Aktuelle Nummer 05 | 2021
28. Februar 2021 bis 13. März 2021

Das «Blaue Gold» des Lebens

Wasser ist das Blut der Erde und der Geist des Lebens. Doch der Klimawandel macht Wasser rar – und zum Objekt von Finanz-Spekulationen. Für Papst Franziskus ist Wasser ein öffentliches Gut. Doch der Krieg ums «Blaue Gold» hat längst begonnen.

Es ist nass, geruchlos, ohne Geschmack und Farbe. Dennoch hat es mehr als 40 Eigenschaften, die dafür sorgen, dass sich Wasser anders verhält als andere Stoffe. «Wäre dies nicht der Fall, gäbe es die Erde nicht so, wie wir sie kennen», sagt Lars Müller. Er hat 2006 – zusammen mit weiteren Autoren – das Fotobuch* «Wem gehört das Wasser?» publiziert.

Darin stellt er wichtige Fragen. Zum Beispiel: Warum schwimmt Eis auf Wasser? Wäre es umgekehrt, wäre die Erde ein wüster Planet ohne Leben. Kein anderer Stoff in der Natur kann so viel Energie speichern, sie über Tausende von Kilometern verfrachten und sie Tage oder Wochen später irgendwo wieder abgeben. Wäre das nicht so, gäbe es auf der Erde kein gemässigtes Klima, sondern bloss Eis- und Hitzewüsten.

«Walk for Water» bis zum Papst

Ein Jahr nach Erscheinen von Lars Müllers Fotobuch haben Vertreterinnen und Vertreter indigener Kulturen einen zehntägigen «Walk for Water» organisiert. Der Wasserlauf führte von der Mündung des Flusses Tiber auf dem Monte Fumaiolo mehr als 400 Kilometer dem Fluss entlang bis nach Rom zum Vatikan. Mit dabei ein Stab, gestaltet von mehreren Nationen aus dem «American Native Homeland», und eine Botschaft für den Papst: Er möge als Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken seine Kraft einsetzen für ein sauberes und geschütztes Wasser für alle.

Hahh Dyahh Nate (He Who Sits, Der Sitzende), auch Robertjohn Knapp genannt, ein spiritueller Anführer vom Stamm der Seneca, überreichte den Stab dem persönlichen Monsignore von Papst Benedikt XVI. – samt Brief-Botschaft: «Sauberes Wasser ist ein Geburtsrecht. Für alle, die vor uns da waren, die jetzt hier sind, und vor allem jene, die noch kommen werden! In Gottes Geist und Einigkeit sind wir ein Herz und eine Stimme.» Der Stab ist seither im Vatikan-Museum ausgestellt und die Botschaft von Benedikt XVI. auf Franziskus übergegangen. Die 2015 erschienene Umweltenzyklika «Laudato sí» tönt wie ein eigener «Walk for Water».

Patient Wasser auf der Intensivstation

Wasser versorgt die Natur mit allem, was sie zum Überleben braucht. Es ist das Blut der Erde. Doch der Patient Wasser landet immer häufiger auf der Intensivstation und benötigt Infusionen. Immer häufiger finden Notfallteams den Patienten Wasser in virtuellen Räumen der Finanzmärkte. Dort wird Wasser nur gegen Geld freigelassen, um es an jene Stellen fliessen zu lassen, wo es dringend benötigt wird.

Nach dem Goldrausch im 19. Jahrhundert und dem Erdölrausch im 20. Jahrhundert ist längst die Zeit des Wasserrauschs angebrochen. Denn Wasser ist verstärkt ins Blickfeld der Finanzmärkte gelangt. Ihr Ziel: den Wasserpreis zu erhöhen und Märkte zu schaffen wie beim Öl, dem «Schwarzen Gold».

In einer umfassenden Reportage produzierte der französische Filmemacher Jérôme Fritel 2018 für Arte einen Film, der von Australien nach Kalifornien, von New York bis London, Brüssel und Paris den weltweiten Kampf um das «Blaue Gold» dokumentiert. Er zeigt auf, wie Gier und Misswirtschaft dazu führen, dass unser Lebenselixier auszutrocknen oder zu versiegen droht. Der Film in deutscher Sprache ist noch bis 29. März 2021 auf arte.tv kostenlos zu sehen.

Hohelied auf den Thatcher-Liberalismus

Die Liaison von Wasser und Finanzsektor begann in London vor 30 Jahren. Investoren fanden mit Unterstützung der damaligen Premierministerin Margret Thatcher, dass die Privatisierung von Wasser erfolgreich sein werde. David Hall forscht an der Universität Greenwich und sagt: «Das Wassersystem mit allen Konzessionen wurde an private Unternehmen verkauft. Wer nicht bezahlt hatte, dem wurde sofort die Wasserzufuhr gekappt.» Bürger mussten sich das Wasser auf der Strasse in Notcontainern holen. Zehn Monate und viele Beschwerden später wurde den privaten Unternehmen untersagt, säumigen Kunden die Wasserzufuhr zu sperren.

Doch es steckte mehr dahinter. David Hall deckte in seiner Studie den Londoner Wasserraubzug auf mit skandalösen Praktiken wie der Anhebung von Verbraucherrechnungen, sprunghaft steigenden Dividenden für Aktionäre und Steuervermeidung oder Steuerhinterziehung. Er bewies, wie aus Privatisierung eine konzentrierte Plünderungsaktion wurde, indem jährlich drei Milliarden Euro aus dem System in private Kanäle flossen. Die australischen Investoren versorgten London zehn Jahre lang mit Trinkwasser. Nach dem Verkauf ihrer Anteile hinterliessen sie 50 Milliarden Euro Schulden.

Sollen lebensnotwenige Serviceleistungen tatsächlich von finanziellen Interessen gesteuert werden? Der Journalist Jonathan Ford von der «Financial Times» schreibt: «Die Konsumenten werden diese Rechnung bezahlen müssen, denn die Aktionäre werden ihre bezogenen Dividenden sicher nicht zurückerstatten.» Kein anderes Industrieland ist dieser Form von Wasserprivatisierung wie in Grossbritannien gefolgt. «Warum wohl?», fragt Ford.

Daraufhin begannen Anleger im Jahre 2000 mit «Privat Equity Fonds» Geld zu verdienen, sogenannten «Geier-Fonds» mit einer Laufzeit von zehn Jahren, die niemandem Rechenschaft schuldig sind. In Kanada, Hongkong und Malaysia machte dies ebenfalls Schule. Doch Australien ging noch einen Schritt weiter: Dort wurden richtige Wassermärkte geschaffen – mit grossen Folgen für die Landwirtschaft.

* «Wem gehört das Wasser?», Fotobuch, 2006, Klaus Lanz, Lars Müller, Christian Rentsch, René Schwarzenbach, 535 Seiten und viele Bilder, lars-muller-publishers.com