«Das grösste Pfadi-Lager aller Zeiten steht vor der Tür»

Vorfreude bei der Pfadi: «Das grösste Pfadi-Lager aller Zeiten steht vor der Tür», sagt Thomas Boutellier. 35’000 Pfadfinderinnen und Pfadfinder kommen ins Wallis. 600 Lastwagen karren Lebensmittel an. In einem Zelt soll ein temporäres Gotteshaus für alle Weltreligionen entstehen.

Sarah Stutte (kath.ch): Vom 23. Juli bis zum 6. August findet in Goms das Bundeslager (Bula) statt. Was macht das Bula so besonders?

Thomas Boutellier*: Die Pfadibewegung Schweiz organisiert das Bula nur alle 14 Jahre – das letzte fand 2008 in der Linthebene statt. Hier treffen sich Gruppen aus der ganzen Schweiz plus einige aus Ländern wie Schweden, Tschechien, den USA, Belgien und Italien. Ursprünglich war das Lager für letzten Sommer geplant. Aufgrund der Pandemie mussten wir auf 2022 ausweichen.

Speziell ist diesmal, dass das Bula zum ersten Mal auf einem einzigen, 170 Fussballfelder grossen Lagerplatz stattfindet. Bei den letzten Ausgaben waren die Bundeslager mit mehreren Unterlager organisiert. Passend dazu findet die diesjährige Ausgabe unter dem Motto «MOVA» statt: «Bewegung».

«Zum Frühstück werden jeden Morgen fünf Tonnen Brot benötigt.»

35’000 Kinder und Jugendliche, 5000 Helfende – das ist eine logistische Herausforderung. Wie wird die Lebensmittelversorgung organisiert?

Boutellier: Die Zahlen sind in der Tat immens. Wir bauen mit dem Bula eine Stadt, die temporär so gross sein wird wie die Walliser Kantonshauptstadt Sitten mit ihren knapp 35’000 Einwohnern. Zum Frühstück werden jeden Morgen fünf Tonnen Brot benötigt und ähnlich viele Teigwaren für ein Abendessen. Bis zu 600 Migros-Lastwagen beliefern in dieser Zeit das Gelände.

Wie strukturiert man den Tagesablauf für so viele Pfadi-Gruppen? Was steht jeweils auf dem Programm?

Boutellier: Jede Gruppe kann im Bula täglich ihre Aktivitäten buchen, wie beispielsweise Wanderungen oder Wasserangebote. Diese werden dann entsprechend den freien Zeiten zugewiesen. Die einzelnen Abteilungen sind sehr autonom, sie kochen selbst und führen ansonsten ihr eigenes Programm durch. Es gibt aber auch gemeinsame Zeremonien wie die Eröffnungs- und Schlusszeremonie sowie die 1. Augustfeier.

«Speziell für Eltern gibt es insgesamt zehn Besuchstage.»

Kann das Zeltlager auch besucht werden?

Boutellier: Ja, das Bula kann sowohl von der Bevölkerung als auch von den Eltern besucht werden. Am besten aber nicht spontan. Aus sicherheitstechnischen Aspekten und um Planungssicherheit zu haben, müssen wir immer wissen, wer sich gerade auf dem Platz aufhält. Um einen Einblick in das Gelände zu bekommen, können auf der Webseite Tickets für sogenannte «aventüras»-Erlebnistage gekauft werden. Speziell für Eltern gibt es insgesamt zehn Besuchstage, für die man sich ebenfalls im Vorfeld anmelden muss.

Wie steht es um die Vorbereitungen? An was muss noch alles gedacht werden?

Boutellier: Im Moment sind noch einige Details zu klären – etwa wird es ein Feuerverbot im Wallis geben oder andere Dinge, die man nur zeitnah planen kann. Seit rund vier Jahren arbeiten ungefähr 750 Menschen an diesem Anlass. Da ein Anlass in dieser Grösse in der Schweiz noch nie durchgeführt wurde, werden wir sehen, wie gut die Vorbereitungen dazu beitragen, das grösste Pfadiabenteuer erleben zu können. Wenn am 23. Juli die ersten Pfadis auf den Platz kommen, werden wir sehen, ob wir an alles gedacht haben.

Was macht ein solcher Anlass mit der Region? Auch die umliegenden Ferienhäuser sind von der Pfadi ausgebucht. Es wird eng werden in Goms.

Boutellier: Das ist so. Auch nach der Anreise werden dort täglich ungefähr 10’000 bis 15’000 Menschen mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs sein. Die Stimmung im Tal ist aber gut. Das bestätigen auch die bisherigen Rückmeldungen. Touristisch ist das Bula für den Kanton sehr wertvoll. Auch kann die Bevölkerung vom Bula profitieren. Sei es, weil in der Umgebung eingekauft wird, oder weil das Bula während der Dauer des Lagers die Grundversorgung noch ein wenig erhöht.

«Das grösste Lager der Schweiz zieht in der Regel viele Politikerinnen und Politiker an.»

Doch nicht alle Oberwalliser scheinen sich auf den Grossanlass zu freuen. Manche Bauern sorgen sich um ihr Ackerland.

Boutellier: Bei einem so grossen Anlass können nie alle ganz zufrieden sein. Seit Goms als Lagerplatz benannt wurde, sind wir im engen Austausch mit den Landbesitzern. Sie können das Land, auf dem das Bula entsteht, wohl dieses Jahr nicht mehr wirklich nutzen. Darum entschädigt das Bula den Ausfall auch und bezahlt Miete.

Stimmt es, dass es auch prominenten Besuch im Lager geben wird?

Boutellier: Offiziell bestätigt ist noch nichts. Das grösste Lager der Schweiz zieht in der Regel viele Politikerinnen und Politiker an. Ich erwarte die Bundesräte und alle Politikerinnen und Politiker, die mal in der Pfadi waren. Und wer weiss, vielleicht sehen wir die eine oder andere Überraschung. Die Prominentesten sind aber sicher die Kinder und Jugendlichen. Sie stehen im Zentrum des Abenteuers.

«Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss und Schauspieler Beat Schlatter sind ebenfalls ehemalige Pfadfinder.»

Welche Schweizer Pfadi-Berühmtheiten gibt es?

Boutellier: Am bekanntesten war sicher Polo Hofer. Seine Lieder bereichern bis heute Pfadi-Gruppen am Lagerfeuer. Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss und Schauspieler Beat Schlatter sind ebenfalls ehemalige Pfadfinder. International bekannte Ex-Pfadis sind beispielsweise Steven Spielberg und König Carl XVI. Gustav von Schweden. Und US-Präsident wird man auch nicht, wenn man nicht bei den Pfadfindern war – Trump ist eine Ausnahme.

Wie katholisch ist die Pfadi?

Boutellier: Die Pfadibewegung Schweiz ist mit ihren rund 50’000 Mitgliedern ein konfessionsneutraler Verband. Abteilungen, die sich pfarreilich orientieren, sind dazu noch Mitglied beim VKP. Die Struktur in der Schweiz gestaltet sich anders als in Deutschland, wo es noch verschiedene konfessionell geprägte Verbände gibt.

«Der VKP ist mit einer Jurtenkirche im Bula vertreten.»

Da in der Pfadi die ganzheitliche Entwicklung des Menschen zentral ist, gehört die spirituell-religiöse Ebene selbstverständlich mit dazu. Mit der Hilfe der Präses finden darum Anispis (Animation Spirituelle) und zum Teil auch Lagergottesdienste statt. Der VKP (Verband Katholischer Pfadi) ist mit einer Jurtenkirche im Bula vertreten, in der es ein Angebot zu den Weltreligionen gibt. Dazu werden drei grosse Jurten und ein Kothenturm mit Kirchenfenstern in der Mitte des Lagers platziert. Während des Bulas werden zudem Abendimpulse mit Gesängen aus Taizé in der Dorfkirche Ulrichen stattfinden.

Was macht den Charme eines Bundeslagers aus?

Boutellier: Das Zusammengehörigkeitsgefühl wird grossgeschrieben. Alle erleben diese zwei Wochen miteinander und spüren die Pfadi-Bewegung. Sie sind zusammen unterwegs und schaffen dadurch etwas Einmaliges, das alle stolz macht.

* Thomas Boutellier (42) ist Verbandspräses im Verband Katholischer Pfadi und Leiter der kirchlichen Fachstelle Jugend in Solothurn.

 

Das kleine Pfadi-ABC

B wie Bi-Pi: Die Pfadfinderbewegung wurde 1907 vom Engländer Robert Baden-Powell gegründet, um Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten.

F wie Foulard: Teilweise auch Pfadikrawatte genannt. Gehört zur traditionellen Bekleidung eines Mitglieds der Pfadibewegung. In der Schweiz dient dieses als Erkennungsmerkmal, da jede Abteilung ihr eigenes Foulard hat.

H wie Haik: Pfadishop, in welchem man diverse Ausrüstung für den Pfadialltag, unter anderem das Pfadihemd kaufen kann.

S wie Spatz: Der Spatz ist das traditionelle Gruppenzelt, in dem die Pfadis schlafen.

T wie Taufe: In der Pfadi hat jeder seinen persönlichen Pfadinamen, der die Persönlichkeit widerspiegeln soll. Dieser wird neu beigetreten Pfadis durch die Taufe verliehen.

Tiernamen oder Charaktere aus Disney-Filmen sind hier beliebt sowie zunehmend auch fremdsprachige Bezeichnungen. Der emeritierte Weihbischof von Chur, Peter Henrici, heisst etwa «Balu».

W wie Wölfe: In der Wolfsstufe entdecken Kinder von sechs bis zehn Jahren die Pfadiwelt anhand der «Dschungelbuch»-Geschichte.