Die Landeskirchen – sozial und theologisch auf dem Abstellgleis?

«Ist Religion noch relevant?» So lautet der Titel einer Ringvorlesung, die im laufenden Semester an der Uni Luzern stattfindet. Am 24. September hätten Urs Brosi, Generalsekretär der Römisch-katholischen Zentralkonferenz (RKZ), und Christoph Weber-Berg, Präsident der reformierten Landeskirchen Aargau, über diese Frage diskutieren sollen. Letzterer musste sich entschuldigen, sodass Brosi das Podium für sich hatte. Doch seine Aussagen blieben nicht unwidersprochen.

Das Jahr 2023 als Ausnahme

Von zwei Effekten hat die katholische Kirche laut Brosi in der Schweiz bisher profitiert: Von der Einwanderung von Katholiken aus Süd- und Osteuropa sowie von der Unterstützung durch deutsche Theologinnen und Theologen, die in ihrem Heimatland keine Anstellung gefunden haben. Dieser zweite Effekt schwäche sich ab, da auch in Deutschland immer weniger Menschen Theologie studieren. Überhaupt werde sich die Personalfrage in den nächsten Jahren immer dringender stellen, weil die Baby-Boomer in Pension gingen. Besonders düster, so Brosi, seien die Aussichten, was die Priester angeht – für eine sakramental verfasste Kirche eine Existenzfrage.

Das Sterben der Volkskirche

Was tun angesichts dieser Perspektiven? Der RKZ-Generalsekretär nahm die fünf Sterbestufen nach Elisabeth Kübler-Ross als Vorlage, um die Reaktionen der kirchlichen Akteure einzuordnen. Die Landeskirchen verharrten vielerorts auf Stufe 1, das ist die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens. Viel weiter seien die Orden in der Schweiz, sie befänden sich auf Stufe 4. Das ist die Phase der Trauer und des Rückzugs. Die Ordensgemeinschaften seien daran, ihre Strukturen anzupassen. Stufe 5 heisst bei Kübler-Ross Akzeptanz und Zustimmung.

Die Krise der katholischen Kirche betrifft auch die staatskirchenrechtlichen Strukturen. Diese existieren, um das kirchliche Leben zu ermöglichen. Schwindet dieses, wird auch die staatskirchenrechtliche Seite betroffen sein, gibt deren oberster Vertreter zu bedenken.

Diakonie nicht vergessen

Gibt es Strategien für die Zukunft? Brosi wies auf die Rolle der Freiwilligen hin. Teams von Freiwilligen könnten Aufgaben übernehmen, die heute von kirchlichen Angestellten erfüllt werden. Allerdings habe er keine Indizien, «dass dieser Versuch nachhaltig funktioniert». Doch Brosi muss sich die Frage gefallen lassen, ob das in der Schweiz irgendwo ernsthaft versucht worden ist.

Der RKZ-Generalsekretär warnte davon, nur noch auf Liturgie zu setzen. Die Kirche lebe auch in der Diakonie – damit würde sie erst gesellschaftlich relevant. Aber kann eine fest angestellte Sozialarbeiterin alle sozialen Probleme lösen und kann ihr Lohn längerfristig garantiert werden?

Die Ressourcen nicht wie auf einer Pizza verteilen

Die Prognose Brosis: Das kirchliche Leben werde sich auf einige wenige Zentren konzentrieren, weil es keinen Sinn mache, die geringen Ressourcen «wie die Zutaten auf einer Pizza» zu verteilen. Das wäre dann auch das Ende einer Kirche, die hinaus zu den Menschen geht. Auf die Rückfrage aus dem Publikum, was dies denn theologisch bedeute –«theologisch» stand immerhin im Titel seines Vortrags –, bemühte Brosi die Geschichte des Schiffbruchs des Apostels Paulus vor Malta (Apg 27/28). Das Schiff gerät in einen Sturm und droht zu sinken. Doch Paulus bleibt ruhig und ermahnt die Mitreisenden, auf Gott zu vertrauen. Das Schiff sinkt, doch die Besatzung alle Reisenden überleben.

Widerspruch aus dem Publikum

Für Antonius Liedhegener, der im Publikum sass, war der Vortrag zu pessimistich. Der Luzerner Professor für Politik und Religion wies darauf hin, dass die Rede von der unaufhaltsamen Säkularisierung entlastende Funktion habe: Die Verantwortlichen könnten sich so zurücklehnen, weil sie glaubten, eh nichts ausrichten zu können. Man müsse sich aus dieser Schicksalergebenheit befreien.

Eine Zuhörerin zitierte  Nachrichten aus England und Frankreich, wonach vor allem junge Menschen vermehrt in die Kirche eintreten würden. Wie denn das hier sei, wollte sie wissen. Brosi antwortete, er habe keine Kenntnisse über eine solche Entwicklung. Und wenn, würden diese Phänomene quantitativ nicht ins Gewicht fallen.

Fazit: Wenn es um die Krise der Kirche(n) geht, wird hierzulande gleich über Strukturen diskutiert. Doch wer die Kirche nur als «Dienstleistungsbetrieb» sieht, verkennt, dass sie dazu da ist, in der Welt eine Botschaft zu verkünden, die nicht von dieser Welt ist. (kath.ch)