Karin Keller-Sutter: «An Bischofsweihe spürt man Würde, aber auch Bürde dieses Amtes»
Am 5. Juli 2025 wurde Bischof Beat Grögli zum Bischof von St. Gallen geweiht. Neben vielen prominenten Gästen sass auch Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter in der Kirchenbank. Sie verriet, was es ihr bedeutet, dabei zu sein und welche Herausforderungen sie für die Kirche sieht.
Für Beat Grögli ist es eine Ehre, dass Sie an seiner Bischofsweihe in St. Gallen teilnehmen. Was bedeutet es Ihnen, bei seiner Bischofsweihe dabei zu sein?
Karin Keller-Sutter*: Es ist auch für mich eine grosse Freude und Ehre! Die Kirche hat eine Bedeutung weit über den engeren Kreis der Gläubigen hinaus; das hat man gerade dieses Jahr gesehen, als Millionen Menschen in der ganzen Welt um Papst Franziskus getrauert und sich dann über die Wahl seines Nachfolgers Leo XIV. gefreut haben. Und in der katholischen Kirche ist das Amt des Bischofs natürlich ausserordentlich bedeutend.
Waren Sie zuvor schon mal bei einer Priester- oder Bischofsweihe? Wenn ja, was hat Sie daran besonders fasziniert oder berührt?
Keller-Sutter: Ich war als damalige St. Galler Regierungspräsidentin schon an der Bischofsweihe von Bischof Beats Vorgänger, Bischof Markus. Man spürt an einer solchen Weihe die Würde, aber auch die Bürde dieses Amtes. Es ist ja nicht einfach irgendein Beruf, den ein Bischof ausübt. Es ist ein Amt, das die ganze Person in Anspruch nimmt.
Sie sind wie der St. Galler Bischof in Wil aufgewachsen. Ist Wil eine Schmiede von hohen Persönlichkeiten?
Keller-Sutter: Da ist mir keine Statistik bekannt. Es spricht zumindest nicht gegen Wil. Und als Wilerin freue ich mich natürlich besonders, dass ein Wiler zum Bischof des Bistums St. Gallen geweiht wird und ich gratulieren durfte.
Wie haben Sie die Kirche vor Ort als Kind und Jugendliche erlebt?
Keller-Sutter: Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen und wurde auch nach christlichen Werten erzogen. Die Kirche und die Kirchenfeste waren Teil unseres Alltags und gehörten zum Jahresablauf. Man war Teil einer Volkskirche.
Was wünschen Sie Bischof Beat Grögli für seine Aufgaben als Bischof?
Keller-Sutter: Ich wünsche ihm die Kraft, den vielen und hohen Erwartungen gerecht zu werden, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Und auch die notwendige innere Ruhe, wenn es einmal etwas stürmischer zu- und hergeht.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen und den grössten Handlungsbedarf der Kirche?
Keller-Sutter: Es ist nicht an mir, der Kirche Ratschläge zu erteilen. Aber es gibt natürlich gewisse Parallelitäten auch zum Staat: Man steht vor der Herausforderung, das richtige Mass und den richtigen Zeitpunkt für Reformen zu finden. Das ist bei einer globalen Institution wie der katholischen Kirche sogar noch viel schwieriger als in einem Staat, weil die Einheit der katholischen Kirche immer im Vordergrund steht. Jedenfalls ist es immer ein guter Ansatz, auf die Bürgerinnen und Bürger – oder in diesem Fall: die Gläubigen – zu hören.
*Karin Keller-Sutter ist in Wil SG aufgewachsen. Seit dem 1. Januar ist Bundesrätin Karin Keller-Sutter Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements und auch Bundespräsidentin.