Aktuelle Nummer 24 | 2017
12. November 2017 bis 25. November 2017

Tagsatzung: Vielfalt der Reformationen

Die Reformation von Luther hat diejenige von Zwingli in den Schatten gestellt. Dies sagte der Theologe Erwin Koller am Samstag an einer Tagung. Der Journalist warnte indes davor, nur die Reformation von Luther zu sehen. In der Tat, der Anlass in Luzern zeigte die ganze Vielfalt der Reformationen.

Walter Ludin

Erwin Koller äusserte sich an einer öffentlichen Tagung, die der Verein "tagsatzung.ch" unter dem Titel "Reformationen und Reformen der Kirchen" organisiert hatte. Zahlreiche Bewegungen des Aufbruchs gingen den Reformationen voraus. Koller nannte in seinem Einführungsreferat unter anderem die "urbanen Orden" der Dominikaner und Franziskaner sowie die Mystiker und Mystikerinnen. Dass aus Martin Luthers Reformation eine Kirchenspaltung entstand, sei "dem Unverständnis der Bischöfe und des Papstes sowie Luthers Ungeduld" (Erwin Iserloh) zuzuschreiben, sagte der Theologe vor 70 Personen.

Mehr Zwinglianer als Lutheraner

Koller, der die Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche präsidiert, erwähnte die verschiedenartigen Formen der Reformation. Jene von Luther habe die Reformation von Zwingli in den Schatten gestellt. Dabei gäbe es weltweit mehr Zwinglianer als Lutheraner.

Nicht theologische, sondern machtpolitische Überlegungen hätten schliesslich zur Reformation des englischen Königs Heinrich des VIII. geführt, dem "ersten Brexit". Jean Calvin in Genf habe "die Reformation welt- und geschichtsfähig gemacht" (Karl Barth). Die schottische Reformation von John Knox stützte sich sodann auf die Schriften von Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger.

Als sechste Reformation nannte Erwin Koller – für viele wohl etwas überraschend – das Konzil von Trient, das als Zentrum der "Gegenreformation" gilt. Das Tridentinum habe zwar viele Anliegen der Reformationen abgelehnt, aber auch etliche ihrer Impulse aufgenommen.

Den eigenen Verstand benutzen

Christina Aus der Au Heymann war der zweite Gast an der Tagung in Luzern. Die Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin und Wittenberg skizzierte, wie die Aufklärung die Anliegen der Reformatoren weiterentwickelte. Dabei gab die Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung an der Universität Zürich einen kurzen Überblick über die Entwicklungen nach der Reformation.

Sie erinnerte daran, dass sich in Deutschland die Konfessionen im Augsburger Religionsfrieden von 1555 versöhnten und die Losung "Nie wieder Krieg aus religiösen Gründen" herausgaben. Dennoch sei es wegen des "Prager Fenstersturzes" zum Dreissigjährigen Krieg gekommen, bei dem rund 40 Prozent der Bevölkerung getötet wurden.

Einer der Kriegsteilnehmer war René Descartes, wie die Thurgauer Theologin weiter ausführte. Nach Frankreich zurückgekehrt, ging er der Frage nach, was allen Menschen, ungeachtet ihrer Konfession gemeinsam sei. Den Weg zu einer Antwort fand er im vernünftigen Nachdenken des Individuums: "Cogito, ergo sum/Ich denke, also bin ich." Dann formulierte Immanuel Kant als "Wahlspruch der Aufklärung" den Satz: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Legitime Vielfalt des Glaubens

Aus den nachreformatorischen Impulsen zog Christina Aus der Au Heyman Konsequenzen, wie sie in den Kirchen der Reformationen gelebt würden: Selber denken: "Wir selber sind unfehlbar." Und: "Jeder Christ ist ein Theologe" (Luther).

In der Podiumsdiskussion, die vom Tagsatzungspräsidenten Bruno Strassmann geleitet wurde, diskutierten die Referentin und der Referent Anregungen für das heutige Leben der Kirchen. Der christliche Glaube sei durch eine reiche Vielfalt geprägt. Seine vielfältigen Ausdrucksformen seien legitim, wenn sie nicht von Machtdenken geleitet seien, betonte Erwin Koller. Das Verbindende sei die Predigt Jesu vom Reich Gottes.

Nicht jammern

Erwin Koller legte schliesslich zehn Thesen in schriftlicher Form vor. Die letzte lautete: "Kooperation der Kirchen ist die Norm, Alleingang die Abweichung." Christina Aus der Au Heymann, welche die Thesen zu ergänzen oder zu korrigieren hatte, betonte: "Unbedingt! Und doch müssen wir über einige Punkt in streitbarem Gespräch bleiben."

Stimmen aus dem Publikum forderten, in der Ökumene "von unten her zu stossen" und daran zu denken, dass viel mehr möglich ist, als man annimmt. Zum Schluss gab Christina Aus der Au Heymann die Losung aus: "Nicht jammern. Gottvertrauen und Mut haben. Dann wird es schon gut."

tagsatzung.ch