Zwischen Stille und Licht – Reformierte und Katholiken beten für Opfer von Crans-Montana
Selten hatte die Kathedrale von Sitten eine solche Stille erlebt. Eine tiefe Stille. So tief, dass man jede Bewegung der Gläubigen auf den Bänken hören konnte. Sie schien viel länger zu dauern als die fünf Minuten, die sie tatsächlich dauerte. Ein Eindruck, der zweifellos durch die Dunkelheit, in die die Kathedrale getaucht war, noch verstärkt wurde.
Zuvor hatte Pablo Pico, der Pfarrer von Lens, einige Eindrücke von den vier Tagen geschildert, die er im Krisenstab im Kongresszentrum von Crans-Montana verbracht hatte. Die nüchterne Schilderung seiner Tätigkeit als Seelsorger für die Angehörigen der Opfer bewegte die Anwesenden. Spontan folgte eine andächtige Stille auf die Beschreibung der dramatischen Momente des Wartens, des Schmerzes der Angehörigen und «dieses langen Karfreitags ohne das Licht von Ostern», wie sie der Priester vor einigen Wochen gegenüber cath.ch zum Ausdruck gebracht hatte.
Eine Pause im Ablauf dieser ökumenischen Feier, die genau einen Monat nach dem Brand in der Bar «Le Constellation» stattfand, bei dem am 1. Februar das 41. Opfer zu beklagen war.
Nach Aussagen der Gläubigen, die nach der Feier am Fusse der Kathedrale bei einem Glühwein zusammenkamen, prägten diese beiden Momente die ökumenische Andacht. Mit ihrer Anwesenheit wollten sie «diese Solidarität» verkörpern und «im Gebet zusammen sein», wie es Bischof Jean-Marie Lovey zum Zeitpunkt der Tragödie formuliert hatte.
«Wissen Sie, in unserem Wallis haben wir die Kraft des Glaubens», sagt Odette bewegt. Hélène hat um Trost für die Familien der Opfer gebetet: «Sie waren im Alter meiner Enkelkinder!» «Man fühlt sich in solchen Situationen so hilflos, dass man den Schmerz nur im Gebet teilen kann», sagt Anne. «Und dann war da diese ohrenbetäubende Stille!»
Alle vereint im Gebet
Dies gemeinsam mit den Protestanten zu erleben, sei ein Pluspunkt gewesen, so Anne. «So waren wir alle vereint im Gebet.»
In Begleitung von Josef Stübi, Weihbischof von Basel, und dem Abt von Saint-Maurice, Alexandre Ineichen, empfing Jean-Marie Lovey im Chor der Kathedrale Sara Schulthess, Pfarrerin der protestantischen Pfarrei von Sitten, Gilles Cavin, Präsident der Synode der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz, sowie den Präsidenten des Synodalrats Stephan Kronbichler.
Zur Eröffnung der Feier verlas Lovey eine Botschaft von Papst Leo XIV., die sich speziell an die Gläubigen und darüber hinaus an die Angehörigen der verstorbenen und verletzten Opfer richtete.
Nicht allein in Trauer und Leid
Oft komme nach der Beerdigung eines Menschen die Gemeinde zusammen, manchmal sieben, manchmal 30 Tage später, fuhr der Bischof von Sitten fort. «Dies soll sowohl das Bedürfnis zum Ausdruck bringen, das wir alle verspüren, um sicherzugehen, dass wir mit unserer Trauer und unserem Leid nicht allein sind, als auch den Trost, dass wir in diesen so schwierigen Situationen aufeinander zählen können.»
Sara Schulthess begrüsste die Anwesenden im Namen der Evangelisch-reformierten Kirche ebenfalls auf Deutsch und brachte ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, «dass wir diesen Moment gemeinsam erleben dürfen, im Gebet, in Tränen, in Hoffnung».
Durch die Anwesenheit der Gläubigen beider Kirchen hat Lovey einen Akt des Glaubens vollzogen, denn «Gott ruft uns, und wir wenden uns ihm zu», einen Akt der Hoffnung: «Unser Blick versucht, über die Trümmer des Brandes hinauszuschauen, weiter als dieser erste Tag des Jahres. Unser Blick will hinter die Wolken blicken, auf eine liebevolle, tröstende Präsenz, auch wenn sie von so vielen Wolken verdeckt ist.»
Der Bischof von Sitten sprach auch von einem Akt der Nächstenliebe: der Anwesenheit der Gemeinde für diejenigen, die nicht hier sein können, weil sie geografisch weit entfernt sind oder einen solchen Schritt nicht mitgehen könnten. «Eltern, Familien, Freunde der Verstorbenen oder Verletzten, wir sind hier bei Ihnen, für Sie. Sie sind in dieser Kathedrale präsent, und wir danken Ihnen», versicherte Lovey.
«Es bedeutet uns sehr viel, dass wir heute gemeinsam beten, weinen und hoffen können. Ja, in der Trauer wie in der Hoffnung Christi sind wir Brüder und Schwestern», betonte Sara Schulthess auf Deutsch.
Kerzen vor dem Altar
Die Feier hatte mit einer symbolischen Geste der Zelebranten im Chor der Kathedrale begonnen: Jeder hatte eine Kerze angezündet und vor den Altar gestellt. Diese kleinen Lichter waren das andere markante Symbol dieser Feier.
Am Ende dieser Gebetszeit war das orangefarbene Tuch, das auf den Stufen zum Chor der Kathedrale ausgebreitet war, voll brennender Kerzen, die die Gläubigen sorgfältig dort hinstellten, während der Chor der Kathedrale das Taizé-Lied «Christe lux mundi» sang.
Seite an Seite sprachen Bischof Lovey und Sara Schulthess abwechselnd das Segensgebet. Die Lieder «Christe lux mundi», «La ténèbre n’est pas ténèbre» und «Aber du weisst den Weg» begleiteten die Gläubigen auf ihrem Weg zum Altar.
(Übersetzung und Adaption aus dem Französischen von bal)