Frauensolidarität über alles: Trauer um Judith Stamm

Sie war eine Grande Dame der Schweizer Politik und eine Vorreiterin der Frauenbewegung: Judith Stamm. Die CVP-Politikerin ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Die Katholikin eckte mit der Kirche an: Sie setzte sich für die Fristenlösung ein.

Ihren letzten grossen Auftritt hatte Judith Stamm im Dokumentarfilm «Das katholische Korsett – oder der mühevolle Weg zum Frauenstimmrecht». Da sitzt eine resolute Frau auf einem Lederfauteuil. Die Haut ist faltig, der Blick strahlend und keck, als sie die folgende Anekdote erzählt: «Fragt mich ein Journalist bei einem Interview: Sind sie eine Emanze? Ja, klar, sage ich. Schauen sie mich nur an.»

Über Parteigrenzen hinweg

«Frauensolidarität war Judith Stamm wichtiger als Parteisolidarität», sagt die Pionierin der Frauen- und Geschlechtergeschichte der Schweiz, Elisabeth Joris. Die ehemalige Nationalratspräsidentin Judith Stamm habe über Parteigrenzen hinweg gearbeitet, um Anliegen von Frauen durchzusetzen. «Judith Stamm war in jeder Hinsicht eigenständig», betont Elisabeth Joris. Sie habe sich nicht über eine Familie definiert. Sie habe sich zwar als Katholikin bezeichnet – aber dennoch eine eigene Haltung eingenommen. Auch, wenn diese dem katholischen Lehramt oder der Parteidoktrin widersprach. Etwa in der Abtreibungsfrage, in der sich Judith Stamm für die Fristenlösung einsetzte.

CVP-Frauen gestärkt

«Das grosse Verdienst von Judith Stamm ist es, dass sie die Frauen und die Frauenthemen in der CVP gestärkt hat», sagt Elisabeth Joris. Nach der Abwahl von Ruth Metzler als Bundesrätin 2003 hätten sich die Frauen in der CVP noch verstärkt solidarisiert und an Gewicht gewonnen. «Judith Stamm hat hier strategisch agiert und an Frauennetzwerken in der Politik gearbeitet», sagt Elisabeth Joris. 1986 habe Judith Stamm ihren Hut für die Nachfolge von Kurt Furgler und Alfons Egli in den Ring geworfen. Damals sei es ihr nicht um ihre Karriere gegangen, sondern um eine Protestaktion gegen ihre eigene Partei, die keine Frau als Bundesrätin vorgeschlagen hatte.

Judith Stamm und der Frauenbund

Anders als die erste Generation der CVP-Politikerinnen war Judith Stamm nicht im Schweizerischen Katholischen Frauenbund (SKF). Dennoch stand sie dem SKF regelmässig beratend zur Seite und brachte die Positionen des Frauenbundes in den politischen Prozess ein, sagt SKF-Sprecherin Sarah Paciarelli. Etwa 1990, als der Nationalrat über Vergewaltigung in der Ehe diskutierte. In einer Aufzeichnung in der Wandelhalle des Bundeshauses vom 28. Januar 2019 sagt Judith Stamm rückblickend dazu: «Dass Vergewaltigung in der Ehe ein strafrechtliches Delikt ist, dieser Gedanke ist durch die Frauen ins Parlament gekommen. Eine Männergesellschaft würde das so nicht reflektieren.» Judith Stamm trat beim SKF immer wieder als Rednerin auf. Etwa 1990 an einer SKF-Tagung mit dem Titel «Geht mich Politik etwas an?». Die Politikerin ermutigte die Katholikinnen, ihr politisches Schicksal in die Hand zu nehmen und ihre politischen Überzeugungen in der Gesellschaft über die SKF-Vereine zu einfliessen zu lassen.

Verfechterin der Fristenlösung, Unterstützerin für Mütter und ihre Kinder

Als Verfechterin der Fristenlösung unterstützte Judith Stamm den Solidaritätsfonds für Mutter und Kind. Das SKF-Hilfswerk wurde in den 1970er Jahren ins Leben gerufen, nachdem die Fristenlösungsinitiative gescheitert war. Schwangerschaftsabbrüche standen lange Zeit unter Strafe – der Solidaritätsfonds unterstützte Schwangere und Mütter, die unter prekären Lebensumständen ein Kind zur Welt brachten. Die grüne Nationalratspräsidentin Irène Kälin ist traurig über den Tod von Judith Stamm. «Sie war eine Pionierin in der Schweizer Politik, die das Frauenthema nie aus den Augen verloren hat», sagt Irène Kälin. Sie erinnert sich an eine gemeinsame Podiumsdiskussion mit der Grande Dame der Schweizer Politik: «Für mich als Jungpolitikerin war das eines der seltenen Momente, in denen ich auf eine Frau mit langer und erfolgreicher Politikkarriere traf.»

Judith Stamm habe immer wieder daran erinnert, was die Frauen in der Schweiz alles erreicht hätten. «Ich habe mich als junge Politikerin oft über die fehlende Elternzeit in der Schweiz aufgeregt. In solchen Momenten hat mir die Erinnerung an Judith Stamm Hoffnung gemacht», sagt Irène Kälin. «Ich wünsche mir mehr Frauen wie Judith Stamm, die sich unermüdlich gegen Diskriminierung einsetzen und ihre Themen nicht an den Parteigrenzen scheitern lassen.»