Aktuelle Nummer 13 | 2021
20. Juni 2021 bis 03. Juli 2021

Katholikinnen wollen in die Frauensession

1400 Frauen kandidieren für die Frauensession. Bis morgen läuft die Online-Abstimmung. Recherchen von kath.ch zeigen: Das katholische Spektrum ist divers aufgestellt: von SKF-Frauen über die «Pride»-Präsidentin mit indonesischen Wurzeln bis hin zu einer Genderstern-Kritikerin der SVP.

Raphael Rauch

Im Schweizer Nationalrat sind 42 Prozent der Abgeordneten Frauen, im Ständerat sind es nur 26 Prozent. Ende Oktober ist Politik hingegen Frauensache: In der Frauensession geben ausschliesslich Frauen den Ton an. Sie findet am 29. und 30. Oktober statt.

Fünf SKF-Frauen müssen sich keiner Wahl stellen

Insgesamt 1400 Frauen kandidieren für die insgesamt 246 Sitze. Über 12’000 Frauen haben sich rechtzeitig registriert und sind stimmberechtigt. «Bis zum 7. Juni können alle, die sich im Vorfeld registriert haben, ihre Stimme an maximal zehn Kandidatinnen abgeben», teilt der Frauen-Dachverband «Alliance F» mit, mit dem auch der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) kooperiert. Da der SKF die Frauensession mitorganisiert, steht schon jetzt fest, dass fünf SKF-Frauen der Session angehören werden: SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli, ihre Vorstandskolleginnen Miriam Christen-Zarri und Fabienne Roos sowie die Geschäftsleiterinnen Danielle Cotten und Karin Ottinger. Sie haben einen sicheren Platz und müssen sich keiner Wahl stellen.

Mutter und Tochter Curau in der Frauensession?

Wie viele katholische Kandidatinnen sich unter den 1400 Frauen befinden, ist unklar. kath.ch konnte die Wahllisten einsehen. Unter den bekannten Katholikinnen gib es ein buntes Spektrum – von der lesbischen FDP-Politikerin bis hin zur SVP-Frau, die den Genderstern ablehnt. Auch die Tochter von SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli ist unter den Kandidatinnen. Der Frauensession könnten also Mutter und Tochter angehören. Im Folgenden eine Liste von zwölf Frauen, die sich für die Frauensession bewerben – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Mentari Baumann, Kanton Bern

«Als lesbische FDP-Politikerin, Präsidentin der Zurich Pride und Katholikin bewege ich mich in unterschiedlichen Kontexten und baue Brücken, mit dem Ziel konstruktiven Dialog zu fördern. Seit zehn Jahren bin ich politisch aktiv und war 2011 die jüngste Nationalratskandidatin der Schweiz. Ich engagiere mich mit Herzblut für Gleichstellung und queere Anliegen.» Beruf: Studentin und Marketing-Frau beim Schweizerischen Roten Kreuz. Ein Interview mit Mentari Baumann finden Sie hier.

Laura Curau, Kanton Bern

«Ich bin eine Stimme für Frauen*, die nicht mehr Rechte wollen, sondern die gleichen Rechte und Chancen. Wir müssen gemeinsam den Gender Data Gap überwinden, Lohngleichheit erreichen – dafür Skeptikerinnen und Skeptiker aufklären und einbinden. Ich setze mich dafür ein, dass Feminismus verbindet und Gleichberechtigung in der Gesellschaft ankommt.» Laura Curau ist die Tochter von SKF-Präsidentin Simone Curau-Aepli. Beruf: Referentin Politisches Campaigning.

Monika Emmenegger, Kanton Luzern

«Als Präsidentin der CVP-Frauen Kanton Luzern engagiere ich mich seit Jahren für Frauenthemen. Wir haben im September 2020 einen spannenden Anlass organisiert: ‹Frauenfragen waren Männersache – und heute?› Als Gemeindepräsidentin stelle ich fest, dass immer noch zu wenig Frauen in politischen und wirtschaftlichen Gremien sind, da müssen wir dranbleiben und die Frauen motivieren und aufzeigen, was sie alles können. Durch meine Arbeit in einem KMU-Betrieb (nur Männer), wo ich Teilzeit arbeite, werde ich immer wieder mit solchen Fragen (Gleichstellung, Vereinbarkeit Familie/Beruf usw.) konfrontiert. Ich möchte mich weiter engagieren und motivierend für Frauen wirken.» Monika Emmenegger ist Präsidentin der CVP-Frauen in Luzern, Gemeindepräsidentin von Hildisrieden und Synodale, also Kirchenparlamentarierin in der Landeskirche Luzern. Beruf: Gemeindepräsidentin und Leiterin des kaufmännischen Bereichs der Matter Metallbau AG.

Lea Gisler-Bissig, Kanton Uri

«Als Landrätin möchte ich mich auch national für die Frauenanliegen engagieren.» Lea Gisler-Bissig war früher im Pfarreirat Altdorf engagiert. Beruf: Medizinische Praxisassistentin.

Heidi Kronenberg, Kanton Bern

«Für gleiche Rechte für alle Menschen, die in der Schweiz leben und Steuern zahlen. Mehr Ressourcen für soziale Sicherheit und Emanzipation, weniger für Überwachung in Luft und Boden. Für eine Corona-Reichtumssteuer.» Die langjährige Redaktorin von «Radio SRF2 Kultur» ist eine Influencerin im ökumenischen Bern. Heidi Kronenberg ist katholisch. Ihr Mann ist mennonitisch aufgewachsen, identifiziert sich heute aber nicht mehr als Täufer. Sie engagiert sich beim Radio «Locomotivo», einem Radio von Menschen mit psychischen Herausforderungen. Sie hat auch Bücher veröffentlicht, etwa «Familienvielfalt in der katholischen Kirche – Geschichten und Reflexionen», als Co-Autorin «Gruss aus der Küche. Texte zum Frauenstimmrecht» und als Mitherausgeberin «Mystiker, Mittler, Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe». Beruf: Journalistin.

Martha Leuthard, Kanton Schwyz

«Ich war 2011 schon in Bern dabei in Tracht und wurde über die 1. Nationalratspräsidentin Frau Dr. Elisabeth Blunschy befragt. Am 13. Mai 2021 feiere ich 10 Jahre Kandidatur für den Ständerat des Kantons Schwyz als Parteilose USEM VOLK – FÜRS VOLK. Als Marta von Sêwa IDEM vom Marienwallfahrtsort Seewen SZ unterwegs für Frau, Kirche und Gesellschaft.» Ihre E-Mails unterschreibt die konservative Katholikin Martha Leuthard mit dem Titel: «Marta von Sêwa aus dem HAUSE DAVID Leuthard.» Sie ist eine Anhängerin des umstrittenen ehemaligen Apostolischen Administrators von Chur, Peter Bürcher, und hat ihre Sympathien für ihn auch schon einmal in einer grossformatigen Werbeanzeige bekundet.

Aliki Panayides, Kanton Bern

«Weil auch Frauen dabei sein sollten, welche sich ohne Sternchen engagieren.» Aliki Panayides ist Geschäftsführerin der SVP Kanton Bern und Vize-Gemeindepräsidentin in Ostermundingen.

Vroni Peterhans-Suter, Kanton Aargau

«Ich engagiere mich für Gleichberechtigung in Gesellschaft und Kirche, für eine ethisch-ökologische Stimme und für Vernetzung von Frauenverbänden.» Vroni Peterhans-Suter ist Präsidentin des Vereins «Oeku – Kirchen für die Umwelt» und ehemalige Vizepräsidentin des SKF. Beruf: Bäuerin und Katechetin in Birmenstorf.

Anja Katharina Schmid, Kanton Wallis

«Aufgewachsen mit fünf Brüdern, habe ich schon früh gelernt mich durchzusetzen. Ich kandidiere für die Frauensession 2021, um allen Frauen eine Stimme zu geben, welche sich tagtäglich unentgeltlich für ihre Familien und die Zukunft der Schweiz einsetzen – wobei deren wertvolle Arbeit von der Öffentlichkeit allzu oft nicht wahrgenommen wird und dementsprechend, wenn überhaupt, nur marginale Wertschätzung erfährt.» Beruf: Physiotherapeutin.

Béatrix von Sury, Kanton Basel-Land

«Ohne Frauen keine Zukunft!» Béatrix von Sury d’Aspremont aus Reinach ist Präsidentin der Synode der Römisch-katholischen Landeskirche Basel-Landschaft. Die promovierte Kriminologin ist seit 2006 Einwohnerrätin, seit 2012 Gemeinderätin und seit 2014 Vize-Gemeindepräsidentin von Reinach. Seit 2017 ist sie auch Landrätin der CVP.

Karin Stadelmann, Kanton Luzern

«Insbesondere Frauen leisten in Betreuung, Pflege und sozialen Berufen Immenses für die Gesellschaft und die wirtschaftliche Prosperität in unserem Land. Dieses Engagement muss uns endlich mehr wert sein und dafür setze ich mich ein!» Karin Stadelmann ist Präsidentin der CVP Stadt in Luzern. Beruf: Dozentin und Projektleiterin Hochschule Luzern, Soziale Arbeit.

Pia Viel-Sutter, Kanton Aargau

«Als Präsidentin vom Aargauischen Katholischen Frauenbund engagiere ich mich für Gleichberechtigung in der Politik, in der Gesellschaft und in der Kirche.» Pia Viel-Sutter ist auch Präsidentin im CVP-Bezirk Baden und Präsidentin des Dachverbands Tagesstrukturen Mittagstisch Aargau. Beruf: Personal/Rechnungswesen.

 

Bei der «Alliance F» laufen die Fäden der Frauensession zusammen. Sophie Achermann beantwortet Fragen zur Abstimmung, die bis morgen läuft.

Wer konnte alles kandidieren und wie haben Sie das Geschlecht kontrolliert?

Sophie Achermann*: Kandidieren konnten alle Frauen, die in der Schweiz leben, und alle Auslandschweizerinnen. Das Mindestalter ist 16 Jahre. Wir haben alle Anmeldungen kontrolliert, von den Kandidatinnen nochmals abnehmen lassen und dann aufgeschaltet.

Dürfen auch Transpersonen kandidieren – und sind welche unter den Kandidatinnen?

Achermann: Wir verwenden den Begriff Frauen mit Genderstern: «Frauen*». Damit sind sowohl Cis- wie auch Trans*Frauen gemeint. Aber auch Inter*- und Non-Binäre-Menschen sowie Menschen, die Diskriminierung erfahren haben, weil sie in der Gesellschaft als Frau* gelesen werden oder wurden, möchten wir dazu ermutigen, sich für diese Session anzumelden. Ob sie das auch gemacht haben? Wir haben die Kandidatinnen nicht gefragt, ob sie Trans* Frauen oder Männer sind.

Cis, Trans, Inter, Non-Binär

Eine Cis-Frau ist das, was auch umgangssprachlich mit Frau gemeint ist: eine biologische Frau, die sich als Frau fühlt. Eine Transfrau ist eine Frau, der bei der Geburt das Geschlecht Mann zugewiesen wurde.Inter* ist ein «Oberbegriff für Menschen, die mit einem Körper geboren sind, der den typischen geschlechtlichen Standards und Normen von Mann und Frau nicht entspricht», wie  ein Fachportal schreibt. Dazu gehören Intersexuelle, Intersex, Hermaphroditen, Zwitter, Intergender sowie inter- oder zwischengeschlechtliche Menschen. Non-binär trifft auf Menschen zu, die sich in den Kategorien «Frau» oder «Mann» nicht repräsentiert sehen.

Wie geht es nach den Wahlen weiter?

Achermann: Am 24. Mai haben die Wahlen begonnen. Bis zum 7. Juni laufen die Wahlen. Anfangs Juli werden die Wahlergebnisse kommuniziert. Anschliessend werden in acht Kommissionen, die sich bis zur Session zwei Mal treffen, die Forderungen der Frauensession erarbeitet.

Warum dauert die Auszählung so lange?

Achermann: Es wird eine Zeit in Anspruch nehmen, bis wir die Wahl auswerten, kontrollieren und alle Fotos der Wahlplattform bei uns auf der Homepage aufschalten können. Wir sind ein kleines Team und arbeiten nicht mit unbegrenzten Ressourcen.

Wie stark ist der SKF bei den Vorbereitungen der Frauensession involviert?

Achermann: Organisiert wird die Frauensession zu gleichen Teilen von «Alliance F», den Evangelischen Frauen Schweiz EFS, dem Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband SBLV, dem Dachverband Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen SGF, dem SKF Schweizerischen Katholischen Frauenbund und der eidgenössischen Kommission für Frauenfragen EKF – in Zusammenarbeit mit den Parlamentsdiensten.

* Sophie Achermann (28) ist Geschäftsführerin des Frauen-Dachverbands «Alliance F».