Die renovierte Selzacher Kirche zeigt sich farbig

Romanik, Gotik – und Glocken der Moderne: Die Pfarrkirche von Selzach trägt Spuren verschiedener Epochen. Seit der Renovierung hat sie auch zeitgenössische Akzente. «Hier können Kunst und Gott in einen Dialog kommen», sagt der Pfarrer von Selzach, Roger Brunner, über den Kraftort westlich von Solothurn.

Mächtig steht er da, der Altar aus Liesberger Jura-Kalkstein. Der Block ist rund dreieinhalb Tonnen schwer. Darum musste ihn ein Kran auf den Sockel hieven. Er bildet das Zentrum der neu renovierten Selzacher Pfarrkirche. Auf drei Seiten ist er geschliffen – doch die Vorderseite blieb unbehauen.

Unbehandelte Seiten und geschliffene

So wie der Block im Steinbruch abbrach, so zeigt er sich dem Betrachter. «Es treffen unbehandelte Seiten auf geschliffene Flächen», sagt Pfarrer Roger Brunner (41). «Überall dort, wo das Heilige mit dem Stein in Berührung kommt, wurden die Oberflächen behandelt.» Nicht nur die Auflagefläche des Altares ist geschliffen, sondern auch die Auflagefläche des Ambos sowie der Teil des Tabernakels, in dem das Allerheiligste aufbewahrt wird. «Alles ist aus demselben Steinblock hergestellt worden: Der Altar, der Ambo, der Tabernakel, die Kerzenhalter. Dies ergibt ein Ensemble», sagt Roger Brunner. Der Pfarrer leitet den Pastoralraum «Mittlerer Leberberg». Man merkt ihm an, dass er von der frisch renovierten Kirche begeistert ist.

Die Altarweihe – ein unvergessliches Erlebnis

Für Pfarrer Brunner war die Altarweihe am 24. Oktober 2021 ein unvergessliches Erlebnis. Denn eine Altarweihe erlebe man vermutlich nur einmal im Leben, sagt Pfarrer Brunner und lacht. Besonders eindrucksvoll fand er, als eine Urs-und-Viktor-Reliquie in den neuen Altar gesetzt wurde. «Mein persönlicher Höhepunkt war die Salbung des Altars mit dem heiligen Chrisamöl. Das bleibt ein unvergesslich schöner Moment», sagt Pfarrer Brunner. Wer zum Altarraum blickt, entdeckt im wahrsten Sinne des Wortes die Handschrift des Künstlers: «Öffne uns gelassen unserem Quell», steht auf der rechten Seite. Und auf der linken Seite: «Halte die Tiefen unserer Herzen hoch.» Und in der Mitte: «Endlos. Ohne Anfang.»

Die Zeichen der Zeit erkennen

«Endlos. Ohne Anfang» – das klingt fast nach einer kunsthistorischen Einordnung der verschiedenen Baustile der Selzacher Kirche. Romanische Elemente finden sich hier ebenso wie gotische, neugotische und moderne. Doch auch Selzach erkennt die Zeichen der Zeit – eine Renovierung der Pfarrkirche wurde notwendig. Das war nicht Pfarrer Brunners Erkenntnis, sondern jene seines Vorgängers und des Kirchgemeinderates. Schnell stand fest: Mit Arbeiten am desolaten Kirchenturm aus der romanischen Zeit ist es nicht getan. Die Pfarrkirche braucht eine Generalüberholung.

Das kahle Kircheninnere wird mit Leben gefüllt

Manche Inspiration liefert die Geschichte. Vor dem II. Vatikanischen Konzil sah die Kirche «klassisch» aus. Nach dem Konzil wurden Hochaltar und Seitenaltäre entfernt. Die Altäre und Figuren wurden eingelagert, die farbigen Verzierungen weiss übermalt. Den nun verwendeten Volksaltar nannten die Gottesdienstbesucher etwas abschätzig Schreibtisch, sagt Pfarrer Brunner. In den 1990er-Jahren wurde das kahle Kircheninnere wieder mit Leben gefüllt. Die Figuren der Bistumspatrone Urs und Viktor kehrten zurück. Und die Selzacher Künstlerin Natascha Ortega Porto schuf eine Josefs- und eine Marienstatue. Hinzu kam eine Empore, um für die neu erworbene Metzler-Orgel Platz zu schaffen.

Grosser Wurf statt Stückeleswerk

Doch das Stückeleswerk stellte die Gläubigen nicht zufrieden. »Mir war immer kalt, wenn ich in die Kirche kam», sagt Monika Hubler (64). Sie ist Kirchgemeindepräsidentin in Selzach. Der weisse, fahle Anstrich war über die Jahre ergraut – wegen der hohen Feuchtigkeit, die in der Kirche herrschte. Jörg Niederberger sollte das ändern. Der Künstler hatte unter anderem den Chor der Dreifaltigkeitskirche in Bern neu gestaltet. Dieses Projekt hatte der Baukommission gefallen. Sie war überzeugt: Dieser Künstler würde auch dem Gotteshaus in Selzach zu neuem Glanz und neuer Farbe verhelfen. 

«Der Schrei» des norwegischen Malers Edvard Munch

Farbig ist sie nämlich geworden, die Selzacher Kirche. Nun fühlt sich Monika Hubler geborgen: «Hier kann ich Kraft tanken. Die Atmosphäre in der Kirche stärkt mich.» Das Bildprogramm in der renovierten Kirche liefert Raum für Interpretationen. Der Künstler hält sich mit Deutungen zurück. Warum er den «Schrei» des norwegischen Malers Edvard Munch zitiert, will er nicht so recht verraten. «Der Sinn erschliesst sich im Verborgenen», sagt Jörg Niederberger, «In erster Linie sollen die Ornamente schön sein. Erst bei näherer Betrachtung soll der einzelne Betrachter die Details erkennen und diese wirken lassen. Ich freue mich, wenn es dann verschiedene Interpretationen gibt.»

Der Heilige Geist trifft auf das Menschliche

Die Grundfarbe der Kirche ist ein zurückhaltendes gelb. Wobei dieses, je weiter man Richtung Chor blickt, fliessend heller wird, wie Pfarrer Brunner erklärt: «Man soll vom Dunkel ins Licht gehen und quasi vom Tod zur Auferstehung gelangen, wenn man die Kirche durchschreitet. Dies scheint mir sehr gelungen.» Links, auf der Marienseite, hat der Künstler die Heilsgeschichte dargestellt. Viele Details sind hier zu erkennen. Beispielsweise der Fisch, der sich zur Taube wandelt. Als Symbol des Heiligen Geistes ist die Taube, in der hier dargestellten Heilsgeschichte, immer wieder erkennbar – bis hin zur Marienstatue. «Hier trifft der Heilige Geist, also das Göttliche, auf das Menschliche und das Zeitliche», sagt Pfarrer Brunner.

«Der Schrei» – wie der Heilige Josef?

Die Entwicklung der Spiritualität findet rechts ihr Pendant – auf der Seite mit der Josefsstatue. «Hier ist die Kunstgeschichte der vergangenen 2000 Jahre dargestellt», sagt Pfarrer Brunner. Von keltischer Kunst über klassische, romanische und gotische Elemente zitiert der Künstler auch Kubismus und eben Edvard Munchs «Der Schrei». Pfarrer Brunner meint «Den Schrei auf der Josefsseite deute ich als Josefs Reaktion, als er vom Engel erfährt, dass Maria den Sohn Gottes gebären wird. Wir sehen diesen Verkündigungs-Engel im Band auf der Marienseite, dem ,Schrei› genau gegenüber dargestellt.» Als Vorlage für diese Engelsdarstellung diente ein Engel in der Krypta des Südtiroler Klosters Marienberg.

Seitenaltäre neu interpretiert

Die Gläubigen in Selzach waren sich schnell einig, die gotische Tradition mit Flügelaltären wiederzubeleben. Diese lassen sich auf verschiedene Art auf- und zuklappen. Links dominieren runde Formen in Blautönen. Die runden Formen sollen dabei an die Wolken erinnern, die die Oberdorfer Madonna-Statue umgeben. Und sie symbolisieren Fülle und Göttlichkeit, so Pfarrer Brunner. Dem ist die Josefsseite entgegengesetzt: Die Fünfecke, die hier in rötlichen Tönen dominieren, stellen das männliche Wesen, aber auch die menschliche Art, rational zu denken, dar.

Eine Kirche, die zum Verweilen einlädt

Roger Brunner sieht in der Neugestaltung die Möglichkeit, eine «lebendige Tradition zu schaffen» wie er sagt: «In dieser Kirche verschmelzen verschiedene Formsprachen aus verschiedenen Zeitepochen, entlehnt aus verschiedenen sakralen Räumen und Kunstwerken.» Für Pfarrer Brunner ist die Kirchenrenovierung ein Beleg für Kirche in der Welt von heute, die Antworten gibt auf die Fragen der Zeit: «Die Kirche von Selzach fordert und provoziert – lädt zugleich ein und umschliesst.»

Patrozinium am 15. August

Am 15. August ist Mariä Himmelfahrt – und Patrozinium. An diesem Tag soll die Kirche im grossen Rahmen eingeweiht werden – denn bei der Altarweihe galten noch Corona-Einschränkungen. «Zum Patronatsfest sind alle Interessierten herzlich eingeladen», sagt Pfarrer Brunner, «Unabhängig vom Patrozinium ist ein Besuch in Selzach, vielleicht verbunden mit einer Wallfahrt zur Muttergottes von Oberdorf, sehr empfehlenswert. Denn zu entdecken gibt es in beiden Kirchen noch vieles.» (dme)