Kardinal Kurt Koch in Einsiedeln: «Wir haben Krieg gelernt – das können wir auch wieder vergessen»
Am Sonntag fand die traditionelle Wallfahrt von «Kirche in Not» nach Einsiedeln statt. Dieses Jahr führte das Hilfswerk die Wallfahrt, die im Zeichen des Gebets für den Frieden stand, gemeinsam mit dem Malteserorden Schweiz durch.
Am Podiumsgespräch am Nachmittag nahmen nebst Kardinal Kurt Koch, Ehrengast und Präsident von «Kirche in Not», und dem Einsiedler Abt Urban Federer Vertreterinnen und Vertreter beider Organisationen teil, Kinga von Schierstaedt, die Leiterin der Afrika-Abteilung von «Kirche in Not», sowie Thomas Fritsche, Vizepräsident des Malteserordens Schweiz.
«Kirche im Spannungsfeld von Krieg, Verfolgung, Hilfe und Diplomatie. Wo wächst Hoffnung?» lautete der Titel der Veranstaltung, die vom ehemaligen RTR-Direktor Mariano Tschuor geleitet wurde. Es war also ein ernsthaftes Thema, und doch gab es zwischendurch immer wieder Aussagen, die im Publikum Heiterkeit auslösten. Dafür sorgte nicht zuletzt Kurt Koch.
Auf eine entsprechende Frage von Tschuor bestätigte der Schweizer Kurienkardinal, dass er sich mit Blick auf den Krieg in der Ukraine manchmal ohnmächtig fühle. Er habe aber trotzdem die Hoffnung, dass die Menschheit «aus ihren Kinderschuhen» heraustreten werde. «Wir haben Krieg gelernt. Alles, was wir gelernt haben, – das wissen wir aus der Schule – können wir auch wieder vergessen», so Koch.
«Woher schöpfen Sie diese Hoffnung?», wollte Tschuor von ihm wissen. «Aus der Erfahrung der Vergesslichkeit», antwortete der Kardinal mit verschmitztem Blick und erntete Lacher. Er glaube nicht an eine Menschheit ohne Konflikte, fuhr Koch – nun wieder ernst – fort. Aber er habe die Hoffnung, dass die Menschheit erkennen kann, dass man Konflikte anders lösen könne als mit Gewalt.
Friede beginnt nach Ansicht von Koch im Herzen des einzelnen Menschen. «Frieden ist dort, wo ich in Beziehung lebe mit dem Nächsten, der Schöpfung, mit mir selbst. Der grosse Frieden der Welt muss im Kleinen beginnen.» Dabei helfe das Gebet, zeigte sich der Kardinal überzeugt.
Versöhnungsgottesdienste in Nigeria
Kinga von Schierstaedt konnte anhand eines konkreten Beispiels von der Kraft des Gebets berichten. So habe der Bischof der Diözese Maiduguri im Norden Nigerias, die als Ursprungsregion der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram gilt, eine Friedens- und Versöhnungskampagne gestartet.
«Er organisierte Gottesdienste, die teilweise sechs Stunden dauerten, nur um für Versöhnung zu beten», sagte die Vertreterin von «Kirche in Not». Dazu habe der Bischof eigens ein Gebet für Versöhnung formuliert. Das habe funktioniert. Sie selbst habe mit Witwen sprechen können, die alles verloren hätten – nicht aber ihren Glauben, so Kinga von Schierstaedt.
Muslime und Christen vor der Schwarzen Madonna
Abt Urban Federer seinerseits erlebte 2015, zur Zeit der grossen Flüchtlingswelle, die Kraft des Gebets. Damals habe der Kanton Schwyz das Kloster Einsiedeln gebeten, 50 junge Männer aus Afrika aufzunehmen. Drei Viertel davon seien Muslime gewesen, ein Viertel Christen – alles Angehörige verschiedener Ethnien aus unterschiedlichen Ländern. Da habe er sich gefragt: «Was mache ich, damit das gut geht und nicht explosiv wird?» Seine Idee: ein Gebet vor der Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna.
Zuvor habe er die Christen unter ihnen daran erinnert, dass sie Maria als Mutter Gottes verehrten, und die Muslime, dass sie Maria als Mutter des Propheten Jesu verehrten. Schliesslich seien alle mitgekommen.
Er habe dort nicht offiziell das «Ave Maria» gebetet, erzählte der Abt. «Vor Gnadenkapelle herrschte eine Atmosphäre der Stille. Das hat mich sehr berührt, fast überwältig. Ich bin sicher, alle haben gebetet.»
Europa müsste Diplomatie neu lernen
Geht es um Krieg und Frieden, spielt auch die Diplomatie oder ihr Fehlen eine Rolle. Anders als das Hilfswerk «Kirche in Not» kann der Malteserorden auch diplomatisch aktiv werden. Als souveränes Völkerrechtssubjekt unterhält er diplomatische Beziehungen zu über 100 Ländern, wie Thomas Fritsche in Einsiedeln berichtete. Das erleichtert seine Hilfsaktivitäten. «Weil wir neutral sind, können wir überall reinkommen.» Als Beispiel nannte der Vizepräsident der Schweizer Malteser den Konflikt in Gaza.
Auch Kardinal Kurt Koch unterstrich die Bedeutung der Diplomatie. «Gerade der Papst betont immer wieder, dass wir von kriegerischen Wegen zurückkommen und den Weg der Diplomatie einschlagen müssen.» Was ja Europa wieder neu lernen müsste.
Denn er sei überzeugt, so Koch: «Es gibt in Europa keinen Frieden ohne Russland.» Was aber habe Europa bislang für den Frieden getan, auf diplomatischer Ebene? Nur «Waffen, Waffen, Waffen», kritisierte der Kardinal. Das sei «gut» und «richtig», wenn ein Land bedroht wird. Es brauche aber auch den diplomatischen Weg. «Deshalb ist es klar, dass die katholische Kirche vorangeht auf diesem Weg und die Diplomatie als einen Weg der Konfliktlösung betreibt.»
«Kleine Lichter inmitten von Aggressivität»
Was macht Sie trotz der vielen Konflikte hoffnungsvoll, dass es in Richtung Frieden weitergeht, lautete eine letzte Frage von Tschuor. Kinga von Schierstaedt berichtete von einer kleinen Schwesterngemeinschaft, die sich entschieden hat, in einem der riesigen Flüchtlingslager im Sudan ihr Zelt aufschlagen. An einem Ort, wo das Lebensnotwendigste fehlt und viele Bewohner aggressiv sind.
Nach und nach hätten sich ehemalige Katechisten zu ihnen gesellt, die nun auch im Flüchtlingslager als Katechisten arbeiten wollen. Später habe der Bischof einen Priester geschickt, der nun ebenfalls im Flüchtlingslager wirkt. Für Kinga von Schierstaedt sind das «kleine Lichter inmitten von Aggressivität».
«Können wir es uns leisten, ohne Hoffnung zu sein?», fragte Thomas Fritsche, Vizepräsident des Malteserordens, rhetorisch. «Wir müssen Hoffnung haben, sonst können wir aufhören. Ich will nicht aufhören.» Seine kurze Antwort wurde mit viel Applaus quittiert.
Abt Urban Federer sagte, es brauche die Kirche als Gemeinschaft. Hoffnung gebe ihm zum Beispiel eine Schwesterngemeinschaft im Libanon, die eine Schule betreibt. «Wir sind nicht allein, als Monaden unterwegs, sondern als Schwestern und Brüder. Das gibt mir Hoffnung», so Federer. Die Kirche habe viele Fehler gemacht. Trotzdem brauche es sie, «weil wir nur in Beziehung Hoffnung leben können».
Und Kurt Koch sagte schliesslich, ihm gebe das Ostergeheimnis zwischen Karfreitag und Ostern. Der Karfreitag sei laut, die Osternacht ganz leise. Man merke nicht, was da Neues entstehe. «Was zerfällt, macht einen Riesenlärm. Alles, was neu wächst, wächst in der Stille. Das sehe ich aus der Ferne auch in der Kirche Schweiz. Es gibt immer wieder Neuaufbrüche, die mir Hoffnung geben», sagte der Kardinal. Wichtig sei, intensiv auf die Stimme von oben zu hören. (kath.ch)