Mit zehn Thesen gegen Antisemitismus – 75 Jahre Seelisberg-Konferenz

Die Seelisberg-Konferenz im Sommer 1947 gilt als die Wiege des jüdisch-christlichen Dialogs. Jules Isaac forderte damals, den Gottesmordvorwurf gegenüber den Juden zurückzunehmen. Bei Papst Johannes XXIII. fand diese Forderung schliesslich Gehör. Ein Interview mit Martin Steiner vom Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern.

Regula Pfeifer: Die Seelisberg-Konferenz wird als «Wiege jüdisch-christlichen Dialogs» bezeichnet. Wie kam es dazu, dass diese Konferenz in der Schweiz stattgefunden hat?

Martin Steiner*: Die Konferenz fand zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs statt. Deren Hauptorganisationen waren in den USA, Grossbritannien und der Schweiz angesiedelt. In der Schweiz war es die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft (CJA). Deshalb die Verbindung zur Schweiz. Neben den internationalen Verbindungen zu den schweizerischen Teilnehmenden sprachen weitere handfeste Gründe für den Standort Schweiz: vom Krieg verschont, bestand hier jene Infrastruktur, um überhaupt eine internationale Tagung auszurichten. Zudem waren die zentrale Lage in Europa und der Sitz internationaler Organisationen entscheidend. Dass gerade Seelisberg und nicht Zürich oder Genf den Zuschlag erhielt, hing neben der Kostenfrage schlicht damit zusammen, dass einer der beiden Sekretäre der Tagung, der Schweizer Pierre Visseur im Jahr 1946 im Hotel Kulm und Sonnenberg Ferien machte.

Was war das Ziel der Konferenz?

Steiner: Ziel war, den Antisemitismus auf allen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Ebenen zu bekämpfen. Dafür trafen sich rund 70 Personen aus 19 Ländern in Seelisberg im Kanton Uri. Die jüdischen Teilnehmenden machten die grösste Gruppe aus, gefolgt von den protestantischen Teilnehmenden. Katholisch waren nur neun Personen. Darunter waren zwei jüdische Konvertiten und eine Frau – Marie-Madeleine Davy, sie war Studiendirektorin an der École pratique des hautes études in Paris.

Wieso war die Konferenz notwendig?

Steiner: Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand weiterhin eine ungebrochene antisemitische Geisteshaltung in der Gesellschaft; trotz der Schoah, also dem Massenmord von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus.

Wer hat die Initialzündung für das Treffen gegeben?

Steiner: 1946 fand eine Vorkonferenz im britischen Oxford statt. Dort waren bereits dieselben Institutionen vertreten. Darunter war auch der presbyterianische US-Pastor Everett Clinchy. Er, der katholische Priester John Ross und Rabbiner Morris Lazaron waren bekannt als das Tolerance Trio, das seit 1928 durch die USA tourte, um sich für den interreligiösen Dialog einzusetzen. Die Teilnehmenden beschlossen eine Wiederholung des Treffens mit dem Fokus auf die Bekämpfung des Antisemitismus im Nachkriegseuropa – das schliesslich in Seelisberg stattfand.

Wer wurde eingeladen?

Steiner: Abgesehen von wenigen Organisationsvertretenden etwa der UNESCO, der UNO oder des Ökumenischen Rats der Kirchen wurden hauptsächlich Einzelpersonen angefragt. So etwa Personen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert hatten oder selbst zu Flüchtlingen geworden waren. Manche der Teilnehmenden hatten auch Familienmitglieder in der Schoah verloren. Zudem waren Expertinnen und Experten im Bereich Bildung und Antisemitismus eingeladen. Besonders wichtig war der französische Historiker und Antisemitismusforscher Jules Isaac.

Was tat Jules Isaac?

Steiner: Isaac hat 1943 ein bedeutendes Buch begonnen. Es hiess «Jésus et Israël». Das Buch wurde für Seelisberg wichtig, weil die späteren «Zehn Thesen von Seelisberg» darauf zurückgehen. Im Buch finden sich 28 Lehrsätze darüber, was sich in der Kirche und in der Theologie ändern muss, damit darin der Antisemitismus verschwindet. Daraus hat Jules Isaac 21 Thesen formuliert. Aus denen dann in der dritten Kommission der Seelisberg-Konferenz die bekannten zehn Thesen entstanden sind.

Was hat Jules Isaac gefordert?

Steiner: Der französische Historiker hat insbesondere den Gottesmordvorwurf gegenüber den Juden historisch und theologisch zurückgewiesen. Dabei spielte auch ein Gedanke aus dem Trienter Katechismus von 1566 ein Rolle, in dem es heisst, dass Christus für die Sünden aller Menschen gestorben ist. Theologisch konnte so gegen den Vorwurf der Kollektivschuld der Juden am Kreuzestod Christi argumentiert werden.

Was wurde daraus?

Steiner: Auf der Konferenz kam es zu einer Korrektur der antijudaistischen Lehre im Christentum. Insbesondere wurde der Gottesmordvorwurf gegenüber den Juden korrigiert. Gleichzeitig kam es zu einer Erinnerung an die jüdischen Wurzeln des Christentums, also daran, dass Jesus, Maria, die Apostel und ersten Märtyrer selbst Juden waren. Der französische Botschafter am Heiligen Stuhl, Jacques Maritain hat in einer Grussbotschaft an die Teilnehmenden in Seelisberg geschrieben: Der Antisemitismus sei eine Sünde. Solange Europa diese Sünde in sich trage, dürfe es sich nicht christlich nennen.

Gab es weitere herausragende Persönlichkeiten an der Konferenz?

Steiner: Ja, es trafen sich in Seelisberg viele wichtige Persönlichkeiten jener Zeit. Ich möchte den Grossrabbiner von Genf erwähnen, Alexandre Safran. Er wurde eingeladen, weil er es zuvor geschafft hatte, mehr als 300’000 Jüdinnen und Juden in Rumänien zu retten. Er musste 1947 unter der neuen kommunistischen Führung auswandern und wurde 1948 Grossrabbiner in Genf. Er setzte sich zeitlebens für den jüdisch-christlichen Dialog ein.

Weshalb konnte er so viele Juden retten?

Steiner: Wegen des politischen Systems in Rumänien. Als Grossrabbiner war er automatisch Mitglied des rumänischen Senats. 1940 wurde ihm zwar die Senatsmitgliedschaft entzogen, aber durch ein geschicktes und mutiges Vorgehen, konnte er sich bei kirchlichen und staatlichen Würdenträgern für die jüdische Bevölkerung einsetzten. So gelang es ihm nach Bitte beim Rumänisch-Orthodoxen Patriarchen Nicodim Munteanu, dass dieser bei Diktator Ion Antonescu erfolgreich für die Rücknahme des Tragens des Judensterns intervenierte. Durch diplomatische Netzwerke zur Königsmutter Elena und dem Nuntius konnte er eine Deportation der rumänischen Jüdinnen und Juden nach Transnistrien verhindern.

Was hat Alexandre Safran in Seelisberg eingebracht?

Steiner: Er war Teil der Kommission, welche die «Zehn Thesen» verabschiedet hatte. Allerdings ist schwierig zu sagen, welchen Aspekt da jeder Einzelne eingebracht hatte. Denn die Diskussionen wurden nicht protokolliert.

Welche Flüchtlingshelfer und -helferinnen waren noch anwesend?

Steiner: Aus der Schweiz war Clara Ragaz dabei. Sie war Pazifistin und Frauenrechtlerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts und sehr engagiert in der Flüchtlingshilfe. Clara Ragaz hat sich mit ihrem Mann Leonhard sehr eingesetzt für das jüdisch-christliche Verständnis. Sie zählt zu den bedeutendsten reformierten Teilnehmenden der Konferenz.

Was hat sie eingebracht?

Steiner: Clara Ragaz war Vizepräsidentin der Kommission, die sich um Aktionen im Bereich der sozialen staatsbürgerliche Dienste kümmerte. Diese Kommission verabschiedete – wie alle anderen Kommissionen – eine Resolution. Darin wurde etwa gefordert, die Flüchtlinge nicht nur als Last zu betrachten, sondern sie bei der Umschulung in industrielle und landwirtschaftliche Berufe zu unterstützen. An der Konferenz nahm auch die Schweizerin Gertrud Kurz teil, die als Flüchtlingsmutter bekannt war.

Was tat Gertrud Kurz?

Steiner: Die Flüchtlingshelferin hat während des Zweiten Weltkriegs öffentliche Vortragsreisen über die Judenverfolgung und den Antisemitismus gehalten. Sie forderte die Schweiz zu einer positiven Flüchtlingspolitik gegenüber jüdischen Menschen auf. An der Konferenz beteiligte sie sich an der Kommissionsdiskussion über die Beziehungen zu den Regierungsstellen.

Gab es Auseinandersetzungen auf der Konferenz?

Steiner: Es gab bei der Auswahl der Eingeladenen Vorbehalte gegenüber christlichen Teilnehmenden. Jüdische aber auch christliche Teilnehmende fürchteten, dass diese missionieren würden. Das geschah aber nicht, obwohl bei manchen christlichen Teilnehmenden durchaus eine traditionell judenmissionarische oder antijüdisch-missionarische Einstellung bestand.

Auf der Konferenz führte die Frage, wie der Antisemitismus bekämpft werden sollte, zu Konflikten. Viele christliche Teilnehmende sahen zu Beginn nicht ein, welche Bedeutung die Theologie und die Kirche bei der jahrhundertealten Tradition des Antisemitismus hatten. Dieses Unverständnis war für jüdische Teilnehmende, die Familienangehörige in der Schoah verloren hatten, unerträglich. Die Konferenz schaffte es schliesslich, die christliche Theologie und Lehre so zu überarbeiten, dass antisemitische Elemente entfernt wurden. Dank der «Zehn Thesen».

Haben Sie ein Beispiel für einen Konflikt?

Steiner: Die Kommission, welche die «Zehn Thesen» entwickelte, wurde vom französischen Kapuziner Calliste Lopino geleitet. Er verlangte: Auch die jüdischen Teilnehmenden müssten eingestehen, im jüdischen Unterricht schlecht über das Christentum gesprochen zu haben. Das war für die jüdischen Teilnehmenden eine unerhörte Anmassung – angesichts der Ermordung von Millionen von Jüdinnen und Juden. An diesem Punkt wäre die Kommission fast gescheitert. Doch Lopinot gab seinen Vorsitz ab und der Schweizer Charles Journet übernahm und konnte alles wieder glätten. Journet war Theologieprofessor an der Universität Freiburg i. Üe. und wurde später zum Kardinal ernannt.

Wie hat er den Konflikt gelöst?

Steiner: Die Kommission einigte sich darauf, dass es bezüglich religiöser Erziehung in den Schulen heisst: Im christlichen und jüdischen Religionsunterricht soll nichts gesagt werden, was die Beziehung der beiden Religionen zueinander stört.

Die zehn Thesen von Seelisberg

  1. Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und das Neue Testament zu uns allen spricht.
  2. Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Geschlechte Davids und dem Volke Israels geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.
  3. Es ist hervorzuheben, dass die ersten Jünger, die Apostel und die ersten Märtyrer Juden waren.
  4. Es ist hervorzuheben, dass das höchste Gebot für die Christenheit, die Liebe zu Gott und zum Nächsten, schon im Alten Testament verkündigt, von Jesus bestätigt, für beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehungen und ohne jede Ausnahme.
  5. Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erhöhen.
  6. Es ist zu vermeiden, das Wort «Juden» in der ausschließlichen Bedeutung «Feinde Jesu» zu gebrauchen oder auch die Worte «die Feinde Jesu», um damit das ganze jüdische Volk zu bezeichnen.
  7. Es ist zu vermeiden, die Passionsgeschichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der Tötung Jesu belastet seien. Tatsächlich waren es nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden allein sind dafür verantwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus für unser aller Sünden gestorben ist. Es ist allen christlichen Eltern und Lehrern die schwere Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie übernehmen, wenn sie die Passionsgeschichte in einer oberflächlichen Art darstellen. Dadurch laufen sie Gefahr, eine Abneigung in das Bewusstsein ihrer Kinder oder Zuhörer zu pflanzen, sei es gewollt oder ungewollt. Aus psychologischen Gründen kann in einem einfachen Gemüt, das durch leidenschaftliche Liebe und Mitgefühl zum gekreuzigten Erlöser bewegt wird, der natürliche Abscheu gegen die Verfolger Jesu sich leicht in einen unterschiedslosen Hass gegen alle Juden aller Zeiten, auch gegen diejenigen unserer Zeit, verwandeln.
  8. Es ist zu vermeiden, dass die Verfluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volksmenge: «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder» behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun», Worte, die unendlich mehr Gewicht haben.
  9. Es ist zu vermeiden, dass der gottlosen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das jüdische Volk verworfen, verflucht und für ein ständiges Leiden bestimmt sei.
  10. Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerwähnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.

Was wurde aus den «Zehn Thesen»?

Steiner: Der Initiant der Thesen, Jules Isaac, engagierte sich während seines ganzes Lebens für den Dialog. Er, der seine Frau und Tochter im Konzentrationslager verloren hatte, konnte bei Papst Pius XII. eine Audienz erwirken. Diese war aber nicht erfolgreich. 1960 erhielt Isaac eine knapp halbstündige Privataudienz bei Papst Johannes XXIII. Dabei übergab der inzwischen 83-jährige Jules Isaac dem nur wenige Jahre jüngeren Papst die «Zehn Thesen», den Auszug aus dem Trienter Katechismus und eine seiner Schriften. Dann fragte er den Papst, ob er hoffen könne, dass sich die katholische Kirche in ihrer Haltung zum Judentum ändern würde. Johannes XXIII. antwortete darauf: «Sie haben Recht auf mehr als eine Hoffnung.»

Setzte der Papst sein Versprechen um?

Steiner: Johannes XXIII. eröffnete das Zweite Vatikanische Konzil. Dort wurde ein Dekret über die Juden entwickelt. Daraus ist die Erklärung «Nostra aetate» entstanden. Die Geschichte von «Nostra aetate» und ihren Folgen ist seit langem bekannt. Weniger bekannt ist, dass in Seelisberg ein entscheidender Schritt der Annäherung zum Judentum begann. Jules Isaac und Johannes XXIII. verstanden sich übrigens auf der Audienz sofort sehr gut. Dazu ist die Vorgeschichte zu Papst Johannes XXIII. wichtig.

Welche Vorgeschichte hatte der Papst?

Steiner: Johannes XXIII. war zuvor für den Vatikan im diplomatischen Dienst in der Türkei und in Griechenland tätig. Dort erlebte er das Leid und die Hilflosigkeit von Schoah Überlebenden. Er half tausenden Jüdinnen und Juden bei der Beschaffung neuer Papiere, sowie mit Kleider- und Geldspenden für ihre Weitereise nach Palästina. Als Papst hatte er schnell die Worte «judaicam perfidiam» und damit den Passus der «treulosen Juden» aus der Feier der österlichen Liturgie gestrichen.

Wie reagierte die jüdische Seite auf das Engagement des Papstes?

Steiner: Dankbar und hoffnungsvoll. Die jüdischen Dialogpartner mussten sich aber Zeit nehmen, um zu prüfen, ob die katholische Kirche den eingeschlagenen Weg mit ihrem positiven Verhältnis zum Judentum wirklich ernst meint. Die «Zehn Thesen» sind übrigens bis in die letzten Jahre immer wieder erneuert und ergänzt worden, wie etwa in den Berliner Thesen 2009.

*Martin Steiner ist seit 2017 Assistent am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung der Universität Luzern. Er hat in Wien, Jerusalem und Fribourg Theologie studiert. Von 2016 bis 2019 war er gemeinsam mit Rabbiner Jehoschua Ahrens Projektmitarbeiter am SNF-Forschungsprojekt zum Thema «Die Konferenz von Seelisberg (1947) als ein internationales Gründungsereignis des jüdisch-christlichen Dialogs im 20. Jahrhundert» von Prof. Dr. Verena Lenzen am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern.

Im Rahmen der Veranstaltung 75-Jahre Seelisberg-Konferenz: Für Frieden zwischen den Religionen wird Martin Steiner am Dienstag, 19. Juli um 18.30 Uhr ein Impulsreferat in der Hofkirche Luzern halten zum Thema: Personen und Thesen der Seelisberg-Konferenz.