. Er hat Menschen aus dem Milieu zur Bischofsweihe eingeladen. Schwester Ariane Stocklin (48) begleitet zwei weibliche Prostituierte und einen Mann, der nicht mehr auf den Strich gehen will.

Zürcher Langstrasse statt Churer Schloss: Bonnemain steht für Episkopat im Zeichen der Diakonie

Joseph Bonnemain hat angekündigt, auf ein eigenes Wappen zu verzichten. Das Kreuz als Zeichen für sein Bischofsamt reiche ihm. Er lädt Prostituierte, Gefangene, Kranke und Flüchtlinge zur Bischofsweihe ein. Das steht für ein diakonisches Episkopat.

Auf den Rausschmiss folgt die Einladung: Martin Kopp kommt mit Geflüchteten zur Bischofsweihe

Vor genau einem Jahr hat Bischof Peter Bürcher den Urschweizer Generalvikar Martin Kopp (74) abgesetzt. Jetzt hat ihn Joseph Bonnemain (72) zur Bischofsweihe eingeladen. «Ich empfinde Genugtuung», sagt Kopp. Drei Geflüchtete begleiten ihn.