Badener Disputation 1526: Duell statt Dialog

Die Veröffentlichung von Luthers Thesen 1517 löst eine ganze Reihe von Ereignissen aus, die als Reformation bekannt wurden. Die Reformation war ein eminent politisches Ereignis, das mit Aufständen der Landbevölkerung einherging. So überfällt das Thurgauer Landvolk 1524 die Kartause Ittingen, plündert diese und legt Feuer. Im süddeutschen Raum erfasst ein viel grösserer Aufstand die Landschaft, der als Bauernkrieg in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Ein politisches Ereignis

Spätestens jetzt ist allen klar, welche Sprengkraft die Reformation für die politische Ordnung birgt. Der deutsche Theologe Johannes Eck erfährt von den eidgenössischen Wirren und schreibt einen Brief an die Tagsatzung, sie solle unverzüglich gegen die Reformation vorgehen. Er selbst bietet sich an, für eine Disputation nach Zürich zu kommen. Nach einigem Hin und Her, wo neben Zürich auch Basel als Austragungsorte diskutiert wurden, beschliesst die Tagsatzung, die Disputation in Baden, ihrem üblichen Tagungsort, anzusetzen.

In der Badener Stadtkirche wurde eine zweite Kanzel aufgestellt, fünf Schreiber und vier Präsidenten bestimmt, die den Vorsitz innehatten. Die Regeln für den Ablauf waren aber nicht klar. Etwa zweihundert Männer kamen als Zuhörer: geistliche und weltliche Würdenträger, Juristen und auch gewöhnliche Bürger. Gut die Hälfte waren Theologen.

Geschichte auf den Punkt gebracht

500 Jahre später ist die Badener Disputation Thema einer vielfältigen Veranstaltungsreihe in Baden. Anfangs April war es ein Vortrag des Luzerner Kirchenhistorikers Markus Ries, der zahlreiche Interessierte in die Badener Stadtkirche lockte. «Die Badener Disputation von 1526 – auf den Punkt gebracht», so lautete der Titel seines Vortrags, der auch kirchenhistorisch Gebildeten neue Erkenntnisse zu eröffnen versprach.

Johannes Eck, so erklärte Ries launisch, sei der «Roger Federer der Theologie seiner Zeit». Doch obwohl die Disputation die Konflikte innerhalb der dreizehn Alten Orte in Gesprächen hätte beilegen sollen, ging es bei diesem Anlass gar nicht um einen echten Dialog.

Eck war ein gewiefter Rhetoriker. Er hatte auch schon mit Martin Luther gestritten. Für die reformierte hätte Ulrich Zwingli antreten sollen, er traute sich trotz der Zusicherung freien Geleits aber nicht nach Baden. Dafür übernahm der Basler Reformator Johannes Oekolampad diese Rolle.

Streit um die Realpräsenz

Eck ging unverzüglich in die Offensive: Er zeigte in Thesen, wo die Reformierten, damals Neugläubige genannt, irrten. Die erste und wichtigste These betraf die Realpräsenz Jesu Christi in Brot und Wein. Dieses Thema war strategisch gewählt, wusste Eck doch, dass sich die Reformatoren in diesem Punkt nicht einig waren. Luther vertrat die Realpräsenz, während Zwingli Matthäus 26,26 nicht wörtlich verstehen wollte.

Hier hakte der gewiefte Theologe ein und konnte auf die Bibel verweisen: «Dies ist mein Leib» oder mit dem Text der Vulgata, die Eck benutzte: «Hoc est corpus meum». Oekolampad geriet in Rücklage.

Die Disputation zog sich über Wochen hin, wobei verschiedene Festtage die Diskussion unterbrachen. Notizen durften sich die Anwesenden keine machen, und doch war Zwingli in Zürich gut informiert. Er schaffte es auch, seinem Basler Kollegen Mitteilungen zukommen zu lassen. Genützt hat es wenig.

Theologie per Abstimmung

Am Ende wurde abgestimmt: 84 Stimmen entfielen auf Eck, 11 auf Oekolampad. Viele waren zu diesem Zeitpunkt schon abgereist, obwohl Präsenzpflicht galt. Eine demokratische Abstimmung war das nicht, das stellt Markus Ries klar. Erstens waren die Präsidenten nicht unparteiisch und zweitens war die reformierte Seite nicht in ihrer vollen Stärke vertreten.

Wenigstens ging es in der Badener Stadtkirche einigermassen geordnet zu und her. Ries zieht eine ernüchternde Bilanz: Die Badener Disputation, die von den Alten Orten, also von den politischen Autoritäten einberufen worden war, um die Einheit zu bewahren, verfehlte ihr Ziel. Die konfessionelle Spaltung der Alten Eidgenossenschaft liess sich nicht mehr rückgängig machen.

Erinnern auf Zukunft hin

Und doch fiel sie nicht auseinander. Dies ist wesentlich darauf zurückzuführen, dass sich die Alten Orte nicht in den Dreissigjährigen Krieg 1613-1643, der Mitteleuropa verwüstete, hineinziehen liessen. Das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit überwog gegenüber den konfessionellen Sympathien, die durchaus vorhanden waren. In der Rückschau wird die Friedfertigkeit der Schweiz gerne betont, die Eidgenossenschaft erlebte aber einige innere Kriege: die Kappelerkriege, die Villmergerkriege und der Sonderbundskrieg.

Weihbischof Josef Stübi, der die Einleitung sprach, und Kirchenhistoriker Markus Ries endeten mit nachdenklichen Worten: «Feier» sei nicht das richtige Wort für die Erinnerung an die Badener Disputation, aber man müsse ihr gedenken, allein schon wegen ihrer gesamtschweizerischen Bedeutung. Es gelte, so Josef Stübi, zu erinnern «im Hinblick auf die Zukunft, aufeinander zu». (kath.ch)