Florence Quinche will die Stimme der Kirche in der öffentlichen Debatte stärken

Die Waadtländer Philosophin und Ethikerin Florence Quinche ist überzeugt: «Die katholische Kirche hat das Recht und sogar die Pflicht, ihre Meinung in der Gesellschaft zu äussern.» Sie ist die Leiterin der neuen Dienststelle «Ethik und Gesellschaft» der katholischen Kirche der Schweiz.

Heute ertönt die Stimme der katholischen Kirche als eine von vielen in unserer Gesellschaft. Für manche Menschen ist die christliche Botschaft heute allerdings relevanter denn je. Die Kirche in der Schweiz hat deshalb Organe geschaffen, die in der Lage sind, die Botschaft zu formulieren und bestmöglich weiterzutragen, etwa die «Justitia et Pax» und die «Bioethikkommission».

Die beiden Kommissionen sind seit kurzem in der Dienststelle «Ethik und Gesellschaft» vereint. Diese wird von der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK), der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und dem Hilfswerk Fastenaktion verantwortet.

Vorstellungen erstmals ausgetauscht

Diese kirchlichen Akteure haben Florence Quinche zur Koordinatorin des Teams der neuen Fachstelle ausgewählt. Sie wird mit dem Theologen Florian Lüthi und der Bioethikerin Anik Sienkiewicz zusammenarbeiten.

Am 12. Juni 2025 fand eine erste Arbeitssitzung statt, an der die Mitglieder des Lenkungsausschusses und die Mitglieder der neuen Dienststelle teilnahmen. «Es handelte sich hauptsächlich um eine Kontaktaufnahme», erklärt Florence Quinche gegenüber cath.ch. «Wir haben unsere Vorstellung von der Funktionsweise und den Zielen der Dienststelle sowie die nächsten zu behandelnden Themen vorgestellt.»

Diese stünden vor allem im Zusammenhang mit den aktuellen Debatten im Bundesparlament, erklärt sie. Ethik und Gesellschaft wird sich demnächst unter anderem mit Fragen der nachhaltigen Finanzwirtschaft und der gentechnisch veränderten Organismen (GVO) auseinandersetzen. «Themen rund um neue Technologien und Bioethik werden uns in diesem Jahr generell sehr beschäftigen.»

Leidenschaft für Dialog

All diese harten und schwierigen Themen begeistern Florence Quinche mehr, als dass sie sie beeindrucken. Denn sie schätzt besonders die philosophischen Herausforderungen. «Ich habe mich schon immer von Fragen, Debatten und Diskussionen angezogen gefühlt», gesteht sie. «Für mich ist der Dialog grundsätzlich eine Gelegenheit gegenseitiger Bereicherung.»

Der Geist der Offenheit und das Interesse an Vielfalt begleiten sie seit ihrer Kindheit. Florence Quinche wurde nämlich 1973 in Lausanne als Tochter eines protestantischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren. «Eine Verbindung, die noch nicht sehr akzeptiert war, als meine Eltern in den 1960er Jahren heirateten», sagt sie.

Sie wurde katholisch getauft und wuchs in Nyon auf. Quinche gehörte dort einer katholischen Gemeinschaft an, die stark von Menschen mit Migrationsherkunft geprägt war. «Am Sonntag gab es vier Gottesdienste in der Kirche, auf Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Französisch. Diese Begegnung mit der Andersartigkeit hat mich geprägt.»

Ethische Feuertaufe im Krankenhaus

Während ihrer ersten Studienjahre an der Universität Lausanne interessierte sie sich für Anthropologie, aber auch für die Religionsgeschichte, ein damals ganz neues Fach. «Ich war fasziniert davon, Traditionen von innen heraus zu verstehen, ausgehend von ihren eigenen heiligen Texten.» Am Institut Catholique de Paris vertiefte sie die Religionsphilosophie und beschäftigte sich vor allem mit den Schriften der Kirchenväter.

Nach dem Studium wurde sie Mitglied der Ethikkommission für Forschung an der Fakultät für Biologie und Medizin der Universität Lausanne (2000-2004) sowie der Ethikkommission der Lausanner Sozialmedizinischen Zentren (Centres médicaux sociaux, CMS), wo sie elf Jahre blieb.

«Es war spannend zu beobachten, wie diese Gruppen, die aus Ärzten, Juristen, Philosophen und Seelsorgenden bestanden, es schafften, ethische Entscheidungen zu diskutieren und zu treffen, obwohl sie nicht die gleichen moralischen Grundlagen hatten.» Dort entdeckte sie, was es wirklich bedeutet, «eine Ethik in Bewegung» zu haben, in der «niemand im Besitz einer vorherigen Wahrheit ist und in der Fehlbarkeit Teil der Gleichung ist». Eine Erfahrung, die ihr den Nutzen, aber auch die Grenzen der ethischen Arbeit vor Augen führt.

Aktualität durch das Prisma der Ethik

Ihre erste Liebe galt der Ethik und Philosophie, später wechselte Florence Quinche in den Bereich der Pädagogik. An der Pädagogischen Hochschule der Waadtländer Hauptstadt (HEP) leitet sie seit 2009 einen Kurs in Medienerziehung. Dieses Engagement interessiert sie sehr, erfüllt aber ihre Erwartungen nicht ganz.

Nach mehr als 15 Jahren an der HEP beginnt sie, eine Stelle zu suchen, «in einem Bereich, der näher an der Ethik, der Philosophie, an meinem Grundstudium liegt». So stösst sie auf die Stelle als Leiterin von Ethik und Gesellschaft. «Die Möglichkeit, zeitgenössische Fragen mit Fragen nach Werten zu verknüpfen, hat mich wirklich interessiert. Ich dachte mir, dass dies ein Ort sein könnte, an dem man ethisch über aktuelle Themen nachdenken kann, die letztlich wenig unter diesem Blickwinkel behandelt werden.»

Nahe an den Werten von Franziskus

Florence Quinche hat sich während Franziskus’ Pontifikats dem Christentum angenähert. «Vielleicht war er meinen Werten näher als die vorherigen Päpste. Seine Enzykliken, insbesondere ‹Laudato si’› (2015), sind grundlegende Texte. Denn heute ist der wissenschaftliche Ansatz zwar wichtig, aber man braucht auch einen anderen Blickwinkel. Ich glaube, die Religion hat mehr Potenzial, uns konkret in der Welt handeln zu lassen, als der kalte analytische und praktische Ansatz. In der Phase, in der sich die Welt befindet, besteht ein echtes Bedürfnis, persönlichere und tiefere Werte in die Entscheidungen einzubringen, die wir treffen.»

Die Philosophin gesteht, eine «wenig praktizierende» Gläubige zu sein, zumindest kollektiv, da sie sich eher dem Gebet als der Sonntagsmesse widmet. In ihrer neuen Position muss sie ihre Kenntnisse über die Kirche in der Schweiz, aber auch in der deutschen Sprache erweitern. Da sie seit drei Jahren wieder Kurse besucht und gut Deutsch versteht, kann sie sich diesbezüglich auf die beiden deutschsprachigen Kollegen verlassen.

Willkommener Beitrag von Fastenaktion

Quinche kannte die Bioethikkommission und Justitia et Pax zuvor kaum. «Eine der Herausforderungen wird darin bestehen, die verschiedenen beteiligten Instanzen in einer Reflexionsgemeinschaft auszudrücken. Eines der Ziele ist es, klarer zu machen, wo Informationen und Stellungnahmen zu finden sind, um die Stimme der Kirche in der öffentlichen Debatte zu stärken. Es ist ein grosser Reichtum, die von diesen beiden Kommissionen geleistete Arbeit bereits zur Verfügung zu haben. Heute besteht eine unserer dringendsten Aufgaben darin, ein Netzwerk von Experten aufzubauen.»

Florence Quinche freut sich, dass Fastenaktion das Projekt unterstützt. «Das Hilfswerk hat viele Auslandseinsätze, die in die Bereiche Solidarität, Vernetzung und Empowerment fallen. Dies kann eine echte Weltoffenheit mit sich bringen, insbesondere wenn man sich zu Initiativen wie der Konzernverantwortung positionieren muss, welche die Unternehmen mit Wirkungskreis ausserhalb der Schweiz betreffen.»

Kirche muss ihre Meinungsfreiheit behalten

Aber was denkt die Kirche über die Polemik, die durch jene erste Abstimmung im Jahr 2019 ausgelöst wurde? Die Kirchen, die den Initiativtext unterstützten, waren wegen ihrer politischen Voreingenommenheit kritisiert worden, wobei Stimmen daran erinnerten, dass in einigen Kantonen die kirchlichen Einrichtungen vom Staat finanziert werden.

«Wenn die Kirche ihre Weltanschauung nicht teilen würde, würde sie der öffentlichen Debatte eine ganze wesentliche Dimension vorenthalten», sagt die Ethikerin. «Nur weil der Staat eine Institution finanziert, heisst das nicht, dass diese ihre Meinungsfreiheit verlieren muss. Dies würde eine Form der Zensur darstellen. Ich denke, dass religiöse Ansichten oft stören, weil sie den Finger auf Positionen legen, die von der Ethik abgekoppelt worden sind.»

Für Florence Quinche ist es sehr wichtig, dass auch die Stimme der Kirche deutlich gemacht wird. Insofern ist sie sehr froh, dass sie mit Florian Lüthi und Anik Sienkiewicz Mitarbeitende hat, die ebenfalls als Lehrkräfte tätig waren. «Die pädagogischen Fähigkeiten, die wir haben, werden sicherlich wertvoll sein, wenn es darum geht, mit Menschen zu sprechen, die anderer Meinung sind. Für mich ist der Dialog nicht in erster Linie ein Mittel, um den anderen zu überzeugen, sondern um gemeinsam etwas aufzubauen.» (Aus dem Französischen übersetzt von rp)