Martin Kopp: «Kardinal Sodano wollte an Wolfgang Haas festhalten»

Als Kardinalstaatssekretär war Angelo Sodano der zweitmächtigste Mann im Vatikan. Der Spitzendiplomat hat viele Verdienste. Doch die Schweiz und Liechtenstein haderten mit ihm. Der Grund: sein Festhalten an Wolfgang Haas. Und die Strafversetzung des beliebten Nuntius Karl-Josef Rauber.

Raphael Rauch

Der Papst sei «sehr zufrieden mit der Wahl des Bischofs von Chur», sagte Bundespräsident Ignazio Cassis am 6. Mai in Rom nach einer harmonischen Audienz beim Papst.

Der Bundesrat intervenierte in Rom

Die Schweiz und der Heilige Stuhl sind neuerdings ziemlich beste Freunde. Das war nicht immer so – und hatte auch mit den Konflikten im Bistum Chur zu tun. Lange Zeit trübten die umstrittenen Bischöfe Wolfgang Haas und Vitus Huonder die Beziehungen zwischen Bern und Rom.

In den 1990er-Jahren spitzte sich der Konflikt im Bistum Chur zu. Die Unzufriedenheit mit Bischof Wolfgang Haas war gross. Der Bundesrat wurde aktiv. Bundesrat Flavio Cotti schickte seinen Spitzendiplomaten François-Charles Pictet immer wieder nach Rom, um die Unzufriedenheit der Eidgenossenschaft mitzuteilen. Später wurde Cotti auch persönlich vorstellig.

Sodano hielt an Haas fest

Und Rom reagierte. Zwar nicht sofort, aber Schritt für Schritt. Zunächst ernannte Papst Johannes Paul II. Erzbischof Karl-Josef Rauber zum Nuntius in Bern und schickte die Weihbischöfe Peter Henrici und Paul Vollmar als Troubleshooter ins Bistum Chur.

Doch Wolfgang Haas blieb auf der Churer Kathedra sitzen und spaltete nach wie vor das Bistum. Das hat auch mit dem machtbewussten Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano zu tun. 

Chiara Lubich wäscht Papst Johannes Paul II. den Kopf

Haas abzusetzen hätte bedeutet, öffentlich einzugestehen, einen Fehler gemacht zu haben. «Kardinal Sodano wollte an Wolfgang Haas festhalten», erinnert sich der Priester Martin Kopp, der Anfang der 1990er-Jahren zur Speerspitze des Anti-Haas-Protestes zählte. «Sodano gab die Parole raus: hart bleiben, nicht einknicken. Ihm ging es um Machtpolitik. Für die Menschen im Bistum Chur hat er sich nicht interessiert», sagt Kopp, der später Generalvikar für die Urschweiz wurde.

Chiara Lubich, Gründerin der ökumenischen Fokolar-Bewegung.

Den Kurswechsel ordnete schliesslich Papst Johannes Paul II. persönlich an. Wie der frühere Nuntius Karl-Josef Rauber kath.ch letztes Jahr erzählte, hatte Chiara Lubich Papst Johannes Paul II. überzeugt, dass Wolfgang Haas als Bischof untragbar sei. Und der Gründerin der Fokolar-Bewegung vertraute Johannes Paul II. mehr als den vielen Eingaben und Protestbriefen aus dem Bistum Chur.

«Verlagerung des Problems in unser Land»

Doch nach wie vor wollte der Heilige Stuhl an Wolfgang Haas festhalten. Haas’ Gegenspieler, der beliebte Nuntius Rauber, wurde aus Bern abberufen und musste nach Budapest. Der neue Nuntius Oriano Quilici wurde zu Sodanos willigem Vollstrecker.

1997 entschied Rom, aus dem Dekanat Liechtenstein das Erzbistum Vaduz zu erheben. Die Regierung in Liechtenstein reagierte auf diesen Schritt verschnupft. Und der damalige Dekan von Liechtenstein, Franz Näscher, reagierte alarmiert: Ihn «beunruhige» die Nachricht sehr, meldete er der Nuntiatur in Bern. Nun komme «eine Verlagerung des Problems in unser Land». Zugleich befürchte er, dass «vieles, was in unserem Dekanat aufgebaut werden konnte, zunichte wird».

Rauber: «Sodano wurde zornig»

Später sagte Karl-Josef Rauber in einem Interview: «Nach Ansicht von Sodano war Haas trotz des Widerstands der richtige Mann für Chur. Ich hatte mich mit allen Bischöfen beraten und 500 Personen angehört. Sodano wurde zornig, weil ich mir die Freiheit genommen hatte, die Bischöfe zu konsultieren, und erinnerte mich an eine Passage von Gregor dem Grossen, die besagt, dass man sich nicht in die Diözesen einmischen darf.»

Dass Wolfgang Haas so lange Bischof von Chur bleiben konnte und später nach Vaduz weggelobt wurde, hängt also auch mit dem Habitus von Angelo Sodano zusammen. Einem verdienten Vatikan-Politiker, der in vielen Weltregionen friedensfördernd wirkte – wenn auch nicht gerade in der Schweiz und in Liechtenstein.