Kloster Einsiedeln: Nun wird ein neuer Abt gewählt – wahrscheinlich erneut Urban Federer

Jemand, der den Einsiedler Abt gut kennt, ist Christian Meyer, seines Zeichens Abt des Benediktinerklosters in Engelberg. «Abt Urban ist in der Tradition verwurzelt, hat aber auch den Blick des offenen Herzens. Er ist auf der Suche nach Antworten für das Heute», sagt Abt Christian Meyer gegenüber kath.ch.

«Lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen»

«Ich denke, dies spürt man, wenn man Abt Urban begegnet. Ebenso auch die Herausforderungen und Streitigkeiten, die einen Abt aus heiterem Himmel treffen können: Er lässt sich, zumal gegen aussen, nicht zu schnell aus der Ruhe bringen und das ist heute wichtig», ist der Engelberger überzeugt. Als Abt verfüge der Einsiedler Klostervorsteher auch über ein Gespür für die Gemeinschaft und habe Mitbrüder, die ihn in diesem Anliegen auch mittragen, unterstützen und begleiten.

«Und als Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz ist er ganz nah am Spielball der Kirchenpolitik und der seelsorgerlichen Herausforderungen und Nöte unserer Zeit. Es braucht neue Antworten, damit nicht noch mehr zerbröselt und verschwindet. Abt sein in der heutigen Zeit ist eine grosse Herausforderung, die auch der heilige Benedikt in seiner Regel schon kannte. Ich glaube, ein Satz trifft auf Abt Urban sehr gut zu: Der Abt sei bedacht, dass er mehr geliebt als gefürchtet wird», betont Christian Meyer.

Abt kommt von «Abbas»

In der Tat. Der Abt ist der Vorsteher des Klosters. Das Wort Abt leitet sich vom griechischen «Abbas» ab und bedeutet Vater. Er ist quasi das «Familienoberhaupt» der Klostergemeinschaft und «soll mit Güte und Strenge leiten». Der Abt trägt die Verantwortung für die geistlichen und weltlichen Dinge im Kloster. Wobei wenige neben Abt Urban Federer schon solange profunder Insider des wichtigsten Wallfahrtsorts der Schweiz sind.

Seit seinem Besuch der Klosterschule von 1985 bis 1988 kennt der gebürtige Zürcher das Kloster Einsiedeln. Also lange 40 Jahre lang. 1988] trat er der Ordensgemeinschaft der Benediktiner bei und begann das Noviziat im Kloster Einsiedeln. Er legte 1992 die ewige «Profess» ab. 1994 empfing er das Sakrament der Priesterweihe.

«Mystische Erfahrung im literarischen Dialog»

Danach studierte Federer an der theologischen Hausschule des Klosters Philosophie und Theologie, anschliessend absolvierte er ein Lizenziatsstudium in Germanistik und Geschichte an der Universität Freiburg im Üchtland. Ab 2001 war er als Lehrer für Religion, Deutsch und Geschichte am Gymnasium in Einsiedeln tätig. Mit dem Thema «Mystische Erfahrung im literarischen Dialog» wurde er später promoviert.

Nachdem der bisherige Einsiedler Abt Martin Werlen 2012 durch einen Sportunfall beim Badminton mit dem Kopf gegen die Wand geprallt war und eine Hirnblutung erlitten hatte, die sein Sprachzentrum beeinträchtigte, gab er 2013 nach zwölf Jahren das Amt des regierenden Abts ab. Zu seinem Nachfolger wurde Urban Federer gewählt.

Moderner Klostermanager

Längst hat sich der heute 57-Jährige zum dynamischen, modernen Klostermanager entwickelt, der den anno 934 gegründeten und mittlerweile wichtigsten Wallfahrtsort der Schweiz erfolgreich leitet. Dessen sakrales Markenzeichen, die «Schwarze Madonna», ist Anziehungspunkt von rund 800’000 Pilgern pro Jahr.

Wobei das Kloster Einsiedeln, zu dem auch die Propstei St. Gerold in Vorarlberg und das Benediktinerinnen-Kloster Fahr gehören, zahlreiche Wirtschaftsbetriebe nebst grossen Ländereien in sich vereinigt. Unter anderem das älteste noch existierende Pferdegestüt Europas: die «Cavalli della Madonna». Auch die jahrhundertealte Stiftsbibliothek ist legendär.

Doch Abt Urban kümmert sich nicht nur um den Besitz, das historische Erbe des Klosters sowie um die kulturelle Rolle der Abtei, wie etwa das Welttheater, das 2024 erneut auf dem Klosterplatz inszeniert wurde. Der Einsiedler Abt ist sich bewusst, wie wichtig gerade die Klostergemeinschaft ist. Selbst wenn diese über die vergangenen Jahrzehnte hinweg ziemlich geschrumpft ist: Derzeit zählt das Kloster noch 37 Mönche und zwei Novizen.

«Für meine Mitbrüder bin ich dankbar»

«Ich bin dankbar, Abt gerade dieser Gemeinschaft zu sein und auch Abt für das Kloster Fahr. Beides sind lebendige Orte – zusammen mit unserer Propstei St. Gerold in Vorarlberg –, wo Menschen hinkommen und in ihrem Leben die Gegenwart Gottes und damit Freiheit erfahren können. Dafür braucht es die Mitbrüder und Mitschwestern, die dies ermöglichen. Für sie bin ich dankbar», sagte er zu seinem 10-Jahr-Jubiläum als Abt in einem Interview mit kath.ch. Wenn der Abt abends beim «Salve Regina» in der Gnadenkapelle mit seinen Mitbrüdern mitsingt, scheint der Gesang jedenfalls meist noch eine Spur schöner zu klingen. 

Zu Abt Urbans Neuerungen rund ums Kloster gehören unter anderem die Teilnahme am Klostermarkt im Zürcher Hauptbahnhof und die Social-Media-Kanäle mit den Gottesdiensten über einen Livestream.

Der 57-Jährige beteiligt sich auch aktiv am gesellschaftlichen Leben in Einsiedeln – sei es, dass er Teilnehmer an Fernsehdiskussionen in einer Einsiedler Beiz mit am Tisch sitzt.  Sei es, dass er der «Tour de Suisse» beim Start in Einsiedeln beiwohnt. Sei es, dass er Gäste im klostereigenen Weinkeller empfängt. Er hat das Image eines weltoffenen Klosters erfolgreich geprägt und kultiviert.

Nicht zum Benedikterabtprimas gewählt

Das beweist er auch eindrucksvoll, in dem er hin und wieder fehlerlos im Fernsehen auf Französisch in Interviews parliert. Abt Urban ist sehr telegen. Und nicht nur das. Bei Firmungen hat er schon in spontanen, lockeren Predigten gezeigt, dass er sich in junge Menschen gut einfühlen kann.

Den einzigen Misserfolg, den Abt Urban in den vergangenen Jahren verbuchen musste: Er wurde 2024 nicht zum Benediktiner-Abtprimas gewählt, zum weltweit höchsten Benediktiner also. Doch dadurch steht er dem Kloster Einsiedeln weiter uneingeschränkt zur Verfügung.

Theologisch gesehen verkörpern Maria und die Schwarze Madonna für Abt Urban auch das Konkrete. «Die Religion bleibt so keine Idee und schon gar keine Ideologie», erklärte er gegenüber kath.ch. «Wie die Sakramente sucht marianische Spiritualität für Gottes Anruf konkrete Wege zum Menschen. Weiter war Maria schon immer ein Vorbild für die christliche Mystik. Diese sucht die Einheit mit Gott – und lässt sich inspirieren von der Innigkeit zwischen Maria und ihrem Sohn. Und schliesslich spüre ich immer wieder, wie ein schwarzes Gnadenbild Menschen aus der ganzen Welt Heimat zu vermitteln mag. Etwas Schöneres kann mir als Abt nicht passieren.» (kath.ch)