Kraftvoller Papst im Libanon – Leo XIV. findet bei Mini-Weltjugendtag zu seiner Rolle
«Seid ihr bereit, Friedensstifter in einer leidenden Welt zu sein?» Am Ende eines übervollen Tages schwört Papst Leo XIV. Libanons Jugend auf ihre Rolle in dem krisengeschüttelten Land ein. Die 15’000 stehen nach der emotionalen und teils euphorischen Rede auf den Stühlen, schwenken Libanon- und Vatikan-Fähnchen und skandieren «Viva il Papa».
«Lasst die Welt in Hoffnung erblühen»
Am Montagabend erlebte Leo XIV. in Beirut einen Mini-Weltjugendtag – und seine eigene Entfesselung als Papst. Anders als beim Heilig-Jahr-Treffen im August in Rom vor einer Million Jugendlicher präsentierte er sich mit gelöster Handbremse, sprach kraftvoll, pointiert, mit erhobener Stimme und mitreissend. «Lasst die Welt in Hoffnung erblühen», rief er den jungen Leuten zu. Die dankten es ihm mit ihrer Begeisterung.
Dabei hatte der 70-Jährige zu diesem Zeitpunkt schon mindestens zehn Stunden Tagesprogramm und fünf Besuchstage in der Türkei und dem Libanon hinter sich. Nach zwei anrührenden Begegnungen mit verschiedenen christlichen Konfessionen am Morgen am Grab eines Heiligen und einem berühmten Marienwallfahrtsort stand am Nachmittag ein hochoffizielles interreligiöses Treffen auf dem Märtyrerplatz an.
Land der Minarette und Kirchen
Vor Vertretern fast aller der 18 im Libanon anerkannten Religionen sprach der Papst vom Land, «wo Minarette und Kirchen Seite an Seite stehen». Tatsächlich war durch das gläserne Dach des Pavillons die benachbarte Mohammad-Al-Amin-Moschee zu sehen, ein paar Meter weiter steht die maronitische Sankt-Georgs-Kathedrale. Kurz vor Sonnenuntergang gegen 16.30 Uhr tönte von der Moschee der Gebetsruf des Muezzins.
Nach Ende des Bürgerkriegs vor 35 Jahren rühmt sich der Libanon heute für sein interreligiöses Zusammenleben. Dieses Thema wurde von fast allen Sprechern wortreich und blumig betont. Von den rund 5,5 Millionen Libanesen sind etwa zwei Drittel Muslime und ein Drittel Christen verschiedenster Prägung – und nur rund 200 Juden.
Muslimische Polemik gegen Israel
Die waren bei dem von Schriftlesungen aus Bibel und Koran begleiteten Treffen als einzige Religion nicht vertreten. Doch sprach der syrisch-katholische Patriarch in seiner Begrüssung das Judentum als eine der drei abrahamitischen Religionen an, und auch der Papst erwähnte die Juden. Dagegen nutzte einer der Vertreter der Muslime die Gelegenheit, gegen Israel zu polemisieren.
Auf solcherlei ging Papst Leo XIV. in seiner Ansprache nicht ein. Stattdessen erinnerte er an das «göttliche Geschenk des Friedens», das alle Religionen gemeinsam pflegen sollten.
«In einer Zeit, in der das Zusammenleben wie ein ferner Traum erscheinen mag, erinnern die Menschen im Libanon, die verschiedenen Religionen angehören, eindringlich daran, dass Angst, Misstrauen und Vorurteile nicht das letzte Wort haben und dass Einheit, Versöhnung und Frieden möglich sind!» Die letzten Worte sprach Leo XIV. mit erhobener Stimme und mit ungewohntem rhetorischen Nachdruck.
Wie bereits am Sonntag im Präsidentenpalast ermutigte er die sichtlich beeindruckten Anwesenden, nicht ihr Land zu verlassen, sondern gemeinsam am Frieden in der von schwersten Krisen gebeutelten Gesellschaft zu arbeiten.
«As-salam ·alaykum»
Das war auch ein Hauptthema der Begegnung mit der Jugend auf dem grossen Platz vor dem Palast des maronitischen Patriarchen in Bkerke. Wegen Überlänge des vorangegangenen Treffens mussten die jungen Leute, die nicht nur aus dem Libanon kamen, auf den Pontifex warten. Doch als er dann im weissen Gewand den festlich ausgeleuchteten Platz betrat, war der Jubel umso grösser. Die Begleitmusik lieferte «Jesus Christ, you are my life» – ein Klassiker der Weltjugendtage.
Wie beim Treffen am Morgen grüsste er auch «seine lieben jungen Freunde» auf Arabisch: «as-salam ·alaykum» – Der Friede sei mit euch« – um dann in seiner Muttersprache Englisch fortzufahren.
In seiner Ansprache rief er den jungen Menschen zu, sie seien Hoffnungsträger, hätten Zeit, um zu träumen, zu organisieren und Gutes zu tun. »Ihr seid die Gegenwart, und in euren Händen wird schon die Zukunft gestaltet! Und ihr habt die Begeisterung, um den Lauf der Geschichte zu verändern!«
Junge Menschen sprachen über Hafenexplosion
Die jungen Menschen veranschaulichten ihm in kurzen Reden und einer anrührenden Performance die Probleme in ihrer von Krisen eingeschnürten Heimat. Der Papst verfolgte es mit grosser Aufmerksamkeit. Hin und wieder schien er eine Träne wegzublinzeln.
Immer wieder thematisierten die Jugendlichen die verheerende Hafenexplosion vom August 2020, die noch immer nicht aufgearbeitet ist. Bei dem bis heute ungeklärten Ereignis explodierten mehrere Tonnen Nitratdünger, die dort seit 2014 lagerten. Tausende wurden verletzt, Hunderttausende Bewohner obdachlos, mehr als 200 Menschen starben.
Stilles Gedenken am Hafen
An den Ort der Katastrophe begab sich Papst Leo XIV. am Folgetag. Er gedachte am Dienstagmorgen mit einem schweigenden Gebet der Opfer der Explosion. Nach dem stillen Gedenken legte er einen Kranz nieder und entzündete ein Gedenklicht. Anschliessend sprach er lange mit Angehörigen von Opfern der Explosion und segnete sie.
Am heutigen Dienstag beendet der Papst seine sechstägige Nahostreise, auf der er die Türkei und anschliessend Libanon besuchte. Am Nachmittag fliegt das Kirchenoberhaupt zurück nach Rom. (kath.ch)