Rutishauser: Freude an Heiligsprechung von Acutis darf nicht «mit Kollateralschäden für Juden» einhergehen

Carlo Acutis starb 2006 im Alter von 15 Jahren an Krebs. 2020 wurde er seliggesprochen. Anhänger aus aller Welt verehren ihn seither – als frommes Computergenie. Am kommenden Sonntag wird der Italiener von Papst Leo XIV. heiliggesprochen.

Online-Sammlung eucharistischer Wunder

Schon als Kind beeindruckte Carlo durch eine tiefe Religiosität. So besuchte der Junge täglich die Messe und entwickelte eine ausgeprägte Liebe zur Eucharistie. Und er zeigte eine aussergewöhnliche Begabung für Informatik. Als 11-Jähriger begann Carlo Acutis, ein Online-Verzeichnis weitweiter eucharistischer Wunder zu erstellen.

Darin sind zurzeit über 130 solcher Wunder verzeichnet, die sich in den vergangenen Jahrhunderten ereignet haben sollen. Einige der Wunder werden auch in einer Ausstellung präsentiert, die bereits in Tausenden von Pfarreien weltweit zu Gast war, wie auf der Webseite des Online-Verzeichnisses nachzulesen ist.

Unzerstörbare Hostien

Der Jesuit Christian Rutishauser hat sich kritisch mit dem Verzeichnis auseinandergesetzt. Carlo Acutis präsentiere im Verzeichnis viele mittelalterliche Wunderlegenden: «Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt, werden von bösen Feinden mit physischer Gewalt vergebens zu vernichten versucht. Hostien werden geschändet, doch sie erweisen sich als unzerstörbar», umschreibt er den Kern der Legenden in einem Beitrag auf dem Portal «Feinschwarz».

Aus ihnen fliesse dann «Blut zum Zeugnis, dass sie Leib Christi sind, oder sie verwandeln sich in eine Realpräsenz des Auferstandenen, indem sie leuchten und fliegen».

Kampf zwischen Gut und Böse

Solche Legenden seien besonders ab dem 13. Jahrhundert verbreiten worden, so Rutishauser. Als die Kirche sich genötigt gesehen habe, das Wandlungswunder der Messe durch die Transubstantiationslehre rationalistisch zu erklären.

Der dramatische Kampf zwischen Gut und Böse, der diesen Hostienfrevelgeschichten eingeschrieben sei, wie auch das magische Verständnis einer Speise, die sich in göttliche Nahrung verwandelt, scheine nicht nur die Menschen von damals angesprochen haben, stellt der Jesuit fest.

Christlicher Antijudaismus

Die Verantwortlichen in der Kirche dürften heute damit nicht unkritisch und unflektiert umgehen, mahnt Rutishauser. Denn in der Geschichte hätten die «Hostienwundernarrative» immer wieder zu Gewalt geführt: «Frauen, als Hexen stigmatisiert, ketzerischen Protestanten und im Mittelalter den Juden wurden die Hostienschändungen vorgeworfen.»

Die vom baldigen Heiligen gesammelten Wundererzählungen seien «historisch gesehen oft Teil des christlichen Antijudaismus», so Rutishauser. «Sie aktualisieren den Gottesmordvorwurf.» So wie die Juden einst Christus getötet hätten, würden sie ihn nun in der Hostie wieder töten. Die Erzählungen seien oft Motivation für Pogrome gewesen. In Brüssel seien etwa nach dem Hostienwunder von 1370 an die 20 Juden ermordet worden.

Rutishauser ist Experte für den jüdischen-christlichen Dialog, unter anderem ist er Berater des Papstes für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Texte neutralisiert

Er hat festgestellt, dass in den Erzählungen der Sammlung von Carlo Acutis der Begriff «Jude» nicht vorkommt, sie seien neutralisiert und damit «nicht direkt antijudaistisch bzw. antisemitisch».

Beim Hostienwunder von Paris (1290) etwa wird der Hostienfrevler als «Ungläubiger» bezeichnet, «der die christliche Religion verachtete und die Gegenwart Christi in der Eucharistie leugnete».

Obschon die Texte «von Juden rein gemacht» worden seien, verletzen die Erzählungen nach Ansicht von Rutishauser «die kollektive, jüdische Erinnerung, denn die Verfolgung durch Christen, die mit den eucharistischen Wundern legitimiert wurde, ist fest im Geschichtsbewusstsein des jüdischen Volkes verankert.»

Kirche soll Gläubige aufklären

Der Experte räumt ein, dem jugendlichen Acutis mögen diese Zusammenhänge nicht voll bewusst gewesen sein. Und auch der Antisemitismus speise sich heute nicht direkt aus dessen Frömmigkeit.

Dennoch sei es Aufgabe der Kirche, die Gläubigen aufzuklären und ihnen den historischen Kontext dieser Wundergeschichten bewusst zu machen, fordert Rutishauser. Er warnt vor einem latenten Antijudaismus, der das Denken und Handeln unbewusst prägen könne.

Zudem sollten die Dialogverantwortlichen der Kirche aktiv auf die jüdischen Partner zugehen. «Die christliche Glaubensfreude an der Heiligsprechung von Acutis darf nicht mit Kollateralschäden für die Juden einhergehen», schreibt der Experte.

Dies war demnach bei Edith Stein der Fall, deren Selig- und Heiligsprechung habe bei den Juden starke Irritation ausgelöst. Die Ordensfrau wurde von den Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Abstammung ermordet. (kath.ch)