Ludwig Ziegerer: «Als Abt darf ich nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren»
Erst fiel es Ludwig Ziegerer (69) nicht leicht, sich als Abt von Mariastein vorzustellen. Er hatte andere Pläne. Doch nun ist der bisherige Administrator, Wallfahrtsleiter und Prior als Abt in seinem Element. Er sucht neue Wege des klösterlichen Zusammenlebens.
Was ist es, Abt von Kloster Mariastein zu sein?
Ludwig Ziegerer: Es ist ein ambivalentes Gefühl. Nach dem Rücktritt von Abt Peter war ich fünf Monate lang Administrator – und dadurch ein möglicher Kandidat. Ich habe mich mit dem Gedanken auseinandergesetzt, das fiel mir nicht leicht. Als der Entscheid gefallen war und ich mein Ja gegeben hatte – man ist ja frei zu sagen: Ich nehme das Amt an oder lehne es ab – war da erst eine Erleichterung. Das gute Gefühl kam erst später.
Wie kam es zum guten Gefühl?
Ziegerer: Als Reaktionen von aussen kamen. Hier auf meinem Tisch ist ein Stapel Briefe und per Mail sind noch viel mehr Zuschriften gekommen, die ich noch beantworten muss. Die Leute freuen sich, dass Mariastein wieder einen Abt hat, sie gratulieren und geben ihre Unterstützung bekannt. Ich bin ja nicht nur der Abt der Mönche hier, sondern auch von allen, die hier arbeiten oder den Ort besuchen. Sie sagen: Wir haben wieder einen Abt, es ist auch unser Abt. Das gibt mir ein gutes Gefühl.
Wer sind diese Menschen?
Ziegerer: Das sind Menschen, die tagtäglich zu uns in den Gottesdienst kommen oder Freiwillige, die uns unterstützen, ausserdem Wohltäter sowie Oblaten. Diese Leute sind besonders eng mit dem Kloster verbunden, sie wollen die benediktinischen Grundsätze im zivilen Leben umsetzen.
Was machte es anfänglich schwierig, Ja zum Abtamt zu sagen?
Ziegerer: Ich habe Abt Peter zuvor immer wieder gesagt, dass ich meine logotherapeutische Arbeit ausweiten möchte. Ich wollte mehr Biografiearbeit machen; im Zimmer neben meinem Büro empfange ich Leute für solche Gespräche. Dies wird als Abt kaum möglich sein. So ist es halt, man muss sich dem Schicksal unterwerfen.
Haben Sie ein Abt-Büro?
Ziegerer: Ich benutze das Büro, das ich vor über zehn Jahren als Wallfahrtsleiter bezogen habe. Da fühle ich mich sehr wohl. Ich habe es mir so eingerichtet, dass ich gut arbeiten kann. Der Abt hat ein eigenes Büro, die sogenannte Abtei. Mein Vorgänger hat darin bereits grösstenteils Ordnung gemacht. Wenn er aus seiner Auszeit zurückkommt, übergibt er sie mir. Ich habe bereits Zugang und kann dort Dokumente sichten – etwa Protokolle von früheren Sitzungen oder Geschäften.
Welche Aufgaben übernehmen Sie als Abt neu?
Ziegerer: Neu habe ich die Gesamtleitung für das Kloster Mariastein. Ich trage Verantwortung nicht nur für die Mönche, sondern auch für die Betriebe und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zudem werde ich Einsitz nehmen in die Mariastein Betriebs AG. Über diese klostereigene Gesellschaft laufen alle wirtschaftlichen Tätigkeiten des Klosters. Da ich vorher Administrator, Wallfahrtsleiter und noch früher Prior war, bin ich mit einigen Aufgaben vertraut. Aber mir ist bewusst: Hier in Mariastein habe ich – sozusagen – das letzte Wort und muss für das, was ich sage, tue oder nicht tue geradestehen.
Jetzt haben Sie die alleinige Verantwortung…
Ziegerer: Ich würde sagen: die letzte Verantwortung. Wichtig ist: Wir haben in Mariastein zuverlässige, tüchtige Leute, denen ich Verantwortung delegieren kann. Als Abt darf ich jedoch nie das grosse Ganze aus den Augen verlieren.
Sie machen einen Rollentausch mit Alt Abt Peter von Sury: Ist das heikel?
Ziegerer: Ja und nein. Ich habe immer sehr gut mit ihm zusammengearbeitet. Wir haben ein Vertrauensverhältnis. Wobei wir zwei unterschiedliche Typen sind, die teilweise anders ticken. Es gibt die ungeschriebene Regel, dass ein Abt, der aus dem Amt scheidet, eine Auszeit nimmt. Es gibt sogar Äbte, die sich dann an einem anderen Ort einsetzen lassen. Das regelt man im Gespräch miteinander.
Wie war das bei Ihnen?
Ziegerer: Pater Peter war 17 Jahre im Amt und arbeitete enorm viel, oft tief in die Nacht hinein, auch in den Ferien. Darum sagte ich ihm: Gönn dir eine Auszeit, die hast du mehr als verdient.
Hilft Ihnen die Auszeit Ihres Vorgängers, die Verantwortung zu übernehmen?
Ziegerer: Ja, natürlich. Allerdings telefoniere ich jede Woche mit ihm. Er sagt mir dann: Denk noch an dieses oder jenes. Oder ich frage ihn: Was ging da vor sich, wo finde ich das Dossier oder wie ist das geregelt? Es ist gut, dass ich ihn fragen kann und unser Verhältnis gut ist.
Welchen Leitungsstil möchten Sie pflegen?
Ziegerer: Wichtig ist mir, mit Leuten, mit denen ich arbeite, auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ich bemühe mich, offen zu sein und Probleme anzusprechen und erwarte das auch von den anderen. Transparenz und Offenheit sind mir wichtig. Das Autoritäre liegt mir hingegen nicht. Würde das von mir erwartet, wäre ich der Falsche im Amt.
Wie steht es finanziell um Mariastein?
Ziegerer: Wir sind selbstständig erwerbend und leben von unserer Arbeit, jedoch auch – und immer mehr – von Zuwendungen und der aktiven Mittelbeschaffung. Wir sind ein kostenloser Service public. Die Menschen können unsere Gottesdienste besuchen und zu Seelsorgegesprächen kommen. Wir haben eine wunderbare Infrastruktur, die wir – mit der Arealgestaltung – weiter verschönern. Wir hoffen, dass die Menschen das beachten und uns weiterhin unterstützen.
Ihre Gemeinschaft besteht aus zwölf Mönchen. Wie viele von ihnen beteiligen sich noch aktiv an Aufgaben?
Ziegerer: Sieben bis acht Mönche können noch Aufgaben übernehmen. Wir müssen uns deren Verteilung gut überlegen. Zudem übernehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer mehr auch klösterliche Aufgaben sowie Leute, die mit uns leben.
Wie viele Nicht-Mönche leben in Mariastein?
Ziegerer: Ein Mann lebt seit ein paar Jahren mit uns und beteiligt sich in allen Bereichen unseres Gemeinschaftsdienstes. Es gibt weitere Interessenten. Das ist eines unserer Zukunftsprojekte: Man soll im Kloster leben können, ohne Mönch zu sein. Wenn dann jemand Mönch werden möchte, sind wir dafür offen. Der traditionelle, direkte Weg ins Kloster ist heute eher die Ausnahme. Wir müssen andere Zugänge schaffen.
Übrigens leben auch temporäre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – etwa Zivildienstleistende – zeitweise bei uns. Wie stark sie sich beteiligen am gottesdienstlichen Leben, ist freiwillig. Schön wäre aber schon, wenn wir verstärkt eine Lebens- und Gebetsgemeinschaft werden könnten. Das gemeinsame Gebet ist für die Benediktiner enorm wichtig.
Wie läuft die Suche nach einer Nachfolge-Gemeinschaft?
Ziegerer: Ich bin nicht auf der Suche nach einer Nachfolge-Gemeinschaft, denn ich bin der Überzeugung, dass wir Benediktiner noch lange hier präsent sind. Die Wallfahrt lebendig zu halten ist mir ein grosses Anliegen. Die hat in Mariastein eine lange Tradition. Wenn wir die damit verbundenen Aufgaben nicht mehr allein stemmen können, sind wir auf eine Kooperation mit einer anderen Ordensgemeinschaft angewiesen. Ich führe dazu Gespräche.
Falls all dies nicht klappen würde und nur noch drei bis fünf Mönche da leben würden, welche Option hätte Mariastein noch?
Ziegerer: Es gibt funktionierende Kleinstgemeinschaften mit drei bis fünf Mönchen. Entscheidender Punkt ist, ob die Gemeinschaft fähig ist, neue Mönche aufzunehmen. Falls ja, kann daraus etwas erwachsen. Mit wenigen Mitbrüdern, die kaum mehr das aktive Leben mitgestalten können, würde es schwierig. Doch davon sind wir weit entfernt. Ich habe mir also kein Untergangszenario zurechtgelegt. Ich bin voller Hoffnung, dass wir uns weiterentwickeln. Ich zähle auf Leute, die mit uns leben möchten. Wir versuchen angemessene Lösungen zu finden.
Welche Aufgaben haben Sie weiterhin?
Ziegerer: Wallfahrtsleiter bin ich nach wie vor, die diesbezügliche Alltagsarbeit hat zum Glück ein Mitarbeiter übernommen. Ein wenig bin ich im Pastoralraum engagiert, etwa im Pastoralraumrat. Bei der Firmvorbereitung in der Region habe ich ein paar Katechesen gehalten. Als Abt werde ich wahrscheinlich auch die Firmung im Pastoralraum spenden, wie es mein Vorgänger auch gehalten hat – sofern das der Bischof wünscht.
Sie haben eine Primarlehrerausbildung und als Lehrer gearbeitet. Was haben Sie dann im Kloster gefunden, was Sie vorher nicht hatten?
Ziegerer: Ich habe da eine religiöse Heimat, eine Gebetsgemeinschaft gefunden. Mir hat an Mariastein immer gefallen, dass wir ein klösterliches Leben mit Chorgebet, aber auch mit Aufgaben gegen aussen haben. Vor 40 Jahren, als ich hierherkam, waren etliche Mitbrüder in der Seelsorge der Region tätig, gaben Religionsunterricht an den Schulen. Das gefiel mir sehr.
Meinen Beruf als Lehrer habe ich nie ganz aufgegeben. Ich habe auch als Mönch immer ein kleines Pensum Religion unterrichtet – von der ersten Primarklasse bis zur Oberstufe. Und an der Fachhochschule in Liestal und Basel habe ich angehenden Lehrern Kurse in Religionspädagogik gegeben, während 19 Jahren.
Im März, als Sie Administrator waren, sind Missbrauchsvorwürfe gegen zwei verstorbene Pater von Mariastein bekannt geworden. Wie war das?
Ziegerer: Das war für uns ein herber Schlag. Wir mussten uns mit einer unangenehmen Thematik auseinandersetzen. Aber wir arbeiten dran. Wir werden demnächst darüber ins Gespräch kommen innerhalb der Gemeinschaft und gemeinsam mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit Hilfe einer externen Moderatorin.
Und wir müssen die Prävention stärken. Als Benediktinerkongregation haben wir uns in unserer letzten Versammlung dafür ausgesprochen: Leute, die bei uns eintreten, müssen sich im Verlaufe des Integrationsprozesses demselben Assessment stellen wie neue kirchliche Mitarbeitende in den Bistümern.
Alle selbstständige Gemeinschaften sind wir zur Selbstverpflichtung aufgerufen. Ich habe die Selbstverpflichtung bereits unterschrieben und im Sekretariat der schweizerischen Benediktinerkongregation eingereicht. Wir werden das bei uns so machen.
Gibt es bei Ihnen Mitbrüder, welche die beiden Pater noch kannten?
Ziegerer: Ja. Die Schule in Altdorf, in der die Übergriffe passierten, haben wir 1981 an den Kanton Uri verkauft und uns danach ganz auf die Aufgaben in Wallfahrt und Seelsorge in Mariastein konzentriert. Ich selbst habe keinen Bezug zur ehemaligen Schule in Altdorf. Ich war erst vor fünf oder sechs Jahren erstmals dort, bei einem Konvent-Ausflug.
Bereiten Sie das Jubiläums-Wallfahrtsjahr 2026 vor?
Ziegerer: Ja, wir haben bereits vor drei Jahren mit den Vorbereitungen begonnen. In einer ersten Phase haben wir die religiöse, spirituelle Seite des Anlasses erarbeitet, jetzt die praktische mit den konkreten Inhalten. Beim Jubiläum geht es um 100 Jahre Basilika und Krönung des Gnadenbildes. Ich hoffe, dass es ein schönes Jubiläumsjahr wird, das unserer Wallfahrt Schwung verleiht.
Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft von Mariastein?
Ziegerer: Ich wünsche mir, dass die Leute Mariastein gern besuchen und sich willkommen fühlen. Für die Gemeinschaft hoffe ich, dass wir – trotz Einschränkungen – den Optimismus behalten, einladend bleiben und Hoffnung zum Ausdruck bringen. Wir dürfen dankbar sein, an einem Ort leben und wirken zu dürfen, der so vielen Menschen etwas bedeutet. Das ist grossartig. Ich hoffe, dass uns gelingt, das nach aussen zu tragen.
Abt Ludwig Ziegerer wird am 20. September im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes die Abtsbenediktion – auch Abtsweihe gennant – aus der Hand von Bischof Felix Gmür erhalten. Mariastein befindet sich in einer Exklave des Kantons Solothurn, gehört also zum Bistum Basel.