Warum werden Mönche und Ordensfrauen so alt in den Klöstern?
Die brasilianische Nonne Inah Canabarro Lucas verstarb im März diesen Jahres im Alter von sage und schreibe 116 Jahren und 326 Tagen. Lucas war im Alter von 110 Jahren noch von Papst Franziskus gesegnet worden. Sie war nach der 2023 im Alter von 118 Jahren verstorbenen französischen Nonne Lucile Randon die zweitälteste Geistliche der Welt.
Nicht alle Ordensfrauen und Mönche werden so alt. Doch das Ordensfrauen und Mönche sehr alt werden können, wird ersichtlich, wenn man sich die Altersstruktur in Klöstern vor Augen führt. Auch in schweizerischen Klöstern.
86 Jahre Altersdurchschnitt bei Dominikanerinnen
Im Dominikanerinnen-Kloster in Ilanz beispielsweise leben aktuell beispielsweise noch 61 Ordensfrauen. Ihr Altersdurchschnitt (!) beträgt 86 Jahre, berichtet Schwester Annemarie Müller (61), Generalpriorin, gegenüber kath.ch. Auch wenn rund die Hälfte der Ordensfrauen im klostereigenen Pflegeheim untergebracht sind, erscheint diese Altersstruktur erstaunlich.
Im Kloster Fahr leben derzeit gemäss Priorin Irene Gassmann 17 Benediktinerinnen – im Alter zwischen 60 und 92 Jahren. «Nur zwei Schwestern sind noch nicht im AHV-Alter. Die Hälfte der Schwestern ist über 80-jährig.»
«Mönche werden alt»
Auch in Männerklöstern leben teilweise betagte Mönche. «Unsere Gemeinschaft hat einen Durchschnitt von 69», sagt Abt Christian Meyer vom Benediktiner-Kloster Engelberg. «Unser Tochterkloster hat einen Durchschnitt von 47. Der gemeinsame Durchschnitt beträgt 58 Jahre.»
Jüngst am 25. November konnte der ehemalige Abt Berchtold Müller seinen 85. Geburtstag im Kloster Engelberg feiern. 22 Jahre stand er der Klostergemeinschaft vor. «Mönche werden alt», bestätigt Abt Christian, der in seinem Kloster schon zwei knapp hundertjährige Mönche erlebte.
Im Benediktiner-Kloster Einsiedeln «liegt das Durchschnittsalter unserer Gemeinschaft bei 39 Mitgliedern bei 62 Jahren», so der Informationsbeauftragte Pater Lorenz Moser.
Bei Mönchen Altersdurchschnitt niedriger
Dass bei Männerklöstern der Altersdurchschnitt geringer ausfällt als bei Frauenklöstern, liegt laut Abt Christian vom Kloster Engelberg daran, «dass immer wieder Eintritte von neuen Personen in die Klostergemeinschaft zu verzeichnen sind, während dies in den Frauenklöstern so gut wie kaum mehr der Fall ist.» Im Dominikanerinnen-Kloster in Ilanz ist beispielsweise seit 1989 keine Frau mehr auf Dauer ins Kloster eingetreten.
Doch zurück zu den älter werdenden Mönchen und Ordensfrauen. Warum lässt es sich im Kloster offensichtlich gut alt werden – gestaltet sich doch das Leben hinter den Klostermauern zumeist asketischer als draussen vor der Klosterpforte?
«Als Konvent mit vorwiegend betagten Mitschwestern haben wir einen prophetischen Auftrag», sagt Priorin Irene Gassmann vom Kloster Fahr. In der Heilsgeschichte seien bei Übergängen oftmals betagte Menschen wie etwa Sara und Abraham, Zacharias und Elisabeth, der greise Simeon und die Prophetin Hanna im Vordergrund gestanden. «Unsere Kirche und somit auch die Klöster stehen ebenso an einem Übergang. Diese Zeit zu leben und zu gestalten ist kostbar und wichtig», so Schwester Irene. «Das gibt Hoffnung und Sinn für unser Dasein. Wir bereiten «Boden» für das Kommende.»
Etwas bodenständiger erklärt sich Schwester Annemarie vom Dominikanerinnen-Kloster Ilanz das klösterliche Altersphänomen. «Wir leben einen regelmässigen Tages-, Wochen- und Jahres-Rhythmus gemäss dem Kirchenjahr und den Jahreszeiten – dies gibt uns eine Struktur und vermittelt uns Sinn und Freude.» Gleichzeitig stärke das spirituelle Leben das menschliche Vertrauen.
«Der Glaube und das Gebet spielen eine tragende Rolle in unserem Alltag – in dem wir alles empfangen und hinlegen können. Nicht zuletzt erleben wir eine gewisse Sicherheit – wir sorgen füreinander, wir stehen ein für die Gemeinschaft.»
Abt Christian Meyer vom Kloster Engelberg glaubt auf der einen Seite ebenfalls, dass es der geordnete Tagesablauf der Mönche und Ordensfrauen ist, «der dem Körper sicher guttut».
Jeder hat noch eine Aufgabe im Alter
Auf der anderen Seite habe eben jeder im Kloster auch im Alter noch eine Aufgabe. Es sei gewährleistet, «dass wir so als Mönche bis ins hohe Alter, ja bis es nicht mehr geht, einfach herumwerkeln und kleinere und grössere Aufgaben erfüllen können. Das hält einen auch etwas fit.»
Gleichwohl sind die Gründe für das Altwerden in Klostergemeinschaften vielfältig. Davon ist Pater Lorenz Moser vom Kloster Einsiedeln überzeugt. Neben dem geregelten Tagesablauf nehme die Klostergemeinschaft dem einzelnen Klostermitglied auch verschiedene Sorgen ab – wie etwa Geldsorgen und Altersvorsorge.
«Die Verankerung in Gott und damit das Getragensein vom Glauben spielt sicher auch eine wichtige Rolle», so Pater Lorenz. Die Hirnforschung belege sogar, dass die religiöse Ausrichtung eines Menschen sich positiv auf dessen Gesundheit auswirken könne. «Entscheidend für das Wohlbefinden des Einzelnen im Kloster ist jedoch die Identifikation mit dieser Lebensform und der konkreten Gemeinschaft.»
Eine allgemeingültige Antwort fürs Altwerden von Mönchen ist für Mariano Tschuor vom Kloster Mariastein nicht möglich. Dort leben heute noch zusammen mit Abt Ludwig Ziegerer zwölf Patres und Brüder. Der Älteste ist 89 Jahre alt, der Jüngste 66 Jahre alt.
«Klöster sind in der Regel von Rücksichtnahme und Achtsamkeit geprägt. Konflikten wird eher ausgewichen als sie offen auszutragen», so Tschuor. «Der emotionale Stress ist oft geringer als im weltlichen Berufsleben. Existenzielle Sorgen fallen weg, auch wenn bescheiden gelebt wird.» Ältere Ordensmitglieder würden gemäss ihren Regeln besondere Fürsorge erhalten. «Entscheidend ist und bleibt jedoch die individuelle psychische und körperliche Verfassung.» (kath.ch)