Aktuelle Nummer 2 | 2020
25. Oktober 2020 bis 07. November 2020

Wir stehen am Anfang des Weges

Die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), eine Delegation des Frauenrates der SBK und eine Delegation des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes (SKF) trafen sich am 15. September 2020 anlässlich der 329. ordentlichen Vollversammlung der SBK in Delémont/JU. Die Begegnung fand im Rahmen des Prozesses «Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche» statt. Von den gemeinsam von SBK und SKF anvisierten Zielen konnten nicht alle erreicht werden. Fruchtbar war die Begegnung trotzdem.

Die SKF-Delegation setzte sich aus Frauen aus dem ganzen Verband zusammen. Die Ortsvereine vertraten Annemarie Mattioli (Frauenverein, Horgen), Christiane Talary (Frauen für Frauen, Leimbach) und Ursi Camenzind (Frauengemeinschaft Muolen). Catherine Ulrich und Marie-Christine Conrath nahmen als Einzelmitglieder teil und vertraten die Frauen des Netzwerks «Le Réseau des femmes en Église», das sich im Bistum Genf-Lausanne-Fribourg engagiert. Miriam Christen-Zarri nahm als Präsidentin des Kantonalverbands Uri teil. Angelika Hecht repräsentierte den Kantonalverband Zürich, Jacqueline Bollhalder den Kantonalverband St. Gallen-Appenzell. Die Perspektive des Dachverbandes brachten Präsidentin Simone Curau-Aepli, Vorstandsmitglied Iva Boutellier sowie Silvia Huber, SKF-Beauftragte für Theologie, ein. Die Delegation der SBK bestand aus ihren Mitgliedern sowie zwei Vorstandsmitgliedern des von der SBK eingesetzten Frauenrates, vertreten durch Marlies Höchli-John und Claudia Ibarra Arana.

Ein historisches Treffen

Wenngleich jeder der Bischöfe zum Thema der Erneuerung schon im Dialog mit Frauen und Männern steht und Vertreterinnen des SKF mit einzelnen Bischöfen Gespräche führten, insbesondere mit Bischof Denis Theurillat, zuständig für das Thema Frauen in der Kirche und Präsident des SBK-Frauenrates, so sei dieses historische Treffen von SBK, SKF und Frauenrat eine Premiere, betonte Bischof Felix Gmür. Die Delegationen waren sich einig, dass eine Erneuerung ohne den Einbezug von Frauen nicht möglich sei, wenngleich die Positionen des SKF nicht die Haltungen aller Frauen in der katholischen Kirche repräsentierten. Vier Workshops, basierend auf Zitaten aus dem nachsynodalen apostolischen Schreiben «Querida Amazonia» von Papst Franziskus bildeten das Herzstück der Begegnung in Delémont. Die Quintessenz der Passagen 99 bis 103, die von der Stellung und Bedeutung der Frau in der katholischen Kirche handeln, wurde von einer gemeinsamen Vorbereitungsgruppe der SBK und des SKF in vier Sätzen zusammengefasst, in gemischten Gruppen diskutiert und anschliessend im Plenum zusammenfassend vertieft. Bedauert wurde die Abwesenheit von Weihbischof Denis Theurillat, der die Vorbereitung der Begegnung wesentlich mitgetragen hatte, sich jedoch am Vortag bei einem Sturz den rechten Arm verletzte und deswegen nicht an der Begegnung teilnehmen konnte.

Ziele noch nicht erreicht, dennoch zielführend

SBK und SKF nutzten das Treffen, um sich besser kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen. Die Workshops hätten gezeigt, dass SBK und SKF gewillt sind, der Perspektive der anderen mit wohlwollender Neugierde zu begegnen. «Die Tatsache, dass dieser Tag stattgefunden hat, war wichtig. Einander wahrzunehmen, im Verständnis wie auch im Unverständnis, ist wichtig», meinte der Präsident der SBK, Bischof Felix Gmür. Die Erwartungen an eine aufbauende und lebendige Kirche, in der sich alle gleichwertig, respektvoll und offen begegnen, wurden diskutiert, konnten aber noch nicht konkretisiert werden. Das Gleiche gilt für die Formulierung von Erwartungen an den Prozess «Gemeinsam auf dem Weg für die Erneuerung der Katholischen Kirche in der Schweiz» und den Umgang damit.

Sowohl die nächsten Schritte bei der Fortsetzung des Dialogs zwischen SBK und SKF wie auch der Erfolg des angestrebten Erneuerungsprozesses würden daran gemessen werden, wie die SBK mit den neuen Erkenntnissen umgehe, prognostizierte Miriam Christen-Zarri. Eine gemeinsame Medienkonferenz sowie ein bereits geplantes Auswertungsgespräch Mitte Oktober sind gesetzte Meilensteine auf dem weiteren gemeinsamen Weg.

Stimmen von Frauen als Stimmen der Mit-Entscheidung

Es herrschte weitgehend Konsens darüber, dass die Frauen in Dienstämtern und vor allem in Leitungsfunktionen innerhalb der römisch-katholischen Kirche mehr Platz einnehmen müssen. Alle Teilnehmenden würdigten, dass dies in einzelnen Bistümern schon konkret umgesetzt werde. Der SKF hob hervor, dass diese Entwicklung weiter gefördert werden müsse, «weil die Leitungsgewalt kirchenrechtlich an das Weiheamt gebunden ist. Frauen (und nicht geweihte Männer) werden dadurch von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen», so Iva Boutellier.

In den Gesprächen wurde auch verschiedentlich die Herausforderung erwähnt, auf diesem Gebiet sowohl in der Treue zur Offenbarung in den Heiligen Schriften und ganz besonders in den Worten und Taten Jesu als auch im Rahmen der universalkirchlichen Vorgaben eine Erneuerung der Kirche zu bewirken. Simone Curau-Aepli mahnte die Bischöfe, ihre Verantwortung wahrzunehmen, um für gesunde und zeitgemässe Strukturen in der Kirche zu sorgen.

Den Schmerz der Frauen anerkennen

Den Vorwurf, der SKF sei primär an der Machtfrage interessiert, bestritten seine Vertreterinnen mit Vehemenz. Ihr Antrieb sei der Wille, Verantwortung in der römisch-katholischen Kirche zu übernehmen. Erneuerung führe aus ihrer Sicht an einer partizipativen Gestaltung der Kirche nicht vorbei. Viele Frauen schmerze es zudem tief, nur als Bittstellerinnen oder Beraterinnen zu fungieren. Die Frauen dürfen sich nicht damit zufriedengeben, dass Männer über Frauen sprechen, statt sie mit ihrer eigenen Stimme sprechen zu lassen. «Solange wir nicht über die Verletzungen der Vergangenheit sprechen, können wir nicht in eine gesunde gemeinsame Zukunft starten. Es braucht viel Empathie», befand Karin Ottiger, Co-Geschäftsleiterin SKF.

Verbindlichkeiten für den Wandel

«Die Bistümer können nicht darauf hoffen, dass alles unverändert bleibt», so Bischof Charles Morerod, «denn wir sind nicht mehr glaubwürdig. Wir müssen gemeinsam umkehren. Wir brauchen einen Wandel. Ich muss aber auch eingestehen, dass ich im Moment nicht weiss, wie und was wir konkret ändern könnten.»

Echter Dialog bedeute, ein Risiko einzugehen und klüger zu werden. Dazu seien Raum für Ideen und Mut zu Experimenten nötig, so die Kommunikationsspezialistin Gaby Wyser, die die Begegnung moderierte. «Heute sind alle von uns das Risiko eingegangen, klüger zu werden. Diese Kultur wollen wir gemeinsam weiter pflegen, uns wieder treffen und überprüfen, wo und wie wir uns konkret für diese Erneuerung weiter einsetzen», ermutigte Simone Curau-Aepli.

 

«Diese Mauer ist aus Angst gebaut. Und das tut weh»

(kath.ch) Der erste Schritt ist getan: Die Schweizer Bischöfe haben sich mit einer Frauendelegation getroffen. Das Treffen habe viel gebracht, sagt Simone Curau-Aepli* – auch wenn sie zwei Dinge von den Bischöfen nicht mehr hören will.