Aktuelle Nummer 23 | 2019
10. November 2019 bis 23. November 2019

Papst würdigt Marguerite Bays als «Heilige des Alltags»

Papst Franziskus hat die neuen Heiligen gewürdigt. Die heilige Marguerite Bays nannte in seiner Predigt ein Beispiel für «Heiligkeit des Alltags» und dafür, «wie mächtig das schlichte Gebet, das geduldige Ertragen, die stille Hingabe sind.»

In seiner Predigt betonte der Papst, dass alle Menschen der Rettung bedürften. «Es ist notwendig, dass wir vom Misstrauen gegenüber uns selbst, gegenüber dem Leben, der Zukunft geheilt werden; von vielen Ängsten; von den Lastern, die uns versklaven; von vielen Abschottungen, von Abhängigkeit und Anhänglichkeit: an das Spielen, das Geld, das Fernsehen, das Handy, das Urteil der anderen», sagte Franziskus.

Das Gebet, Medizin des Herzens

Er rief zudem zu Gebet und Dank auf. Danken nannte er ein «Gegenmittel gegen das Altern des Herzens»; Gebet «die Medizin des Herzens». Franziskus rief alle Christen auf, sich die insgesamt fünf neuen Heiligen zum Vorbild zu nehmen: «Bitten wir darum, so zu sein, liebes Licht inmitten der Finsternisse der Welt», so der Papst. «Der Glaube verlangt einen Weg, einen Aufbruch, wirkt Wunder, wenn wir aus unseren bequemen Gewissheiten hinausgehen, wenn wir unsere beruhigenden Häfen, unsere gemütlichen Nester verlassen», so Franziskus weiter. Glaube nehme mit der Hingabe zu und wachse mit dem Risiko. Zuvor hatte er die lateinische Formel gesprochen, die die fünf zum verehrungswürdigen Vorbild für Katholiken erklärt. Sie alle dürfen nun weltweit öffentlich verehrt werden. Zu der festlichen Zeremonie versammelten sich laut Vatikanangaben rund 50’000 Gläubige aus aller Welt auf dem Petersplatz.

Grosse Schweizer Delegation

Für die offizielle Wallfahrt nach Rom zur Heiligsprechung hatten sich rund 300 Pilger und Pilgerinnen aus der Schweiz angemeldet, wie Jean-Paul Conus, Präsident der Stiftung Marguerite Bays, der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Zusätzlich wollten rund 100 vor allem junge Menschen im Bus nach Rom reisen. Bischof Charles Morerod, Weihbischof Alain de Raemy und Bischofsvikar Jean Glasson vertraten das Bistum Lausanne, Genf und Freiburg im Vatikan. Begleitet wurden sie vom Basler Bischof Felix Gmür, dem Präsidenten der Schweizerischen Bischofskonferenz und Peter Bürcher, dem Apostolischen Administrator des Bistums Chur.  Zur Behördendelegation aus der Schweiz gehörten Justizministerin Karin Keller-Sutter, der Freiburger Staatsratspräsident Jean-Pierre Siggen und Staatsrat Didier Castella. Auf dem Petersplatz wohnten neben den Delegationen aus den Heimatländern der neuen Heiligen Tausende Pilgerinnen und Pilger den Heiligsprechungen bei.

Wünsche an den Papst

Keller-Sutter hatte vor der Zeremonie Papst Franziskus die besten Wünsche des Bundesrates überbracht, wie das Justiz- und Polizeidepartement mitteilte. Der Päpstlichen Schweizergarde im Vatikan stattete Keller-Sutter eine Stippvisite ab. Brasilien sandte den Vize-Präsidenten, Hamilton Martins Mourao; für Italien kam Staatspräsident Sergio Mattarella. Für das britische Königshaus nahm Prinz Charles teil; zudem waren sieben offizielle Vertreter der Anglikaner angereist.

Der Weg der Liebe

Neben Marguerite Bays, die nicht in ein Kloster eintrat, aber Mitglied des Dritten Ordens der Franziskanierinnen war, sind unter den neuen Heiligen drei Ordensfrauen. Sie zeigten, dass «Ordensleben ein Weg der Liebe an den existenziellen Rändern der Welt ist», sagte Franziskus.  Während der Sonder-Bischofssynode zur Amazonasregion sprach Franziskus die brasilianische Ordensschwester Dulce Lopes Pontes (1914-1992) heilig. Sie gilt als «brasilianische Mutter Teresa» und war 1988 Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Weitere neue Heilige sind die Ordensgründerinnen Maria Teresa Chiramel Mankidiyan (1876-1926) aus Indien und die Italienerin Giuseppina Vannini (1859-1911). Den heiligen Kardinal Newman, der vom anglikanischen Theologen zum Katholizismus konvertierte, würdigte das Kirchenoberhaupt mit einem Zitat: «Der Christ ist heiter, zugänglich, freundlich, sanft, zuvorkommend, lauter, anspruchslos; er kennt keine Verstellung». (cic/sda)

 

Kommentar von Martin Spilker, Redaktion kath.ch

Die neuen Heiligen – vier Frauen und ein Mann – verbindet sicher eines: Ein tiefer Glaube und der Wille, diesem im eigenen Leben mit den je eigenen Fähigkeiten Ausdruck zu geben. Wenn eine davon, eine einfache Frau aus dem Kanton Freiburg nun weltweit als Vorbild im Glauben und der Kirche verehrt werden darf, ist das bemerkenswert. Marguerite Bays (1815-1879) lebte natürlich in einer ganz anderen Zeit. Für sie, die als stille Schafferin, engagierte Helferin und Begleiterin sowie als tiefgläubige Frau beschrieben wird, drehte sich ihr ganzes Leben um ihre Familie, ihr Dorf, ihre Pfarrei. – Welch ein Unterschied zum Alltag heute! Das tägliche Gebet, geschweige denn der regelmässige Gottesdienstbesuch sind – der Schreibende eingeschlossen – die Ausnahme.

Aber muss sich die Kirche deswegen fürchten? Nein, das muss sie nicht. Das Bedürfnis nach Spiritualität, nach der Auseinandersetzung mit dem, was sich nicht fassen lässt, ist da. Die Art und Weise des Ausdrucks unseres Glaubens verändert sich jedoch. Neue Formen des Gebetes und der Feier entstehen. Der Wunsch, sich für «etwas Sinnvolles» einzusetzen, ist bei vielen Leuten gross. Es ist gut, dass dafür neue Räume entstehen. Und es ist ebenso gut, dass Traditionen bestehen bleiben. Denn sie geben Halt. Noch nie lebten wir in einer so bunten und vielfältigen Gesellschaft. Die Welt ist zum Dorf geworden. Aber dieses Dorf ist alles andere als so übersichtlich wie der Lebensraum von Marguerite Bays. Verunsicherungen prägen den Alltag. In diese Wirklichkeit hinein den Glauben zu verkünden und vorzuleben ist eine Herausforderung.

Dem stellen sich auch heute zahlreiche Menschen. Es sind auch heute Leute von nebenan. Die Pilger aus dem Kanton Freiburg verspürten eine grosse Dankbarkeit, den Feierlichkeiten in Rom beiwohnen zu dürfen. Sie tragen diese Eindrücke und damit auch die Kraft, die für sie von Marguerite Bays ausgeht, in ihren Alltag zurück. Das wirkt. Und es lädt dazu ein, die Einfachheit des Glaubens immer wieder neu zu entdecken.