Jenseits der WEF-Limousinen: Schweigen und Beten in St. Johann

Vom Bahnhof Davos Platz sieht man ihn normalerweise prominent in die Höhe ragen. Am Montagabend verschwindet der Kirchturm von St. Johann dagegen fast im Stau der ankommenden schwarzen Limousinen und dem Wuseln der gehetzten Geschäftsmänner am Boden.

Ladenlokale als PR-Schaufenster

Davos ist in dieser Woche ein anderer Ort, das sagen auch die Einheimischen. Das World Economic Forum (WEF) ist in der Zwölftausend-Seelen-Gemeinde im Kanton Graubünden zu Gast. Die Fassaden der Ladenlokale auf der Promenade wurden für fünf Tage aufwendig umgewandelt – nach einer Woche kommt alles wieder ab. Grosse Konzerne mieten die Geschäfte an und präsentieren sich mit schicker Glas- oder Holzfassade der Wirtschaftselite.

Dagegen wirkt die kleine reformierte Kirche mit ihrem nüchternen Charme noch etwas bescheidener als sonst. St. Johann ist die älteste Talkirche in Davos, errichtet im 13. Jahrhundert. Und St. Johann hat schon viele WEFs kommen und wieder gehen sehen.

Die wenigsten Teilnehmenden des WEF kennen allerdings St. Johann. «Nur vereinzelt verirrt sich einer der Akkreditierten hier her», sagt Pfarrerin Hannah Thullen. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos (Akid) – dazu gehören die katholische, die reformierte und eine freikirchliche Gemeinde – haben am Auftaktabend des WEF zum gemeinsamen Gottesdienst eingeladen.

Unterkunft für NGO-Leute

Circa 40 Leute, zumeist Einheimische, sind der Einladung gefolgt. Die Akid arbeite während des WEFs vor allem mit NGOs zusammen, erklärt Thullen. «Wir stellen von Seiten der Kirchen kostenlos Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung, da viele NGOs ansonsten nicht nach Davos reisen könnten.»

Schweigen statt reden

Neben dem Trubel wollen sie einen Kontrapunkt setzen. «Beim WEF wird so viel geredet. Wir bieten einen Ort zum Schweigen und zum Gebet. Das hilft manchmal mehr als viele Worte.»

Der heutige Gottesdienst ist der Auftakt einer Gebetsreihe mit dem Titel «Schweigen & Beten für Gerechtigkeit & Frieden». Jeden WEF-Abend öffnet St. Johann seine Pforten von 18 bis 20 Uhr und die Pfarrei lädt zum stillen Gebet.

Die Tafel, die vor den Altarstufen aufgebaut ist, erinnert unweigerlich an Da Vincis Letztes Abendmahl. Allerdings finden sich daran nicht die zwölf Apostel wieder.

Talk über Rolle der Religionen

Die Akid hat unter dem Motto des WEF «Cooperation in a Fragmented World / Zusammenarbeit in einer fragmentierten oder zerrissenen Welt» zum Talk über die Rolle der Religion beim Netzwerken eingeladen. Die Vertreterin einer niederländischen NGO, die sich für transparente Gerichtsverfahren weltweit einsetzt, ein Unternehmensberater aus Washington D.C. und eine in Davos lebende syrische Architektin beantworten die Fragen der Pfarrerin. Auch das Wort Religion fällt, aber mehr wird für die eigene Sache geworben.

«Wir beginnen diesen Gottesdienst mit Worten, die Johannes Paul II. tagtäglich gewählt hat», eröffnet Diakon Ernst Niederberger den ökumenischen Gottesdienst. Und mit Gebet zum Heiligen Geist bitten die Kirchenbesuchenden dann für die Teilnehmenden des diesjährigen WEF: «Oh Heiliger Geist […] Gib mir ein, was ich zur Ehre Gottes zum Wohl der Seelen und zu meiner eigenen Heiligung tun soll.»

An christliche Werte erinnern

«Wir wollen an das Besinnen auf die christlichen Werte erinnern am Rande des WEF», sagt Niederberger. Er ist seit anderthalb Jahren in Davos und erlebt das erste postpandemische  Wirtschaftsforum in den Bündner Bergen.

Normalerweise nimmt auch ein ranghoher Kardinal der katholischen Kirche aus Rom am WEF teil, erzählt der junge Geistliche. Dieses Jahr aber nicht, das habe wohl organisatorische Gründe. «Wir laden hier ein zum Beten für gute Entscheidungen». Schliesslich sollten den vielen guten Worten in Davos auch Taten folgen, wünscht sich Niederberger.

25 Jahre «Schweigen & Beten»

Seit 25 Jahren existiert die Aktion «Schweigen & Beten» am Rande des WEF in Davos. In den späten 90er Jahren begonnen «als Gegengewicht zum damaligen Wirtschaftsliberalismus», erinnert sich Irina Wehrli, die als ehemalige Akid-Präsidentin von Anfang an dabei ist.

Viel geändert habe sich seitdem nicht in Davos. Trotzdem wird in St. Johann jeden Abend gebetet. Am Freitagabend endet die ökumenische Aktion mit einem gemeinsamen Taizé-Gebet. Dann kehren wohl auch viele Einheimische langsam zurück in den normalerweise ruhigen Skiort. Viele vermieten ihre Wohnungen während des WEF. Manchem Ladeninhaber bringt die Limousinenlawine den ganzen Jahresumsatz in einer Woche. (kath.ch)