«Exkommunikation der Piusbrüder führt keineswegs zum Umdenken»

Nach den laut Kirchenrecht illegalen Bischofsweihen der Piusbruderschaft letzte Woche im Wallis verhängte der Vatikan die Exkommunikation und schloss diese damit aus der katholischen Kirche aus. Doch was verändert sich nun tatsächlich konkret für die Piusbrüder in ihrem Alltag – halten sie sich doch für die einzig wahre Kirche? Der Kirchenhistoriker Mariano Delgado und der Theologe Urban Fink ordnen für kath.ch ein.

Wolfgang Holz

Herr Delgado, das Dasein der Piusbrüder erinnert, wenn man eine Parallele zur Politik herstellen möchte, ein bisschen an das Beispiel der AfD in Deutschland. Mit dem grossen Unterschied, dass man die AfD politisch tatsächlich verbieten könnte. Der Papst kann die Piusbrüder dagegen aber aufgrund der Religionsfreiheit «nur» aus der römisch-katholischen Kirche ausschliessen, nicht aber verbieten. Was also verändert sich tatsächlich im Alltag der Piusbrüder infolge der Exkommunikation?

Mariano Delgado

Mariano Delgado*: Die Piusbrüder haben sich gegen Vorwürfe oder Gehorsamsapelle des Papsttums autoimmunisiert, weil sie die Papstkirche seit dem Konzil praktisch für häretisch halten – vor allem aufgrund der Erklärung zur Religionsfreiheit, die sie nun als Verfassungsprinzip in den Rechtsstaaten paradoxerweise auch schützt. Die Exkommunikation, die Rom als eine Beugestrafe zur Vermeidung eines Schismas versteht, wird also keineswegs zum Umdenken führen, sondern eher zu einer Verhärtung, die eines Tages in die Wahl eines eigenen, für sie dann den einzig «legitimen» Papst führen könnte. Das Schisma wäre dann ganz vollzogen.

Es heisst, dass infolge der Exkommunikation betroffene Priester und Bischöfe der Piusbruderschaft ihre Sakramente verlieren und durch sie geschlossene Hochzeiten und verhängte Bussen ungültig geworden seien. Aber was verändert dies wirklich für die Piusbrüder, die ja ihre Sakramente sowieso nur innerhalb der Piusbruderschaft spenden und dies auch weiterhin einfach praktizieren werden, ausserhalb der Kontrolle des Vatikans?

Delgado: Aufgrund des bereits Gesagten wird dies bei den Piusbrüdern nichts verändern, sondern eher den gegenteiligen Effekt haben: dass sie, wenn sie sich denn eines Tages einen neuen Papst wählen, die Sakramente der «Konzilskirche» für ungültig halten.

Wenn man sich die Tausenden an begeisterten Gläubigen in Écône während den Bischofsweihen vor Augen führt, hat man nicht das Gefühl, dass die Exkommunikation des Vatikans diese wirklich beeindruckt – gehen diese doch sowieso davon aus, dass die Piusbrüder den einzig wahren römisch-katholischen Glauben vertreten.

Delgado: Die Piusbrüder sind fest davon überzeugt, dass die «wahre» Kirche nur von ihnen verkörpert wird. Es kann sein, dass angesichts der Exkommunikation einige wenige wanken und sich mit Rom aussöhnen werden. Aber die Haupttendenz wird die dogmatische Verhärtung der Piusbrüder sein, die Festigung ihrer Überzeugung, die einzig wahre Kirche zu sein.

Sind die Piusbrüder aus Ihrer Sicht inzwischen zu einer für den Vatikan unkontrollierbaren Sekte innerhalb der römisch-katholischen Kirche geworden?

Delgado: Spätestens seit dem Brief Lefebvres an Johannes Paul II. von 1985, in dem er eine Kirche, die auf dem Boden des Konzils steht und die Religionsfreiheit verteidigt, praktisch als «häretisch» bezeichnete und sie aufforderte, «alle Reformen» zurückzunehmen, war die Sache klar. Man hätte die Exkommunikation von 1988 nicht aufheben sollen, denn die Piusbrüder haben mit Rom nur «gespielt». Für sie war immer klar, dass sie das in diesem Brief Gesagte nicht zurückziehen würden. Nicht sie sollten sich ändern, sondern die Konzilskirche. Aus welchem Grund auch immer – vielleicht, weil Rom die Piusbrüder als modernen Ausdruck der tendenziellen Pathologien der Kirche im zweiten Jahrtausend betrachtet und sich dafür verantwortlich fühlt, was ein Fall für die Psychoanalyse wäre – hat Rom gegenüber den Piusbrüdern eine «Geduld» gezeigt, die im Umgang mit der Theologie der Befreiung oder mit liberalen Katholiken wie Hans Küng vermisst wurde.

*Mariano Delgado ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.